Unspek­ta­kulär spekta­kulär
22. Oktober 2018

Wie gut, dass Wetter sich im Laufe eines Tages ändert. Denn der Vormittag ist alles andere als viel verspre­chend: Grau und tröpfelig trüb. Und wenn wir vom Wetter­be­richt nicht Hoffnung gemacht kriegten, dass es im Laufe des Tages immer besser würde: Wir wären wahrscheinlich abgereist. Gut, dass wir das nicht getan haben!

Mittags­wan­derung zum Reder­angsee

Gegen Mittag klart es zusehends auf und auf einmal haben wir blauen Himmel über uns. Sogar reichlich! Also machen wir uns auf die Eichhörn­chen­runde, die an unserem Stell­platz vorbei­führt. Zunächst noch mal auf der gleichen Runde wie gestern, dann aber größten­teils durch den heute noch ein Stückchen bunteren Wald. Wir haben jetzt wirklich den Höhepunkt der Herbst­färbung erreicht und es sieht einfach (wie jedes Jahr) unver­gleichlich aus, was die Natur noch mal ins Land pinselt, bevor es in den kommenden Monaten trübgrau wird.

Am See angekommen setzen wir uns im Beobach­tungs­stand zur Gruppe von Leuten, die mit einem Ranger auf Adler­safari sind. Vor uns liegt der stille See, unter uns der Schilf­gürtel am Erlenwald. Alles sehr friedlich und man wird automa­tisch ein paar Takte leiser. Angeblich sind in Richtung Sonne auch ein Adler und zwei Bussarde zu sehen. Annette kann das bestä­tigen, aber ich sehe rein gar nichts, außer grellem Sonnen­licht. Und ich überlege mir, dass das ja auch ein pfiffiges Geschäfts­modell sein könnte: Wenn die Leute nicht sehen, was der Profi erkennt, kann man ja immer noch die Karte ziehen, dass man dafür halt entspre­chende Erfahrung brauche…

Auf dem Rückweg kommen wir noch am deutlich kleineren, fast schon knuffigen Jankersee vorbei, der uns aber trotzdem sehr gefällt, weil alles so übersichtlich ist. „Was ist das für eine schöne Ecke hier!“, überlegen wir mehr als einmal auf dieser Wanderung. Nicht spekta­kulär wie bei den erhabenen Fjorden Norwegens oder der endlosen Weite in den USA, aber einfach herrlich boden­ständig schön. Geradezu ein ideal­ty­pi­scher Wald: Nicht zu düster, nicht zu eintönig, nicht zu kulti­viert.

Kranich-Ticket-Tour

Als wir am MoMo ankommen, haben wir ganz schön Kohldampf und Annette macht sich daran, einen Milchreis zu kochen. Den können wir als Stärkung für die 3‑stündige Kranich-Wanderung, die wir abends noch machen wollen, aber richtig gut brauchen können! Dumm nur, wenn man nicht mehr auf die Uhr geguckt und auch nicht bedacht hat, dass die Abendwanderung schon um 16 Uhr beginnt. Und so ein Milchreis braucht seine Zeit! Argh! Wir brechen also ungesättigt auf und stopfen uns als Notration lediglich ein paar Kekse rein.

Am Natio­nal­parks­zentrum in Federow kommen wir dank Annettes strammer Pace sogar noch deutlich vor 16 Uhr an und stellen fest, dass es noch immer ganz schön viele Leute gibt, die den Ausflug machen wollen. Wenn man tagsüber rumge­laufen ist und kaum jemandem begegnet ist, wundert man sich, wenn dann fast 30 Leute zusam­men­kommen!

Die Führung erweist sich dann als absoluter Volltreffer. Zumindest, was unseren Ranger angeht: Herr Micheel hat eine ausge­sprochen gut Art, mit trockenem Humor nicht nur die Entstehung des Natio­nal­parks (quasi der letzte Akt der DDR-Regierung am 1.10.1990) sondern auch die Natur in Flora und Fauna gut zu erklären. Dicke Empfehlung!

Es dauert recht lange, bis wir am nur 2km entfernten Aussichts­stand ankommen und zunächst war ich etwas verun­si­chert, ob wir nicht durch die ganzen inter­es­santen Erklä­rungen das Beste verpassen würden. Die Sorge ist aber unberechtigt, den als Profi weiß unser Ranger, dass die Vögel sowieso erst nach Sonnen­un­tergang ankommen werden.

Nachdem wir also alle brav Platz genommen haben und noch mal darauf hinge­wiesen werden, dass es wichtig sei, leise zu sein, können wir erst mal den Sonnen­un­tergang genießen, bevor dann die ersten Kranichzüge heimkehren. Die sind aber weit weg! Da lohnt es sich doppelt und dreifach, ein gutes Fernglas dabei zu haben.

Und es ist dann ein ganz simples Vergnügen, einfach nur dazusitzen und den Kranichen beim Forma­ti­onsflug zuzugucken. Fast wie eine Meditation. Wenn da nicht der Honk wäre, der trotz des vorhe­rigen Hinweises nicht das akustische Autofocus-Signal abgestellt hat und uns alle damit nervt, dass es alle naselang „Pie-piep“ macht.

Leider haben wir heute Pech und alle Kraniche lassen sich am Westufer des Sees nieder — wir sitzen am Ostufer und können sie von dort aus praktisch nicht mehr sehen. Noch vor 2 Tagen seien die meisten Kraniche eine Bucht von unserem Aussicht­stand entfernt gelandet. Tja…

Aber trotz der lediglich auf Entfernung gesehenen Kraniche und auch, wenn es „nur“ 2000 Kraniche statt der 12.000 vor ein paar Wochen waren, sind wir absolut zufrieden mit unserer Tour — das werden wir irgendwann noch mal wieder­holen, wenn wir früher im Oktober hier sein können!

Als wir im Dunkeln dann am MoMo ankommen, gibt es erst mal was zu Essen und dann ist wirklich verdienter Feier­abend. Was ein schöner letzter Erleb­nistag im Natio­nalpark!

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