Strandnirvana

28. Mai 2019

Um es mal direkt vorwegzunehmen: Ja, wir wissen, dass wir uns komplett unglaubwürdig machen, wenn wir heute schon wieder vom „schönsten“ Strand reden. Und wahrscheinlich wird es uns hier auf den Hebriden sogar noch ein paar mal passieren, dass wir wieder so in Entzückung geraten.

Aber so einen Platz wie diesen, den wir heute fast mehr durch Zufall entdeckt haben, gibt es einfach nicht so oft. Ziemlich sicher sogar. Denn heute ist uns beim Fahren über die Kuppe vor dem Strandplatz schlicht die Kinnlade runtergeklappt. Und das, obwohl wir auf der Fahrt hierhin schon mehr als genug traumhafte Ausblicke hatte.

Wir schauten unterwegs auf surreal breite Strände, die man mit einer schnöden Fotografie nicht mehr wirklich wiedergeben kann.

Auf pittoreske, strohgedeckte und weiß gekälkte Häuschen vor dem herrlichsten Strandpanomrama.

Auf azurfarbenes Wasser in allen möglichen Schattierungen, welches am Horizont verheißungsvoll leuchtet.

Und hier haben wir das ganze jetzt in epischer Breite vor uns liegen. Auch wieder so breit und spektakulär, dass die Netzhaut Purzelbäume schlägt, um das alles zu verarbeiten.

Planänderung

Diese Bucht an den Clachan Sands bietet für uns alles, was das Womoreisen so toll macht. Denn nicht nur ist die Aussicht grandios. Nein, es gibt einen offiziellen Stellplatz, zur Verfügung gestellt vom lokalen Landwirt, der mit 10£ in die Honesty Box entlohnt wird und dafür recht ebene Grasplätze, Picknicktische, Frischwasser und einen Müllcontainer bietet.

Für uns ist nach wenigen Minuten klar, dass wir unseren eigentlichen Plan mal wieder verwerfen werden. Wir hatten nämlich gestern bereits im Westford Inn, dem “einzigen” Pub auf North Uist, für heute einen Tisch fürs Abendessen reserviert und uns schon drauf gefreut, dass man dort dann auch gerne nach ein oder zwei Bierchen übernachten darf.

Die Anfahrt auf dem schotter-sandigem Weg wirkt auf den ersten Blick durchaus womoabschreckend, lässt sich aber durchaus passabel fahren. Und ganz große Angsthasen (zu denen zumindest eine Hälfte der MoMo-Besatzung nicht gehört) können auch ihr Fahrzeug erst mal am schön gelegenen Doppelfriedhof ca. 500m vorher abstellen. Aber seid euch sicher: Ihr werdet das Fahrzeug später dann doch den geschwungenen Weg mit dem kurvigen Gefälle entlangfahren, um länger etwas von dieser Aussicht zu haben!

Da wir hier mal wieder am Ende der Welt stehen, gibt es standesgemäß auch keinen Mobilfunkempfang. Aber netterweise leiht mir unsere Nachbarin Marilyn ihr Handy, mit dem sie (komischerweise ebenfalls mit Vodafone) Empfang hat, damit ich dort absagen kann. Und wir kommen mit ihr und ihrem Mann ins Gespräch, da beide einen Hymer 4×4 fahren, der schon mal nicht ganz verkehrt aussieht. Vor allem der Stauraum ist gegenüber unserem MoMo natürlich um Galaxien besser und man sieht ihm seine 7m Länge gar nicht mal so sehr an. Nice vehicle! Die beiden machen übrigens alles richtig: Sie haben sich für 2 Monate auf dem Campingplatz in Balranald eingemietet und haben auch ansonsten anscheinend alle Zeit der Welt für schöne Touren.

Was bisher geschah

Bevor wir an diesen Traumplatz gekommen sind, haben wir allerdings schon ordentlich was gemacht. Für unsere Verhältnisse sind wir früh aufgestanden, damit wir um 10 Uhr an der „guided tour“ mit einem Ranger vom Vogelschutzreservat der RSPB (Royal Society for Protection of Birds) teilnehmen können.

Nicht, weil wir besonders viel über Vögel wissen oder ornithologische Ambitionen haben. Sondern, weil es immer Spaß macht, auf so einer Tour ein bisschen etwas mitzunehmen, was man vorher noch nicht wusste. Also fragt uns bitte nicht nach Namen von Vögeln, die wir gesehen haben: Hoffnungslos. Bis auf den Corncrake, den Wachtelkönig, haben wir uns da nix merken können. Und der Corncrake ist vor allem deswegen so spannend, weil man ihn häufig hört, aber so gut wie nie sieht. Sein Ruf klingt, als würde man mit einem Nagel einen dicken Kamm entlang ratschen.

Lohnenswerte Guided Tour

Spannend ist es auch, zu hören, wie ungewöhnlich die Landwirtschaft hier funktioniert, damit dieses Vogelschutzgebiet erhalten bleiben kann. Denn das Land gehört nicht der RSPB, sondern den Bauern, die aber eine Vergütung bekommen, damit sie ökologisch wertvoll wirtschaften. Also keine Pestizide oder Herbizide und eine ganz bestimmte Ackerfolge, damit die Böden nährstoffreich bleiben.

Gestern auf unserer Wanderung haben wir schon Sandfelder gesehen, die ein bisschen nach Acker aussahen. Wir konnten uns aber kaum vorstellen, dass da wirklich was drauf wächst.

Heute haben wir gelernt, dass dort in der Tat Hafer und Roggen angebaut werden können, obwohl der Boden so sandig aussieht, als würde da kein Saatgut drin halten, geschweige denn wachsen. Aber gerade dieser sandig-torfige Dünengrasboden, die Machair, ist das besondere an den Hebriden. Ein Boden aus diesem feinen Muschelsand, der auch die Strände so unvergleichlich macht.

Was wir leider nur in den Anfängen mitkriegen, ist die tolle Wildblumenblüte, die hier in ein paar Wochen so richtig loslegen soll und dann die Wiesen in ein noch größeres Spektakel verwandeln als wir es gestern schon fanden. Das ist bestimmt super!

Und am Ende der Tour drehen über uns am Himmel noch 2 Seeadler ihre Kreise. Nichts zum Fotografieren, da sie so weit weg sind, aber mit Fernglas ein eindrucksvoller Anblick.

What the people say

Wir haben uns heute übrigens mit vielen Leuten über unsere anstehende Weiterfahrt nach Skye unterhalten. Und von “lovely” bis “bloß nicht!” waren alle Meinungen vertreten. Es sei crowded und meistens regnerisch-nebelig. Es sei, sobald man die Hauptstraße mit den Haupttouristenattraktionen verlässt, großartig und gewaltig. Wie gut, dass wir uns da bald selbst ein Bild von machen dürfen!

Noch mehr Strand

Am Nachmittag entdecken wir dass hinter den Clachan Sands ein noch viel größerer Strand in südlicher Richtung liegt. Der helle Wahnsinn! Wir gehen ihn entlang und wundern uns schon nicht mehr, dass uns trotz Prachtwetters nur ein einziger Spaziergänger entgegenkommt. Elli kann also nach Herzenslust toben und rasen.

Am Ende der Bucht kommt man an eine Art Mündungsbucht, denn das Meerwasser sieht hier wirklich so klar aus wie Trinkwasser. Unglaublich schön!

Der x-te tolle Sonnenuntergang

Sonnenuntergang geht ja immer. Der Himmel weiß noch nicht so recht, wo er heute mit seiner Lightshow hin will. Zunächst vielversprechend, dann eher gedämpft und im Finale dann noch mal großes Kino.

Besonders gut machen ihre Arbeit als Statisten heute die Austernfischer, die sich kurz vor Sonnenuntergang alle am Rande der sanften Wellen zum Stelldichein treffen und andächtig still ein letztes Sonnenbad nehmen.

2 Kommentare

  1. Ach herrje, wie schööön! Da werd ich ja schon ganz hibbelig, da müssen wir unbedingt nochmal hin!!! Danke für die Erinnerung 😊

    Antworten
    • Bei den Clachan Sands habe ich auch an euch gedacht. Da waren auch andere Kitesurfer, die ihr ganzes Equipment den langen Strand entlang geschleppt haben. Aber ich wüsste nicht, ob man mit eurem Schlachtschiff den Zufahrtsweg fahren kann…

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Schottland Frühling 2019
Fish&Finish

Fish&Finish

Unser letzter Tag auf der britischen Insel ist schnell erzählt. Wir haben den Vormittag genüsslich mit Frühstück und Tagebuch (online und offline) vertrödelt. Den spätestens Check-out auf dem Campingplatz haben wir um 11.57 Uhr locker um 3 Minuten zu früh umschifft....

A church, two castles and Fawlty Towers

A church, two castles and Fawlty Towers

Hui, das war eine stürmische Nacht! Am späten Abend kam der angekündigte Wind mit Sturmböen. Und unser MoMo bietet da genug Angriffsfläche! Aber es ist dann auch irgendwie so als würde man sanft in den Schlaf gewiegt. Wenn nur die Geräusche nicht wären. Denn der Wind...

Grau zu Blau

Grau zu Blau

Och nööö. Schon wieder Regen. Und beim ersten Spaziergang mit den Hunden schießt Annette zwar schwer stimmungsvolle Bilder in Variationen von grau, aber das ist nicht das, was wir uns für den letzten Tag in den Highlands gewünscht haben. Priory mit Priority Unseren...

Zu-spät-Tag

Zu-spät-Tag

Der Regen ist über Nacht heller geworden. Es ist nahezu freundlich. Wir fahren weiter zum Castle of Aaaaarrrrrrggghhh. Zumindest Monty-Python-Fans wissen jetzt Bescheid. Schottland-Kenner würden jetzt eher vom Castle Stalker sprechen. Eine Wasserburg, wo auch mal...

Landunter

Landunter

Der Wetterbericht hat nicht gelogen. Grau in grau. Trüb. Feucht. Mehr als feucht. Nass. Igittwetter. Für uns steht eine folgenschwere Entscheidung an: Wollen wir, wie geplant, bis Sonntag auf Syke bleiben und dann in zwei längeren Etappen nach Newcastle zurück? Oder...

Fünfzig

Fünfzig

Wir müssen uns mal wieder den Wecker stellen, um die Fähre nach Skye nicht zu verpassen. Denn die fährt schon zu gottloser Zeit um 7.15 Uhr los. Und da man 45 Minuten vor Abfahrt da sein muss, weil sonst der Platz vergeben werden kann, machen wir das ganz gewissenhaft...

Goodbye, Hebrides!

Goodbye, Hebrides!

Die Nacht war wieder mal eisig. Von den Temperaturen her könnte es gerne mal 5 Grad mehr sein. Denn wir schielen immer noch auf unseren Gasvorrat. Auch wenn wir heiztechnisch sehr sparsam unterwegs sind, wird das noch eine enge Kiste. Momentan sieht es dennoch eher...

Fotografentraum

Fotografentraum

Das Wetter hat sich wieder beruhigt. War ja auch wirklich nicht schön die letzten beiden Tage! Am Morgen zeigt sich der blaue Himmel noch etwas zaghaft. Das Wetter weiß noch nicht so recht wo es hin will, gibt sich aber deutlich Mühe. So sehr, dass wir gegen Mittag zu...

Sturmstrand

Sturmstrand

Der Tag fängt so an, wie der gestrige geendet hat. Grau und trüb. Mann, ist das trostlos! Aber wir hatten uns ja an unserem Übernachtungsplatz eine kleine Spazierwanderung ausgesucht, die man auch bei dem schwachen Nieselregen getrost machen kann. Die Cladh Hallan...

Trübtag

Trübtag

Auf den Wetterbericht ist Verlass. Für heute war vorhergesagt, dass es Katzen und junge Hunde regnen würde und so ist es dann auch. Es ist so trüb, dass es uns nicht mal reizt, noch mal zu den tollen Stränden zu gehen. Wir gucken uns lieber aus dem MoMo die Kühe an,...

Traumstrände

Traumstrände

Heute gibt es eine MoMo-Küchenextravaganz. Annette macht uns ein schottisches Frühstück. Mit Rührei. Tomate. Bacon. Und Haggis! Letztere hatten wir uns bei der Räucherei in Glenuig gekauft und sind gespannt, ob sie so gut schmecken wie sie gekostet haben. Und sind...

Planespotting

Planespotting

Aus der wechselnden leichten Bewölkung von gestern ist heute morgen leider eine dichte graue Wolkendecke geworden. Aber trotzdem ist der Blick auf die vor uns liegende türkis-dunkelblau schimmernde Bucht beim Frühstücken ein Genuss. Wir beschließen, uns von den trüben...