A church, two castles and Fawlty Towers
3. Juni 2019

Hui, das war eine stürmische Nacht! Am späten Abend kam der angekün­digte Wind mit Sturmböen. Und unser MoMo bietet da genug Angriffs­fläche! Aber es ist dann auch irgendwie so als würde man sanft in den Schlaf gewiegt. Wenn nur die Geräusche nicht wären. Denn der Wind erzeugt in unserem Verdun­ke­lungs­schieber am Heki ein grässlich nervendes Flatter­ge­räusch. Irgendwann komme ich mitten in der Nacht auf den Gedanken, dass es sich vielleicht besser schläft, wenn es heller aber dafür leiser ist und schiebe die Verdun­kelung zurück. Und so ist es dann auch.

John Muir für Arme

Als wir aufwachen, ist das schlechte Wetter wieder da, was wir gestern hinter uns gelassen hatten. Verfolgt uns das etwa? Immerhin regnet es nicht. Aber es ist windig und wieder deutlich kühler als gestern.

Wir machen eine kleine Runde mit den Hunden und stellen fest, dass der hier lang führende John-Muir-Weg den Mitbe­gründer der ameri­ka­ni­schen Natio­nal­parks (der im Nachbarort Dunbar geboren wurde) im Grabe rotieren lassen würde. Schon das Stück gestern durch den Ort war alles andere als landschaftlich schön. Aber die Runde heute führt uns dann noch an einem trost­losen Kraftwerk vorbei. Klar, muss es auch geben, aber für einen Wanderweg wirklich nicht toll.

You‘ve come to the right place

Wir haben beschlossen, dass wir noch ein bisschen Historic Scotland erkunden möchten. Denn eine Sache hat uns auf dieser Reise echt Spaß gemacht: Das Besuchen von Kirchen und Burgen, die wir vorher noch gar nicht so auf dem Schirm hatten und die dann ganz tolle Entde­ckungen sind.

Eine davon ist definitiv die Seton Colle­giate Church. Liegt auf der Strecke, wird uns im Historic-Scotland-Prospekt sehr ans Herz gelegt und ist dann auch wirklich schöner als erwartet. Schon der Weg dorthin ist urig.

Noch besser ist dann der Warden namens Aidan, den wir darauf ansprechen, ob wir unsere Membership-Card nachträglich doch noch zugeschickt kriegen können. Ursprünglich hatten wir darauf verzichtet, da sie an die Heima­t­adresse geschickt wird. Und somit 10£ gespart. Die zahlen wir heute nach, da wir vorhaben, im Herbst einfach noch mal wieder­zu­kommen. Wir haben noch zu viele Lücken auf der Landkarte!

Der schon etwas nerdig ausse­hende Aidan ist da ganz bescheiden: „I don‘t want to flatter myself too much but you‘ve come to the right place.“ Man muss wohl ein bisschen im Compu­ter­system rumhacken, um das zu schaffen, aber er sei so versiert, dass das angeblich geklappt hat. Prima, dann kann es im Herbst ja weiter gehen!

Die Colle­giate Church ist dann wieder so ein kleines, aber feines Gebäude, dass genau richtig herge­richtet wurde. So schön, dass man es würdigen kann. So roh, dass man merkt: Das ist echt alt hier!

Wunder­tü­ten­castle

Unser nächster Stopp ist dann noch eine Empfehlung von Aidan. Der kann echt was. Wir besuchen nämlich Dirleton Castle, was wir sonst vielleicht eher nicht getan hätten. Und das wäre echt eine Sünde gewesen. Gehört definitiv in die Top3 unserer Historic-Scotland-Besuche!

Warum? Weil es viel mehr zu bieten hat, als man auf den ersten Blick denkt. Und wenn man dann denkt, dass man fertig und vollkommen zufrieden ist, kommt noch mal eine dicke Überra­schung um die Ecke.

Aber der Reihe nach. Man kommt erst mal in einen schön angelegten Garten. Und kriegt ein Gefühl für die Größe der Anlage. Eher eine von den größeren Burgen.

Schon das Taubenhaus ist ein Highlight. Ein von außen bienen­korb­ar­tiges Gebäude, in dem sich dann tausende Tauben­löcher befinden. Abgefahren!

Und das Castle an sich ist dann erst mal das übliche Ensemble aus ziemlich viel Zusam­men­ge­krachtem. Das coole daran ist aber, dass hier vieles begehbar ist und man quasi wie in einem Labyrinth schon mal die Orien­tierung verlieren kann. Habe ich das jetzt schon gesehen? War ich dort schon drin?

Und Annette schickt mich noch mal in einen Bereich, den ich sonst glatt übersehen hätte. Und mindestens um den Zwei-Klassen-Kerker wäre es dann wirklich schade gewesen. Eine Etage für die Adligen, eine für den Pöbel. Und das Gefängnis für die Adligen sah schon gar nicht mal so nett aus. Aber immerhin noch mit Feuer­stelle und frischer Luft…

Das ganze ist wirklich ein kleiner Abenteu­er­spiel­platz. Und als wir die Burg verlassen, gibt es noch einen kleinen Bonus: Auf einer riesigen quadra­ti­schen Rasen­fläche spielen 3 ältere Herrschaften Bowling. Also nicht so wie man das bei uns kennt. Sondern eher eine Art briti­sches Boule. Und es ist beein­dru­ckend zu sehen, wie treff­sicher das alte Ehepaar die Kugeln bis an die Zielkugel heran­rollen kann. Respekt!

Magni­fi­cient view

Im nächsten Tesco füllen wir unsere Vorräte ein letztes Mal auf und werden Zeuge, wie das Wetter im Nu auf eklig umschwingt: Schauer, Sturm und Graupel. Brrr!

Dafür gibt es bei der Weiter­fahrt aber eine doll beein­dru­ckende Licht­stimmung als wir zum nächsten Ziel fahren. Vor dem Tantallon Castle sieht man schon auf dem Meer den Bass Rock weiß leuchten. Also nicht so weiß wie die White Cliffs of Dover, sondern weiß wie Vogel­kacke! Auf der Insel brüten Tausende von Basstölpeln und entspre­chend zugeschissen ist das ganze Eiland dann auch. Sieht aber vor einem schwarzen Himmel geradezu drama­tisch gut aus!

Am Tantallon Castle warten wir den nächsten Schauer bei Kaffee und Keksen ab und machen uns dann bei schönstem Sonnen­schein auf den Weg zu diesem wieder mal anders ungewöhn­lichen Castle. Das besondere hierbei: Von vorne sieht es mächtig und bedeutend aus. Dahinter ist aber alles reichlich kaputt und größten­teils nicht mehr vorhanden. Statt­dessen gibt es eine große Rasen­fläche und dann: nur noch das Meer. Was muss das früher für ein genialer Ort gewesen sein!

Eckiges Taubenhaus

Immerhin kann man durch die 2 noch intakten Türme auf den obersten Wehrgang gelangen und hat dann einen fantas­ti­schen Ausblick auf das gesamte Umland. Das ist schon ganz großes Kino!

Wir haben heute aber auch richtiges Glück: Als wir uns auf den Rückweg zum MoMo machen, sehen wir schon das schwarze Regen­gebiet auf uns zustürmen. Und wir schaffen es aber auf die Sekunde genau zusammen mit den ersten Regen­tropfen wieder zurück zu sein und können uns von drinnen ein wirklich beein­dru­ckendes Unwetter angucken. Brrrr!

Byebye Scotland

Dann ist aber die Stunde der Wahrheit gekommen. Morgen geht die Fähre und wir möchten nicht in Schwu­li­täten kommen. Daher fahren wir noch ein paar Meilen weiter in Richtung Newcastle und somit bald über die Grenze nach England. Byebye Scotland, you‘ve been great!

Unser Ziel ist der Camping­platz in Beadnell in Northum­berland. Eine Empfehlung von Chris und Doug, unseren neuen Freunden vom Camping­platz auf Mull. Auf dem Weg kommen wir noch am riesigen Bamburgh Castle vorbei. Boah, das sieht ja schon wieder so toll aus! Aber diesmal fahren wir dran vorbei. Nächstes Mal!

Auf dem Camping­platz werden wir sehr freundlich, aber auch sehr präzise einge­wiesen. Da kommt ein Warden mit zu der Sektion, wo wir uns einen Platz aussuchen sollen. 5x8 Meter. Gekenn­zeichnet mit einem weißen Pflock. Auf fein gemähtem Rasen.

Fawlty Towers

Für unseren letzten Abend auf briti­schem Boden gönnen wir uns noch mal ein Essen in einem Restaurant. Unsere Wahl fällt auf das Beadnell Towers, laut Doug‘s Schwester eine gute Wahl.

Beim Betreten haben wir den Eindruck, dass wir von der eigent­lichen Bedienung gekonnt wegigno­riert werden. Kein „Hi“, kein „Welcome“. Tische sind aber genug frei. Der junge Mann am Tresen guckt nach meiner Frage nach einem Tisch wichtig auf den Reser­vie­rungsplan und weist uns dann den Tisch zu, den ich als letztes gewählt hätte. Es gibt dann auch noch genügend andere Tische, die den Rest des Abends auch nicht besetzt werden. Merkwürdig.

Das ganze macht eigentlich einen sehr schicken Eindruck. Frisch renoviert und liebevoll dekoriert (wie wir am Ende erfahren, haben sie erst vor einer Woche nach 18 Monaten Renovierung wieder­eröffnet). Und wir kriegen ein kühles Bier serviert. Hurra!

Wir wollen uns nach mal unser neues Lieblings-Seafood gönnen: Scallops. Den Geschmack der Jakobs­mu­scheln aus Lochmaddy habe ich immer noch auf der Zunge! Die werden also als Vorspeise geordert.

Einige Zeit nach unserer Bestellung wird aber das Besteck für die Vorspeisen von der Bedienung abgeräumt und wenig später steht sie strahlend vor uns und möchte die Haupt­speisen servieren. Ähm, da war doch was…? Wir weisen auf die bestellten Scallops hin und sie dackelt wieder ab. Annette schaltet aber schnell, denn wir möchten nicht, dass unser frisches Essen jetzt ewig warm gehalten wird, oder, noch doofer, wegge­schmissen wird. Also gibt es jetzt halt die Haupt­speise vor der Vorspeise! Einfach mal was Verrücktes machen!

Immerhin kriegen wir für diesen peinlichen Faux-Pas die Jakobs­mu­scheln jetzt nicht mehr berechnet. Da kann man nicht meckern. Und da sie dann auch bei weitem nicht so lecker schmecken wie die in Highlands und Hebriden sind wir dann auch nicht enttäuscht. Denn die Haupt­speisen waren echt lecker!

Und als wir zum MoMo zurück­kehren, gibt es dann noch einen beson­deren Sonnen­un­tergang mit linsen­för­migen, völlig platt­ge­drücktem Wolken, die rötlich leuchten. Sieht fast so aus wie gigan­tische Ufos am Himmel.

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