Der Schlüssel
3. August 2018

Ein Drama in 5 Akten

Prolog

Gestern abend haben es ein paar Kuschel­camper geschafft, sich auf dem wirklich großen Camping­ge­lände 1m neben uns zu stellen. Respekt! Wir fühlten uns auch gar nicht durch deren Hantieren an ihrem Fahrzeug gestört. Top Ebayer, gerne wieder.

Wir machen noch eine kleine Hunde­runde zum See und finden die Regen­tropfen auf den Pflanzen irgendwie auch mal ganz roman­tisch. Regen! Hatten wir ja noch gar nicht so viel in diesem Urlaub.

Erster Akt: Die Landschaft

Wir flüchten mal wieder vor dem grauen Niesel­wetter. Da für den Südwesten nur grau-in-grau angesagt ist, legen wir die Telemark als Ziel fest. Da soll die Sonne scheinen.

Als wir dann über die Hardan­ger­vidda, dieses karge Felsplateau, fahren, sind wir mit dem Wetter aber fast schon versöhnt. Passt irgendwie zu dieser unwirt­lichen Landschaft. Wir tippen noch, ob die Tempe­ra­turen in den einstel­ligen Bereich gehen könnten, aber bei 12° ist dann doch Schluss. Mitleidig denken wir an die Armen, die Zuhause unter der Hitze­welle leiden.

Da der Niesel­regen immer mal wieder aufhört, machen wir einen Stop an einem Parkplatz, wo ein Norweger sich ein Tipi als Imbissbude herge­richtet hat.

Und während Annette Waffler und Geitost (Ziegenkäse) kauft, mache ich ein paar Fotos von dieser wilden Landschaft.

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Wir haben heute richtig viel Zeit und machen daher einen Fotostopp nach dem anderen. Kurz vor dem Vågslid-Tunnel sieht es gerade mit einem Hauch Sonnen­licht besonders drama­tisch aus. Schnell wieder raus, bevor die Sonne weg ist! Annette nimmt die Hunde, ich die Kamera und auf geht’s!

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Zweiter Akt: Der ADAC

Als ich begeistert wieder zum MoMo zurück­kehre, fühle ich in meine Hosen­tasche. Nix. Ach ja, den Schlüssel hattest du ja in der Jacken­tasche. Ups — nix. Ich werde doch nicht…? Nachdem alle Taschen durch­sucht sind, bringt ein Blick ins MoMo Gewissheit. Da liegt der Schlüssel auf der Küchen­zeile. Sch#’?@sse!

Naja, dann rufen wir halt den ADAC an. Die helfen ja schnell. Und vorbildlich. Die Erfahrung hatten wir vor 5 Jahren gemacht, als unser Womo in St. Tropez aufge­brochen wurde, weswegen ich wohl auch heute brav alles abgeschlossen hatte. Trauma. Denn an dieser Stelle hier hätte sich sicher kein Diebes­ge­sindel rumge­trieben…

Erster Versuch: „Bitte haben sie Geduld.“ Natürlich, ist bestimmt viel los bei euch. Ich nutze in der Zeit, die ADAC-App, um meine Panne mit Koordi­naten und allen Angaben schon mal durch­zu­geben. Wie praktisch! Jetzt soll man nur noch telefo­nisch den Auftrag bestä­tigen und ab geht die Luzie. Toll! Nach 6 Minuten fliege ich aber aus der Warte­schleife. Tut, tut, tut.

Zweiter Versuch: „Bitte haben sie Geduld.“ Naja, kann ja mal passieren. Noch mal angerufen. Nach 6 Minuten fliege ich aus der Warte­schleife. Tut, tut, tut.

Dritter Versuch: Ich rufe die deutsche Hotline an. Da stimmt wohl was nicht. „Ja, bei mir sind sie hier falsch, sie sind ja in Norwegen.“ Achwas. „Ich verbinde sie jetzt…“ Warte­schleife. Nach 5 Minuten meldet sich die gleiche Dame noch mal: „Das ist ja wirklich komisch, da geht wirklich keiner ran. Dann versuchen sie es doch bitte selber noch mal. Irgendwann wird es schon klappen. Ach, sie haben die Daten schon mit der App gemeldet. Ja, das ist noch im Erpro­bungs­zu­stand. Im Ausland funktio­niert das nicht.“ Echt jetzt? Das ist alles? Es ist.

Vierter Versuch: Ich rufe noch 2x die inter­na­tionale Nummer an. Nach 6 Minuten fliege ich aus der Warte­schleife. Tut, tut, tut. Mein Vertrauen in den ADAC ist komplett geschwunden.

Fünfter Versuch: Wir stehen mittler­weile seit einer halben Stunde doof in der Landschaft rum. Also doch noch mal die deutsche Hotline? „Ich verbinde!“ „Aaaargh!“ Aber wie durch ein Wunder habe ich diesmal einen echten Menschen an der Strippe, der alles für mich aufnimmt. „Sie kriegen in der nächsten halben Stunde einen Anruf vom Pannen­dienst aus Norwegen. Schlüs­sel­dienst ist übrigens mit 100€ gedeckelt, den Rest werden sie dann selber zahlen müssen. Tschüssi!“

Innerlich formu­liere ich schon mal meine Kündigung.

Dritter Akt: Das Warten

Nun stehen wir also da. Es setzt ein leichter Niesel­regen ein und was wir am Himmel auf uns zukommen sehen, verheißt nichts gutes. 12°. Immerhin haben wir beide unsere Regen­jacken an. Annettes Hose ist aber nicht wirklich für diese Tempe­ra­turen gemacht und mein T‑Shirt unter der Regen­jacke wärmt auch nur so mittel­prächtig.

Von norwe­gi­scher Stille ist übrigens auch keine Rede, denn die Entlüftung des Tunnels röhrt auf Hochtouren. Auf Dauer ganz schön laut. War mir noch nie so aufge­gangen, dass es vor einem Tunnel laut sein könnte…

Nach einer halben Stunde ruft der norwe­gische Pannen­dienst an. Hurra! Und nach ersten Verstän­di­gungs­schwie­rig­keiten haben wir auch unsere Position durch­ge­geben (sollte das nicht der ADAC machen…?) und kriegen das Versprechen, dass der Pannen­helfer gleich da sein werde. „Wann ist denn gleich? In 20 Minuten?“ frage ich angesichts unserer Panne in the middle of nowhere. “Och, so 1–1,5 Stunden!“ Meine Kinnlade klappt runter. Es fängt an zu regnen.

Gottseidank gibt es neben dem Tunnel eine Art Schutz­hütte im Fels. In dieses Refugium mit seinen weichen Sesseln, die wir durch die Scheibe sehen, kommen wir zwar nicht rein, aber immerhin gibt es einen 40cm tiefen Unter­stand, so dass der meiste Regen an unser vorübergeht. Außerdem ist hier das Lüftungs­röhren des Tunnels kaum noch zu hören. Es könnte schlimmer kommen…

Wir betrachten, wie die Landschaft vor uns im Wolken­sup­penmeer versinkt. Der Regen wird stärker. Schon eine Stunde geschafft. Jetzt könnte er doch langsam kommen…?

Mia zittert mittler­weile und auch Annettes Bewegungs­pro­gramm kriegt uns nicht wirklich wieder warm.

Annette hat noch die Idee, dass wir wetten können. Wie viele Autos kommen noch aus dem Tunnel gefahren, bis unser Pannen­helfer da ist? Ich schätze 30, sie legt sich auf 50 fest. Nach 50 Fahrzeugen sind 1,5 Stunden vergangen. Ich rufe noch mal in Norwegen an. „Der müsste gleich da sein.“

Vierter Akt: Öffnungs­ver­suche

Er kommt. Hurra! Ab jetzt geht alles ganz einfach. Hat man doch schon tausendmal gehört. Das sind Profis, die machen einmal ritsch, einmal ratsch und zack ist das Ding offen. Easy!

Nicht bei uns. Der Anfang sieht noch vielver­spre­chend aus. Mit Luftbeuteln wird die Fahrertür etwas aufge­pumpt, damit das Öffnungs­werkzeug passt, aber unser wortkarger, hagerer blonder Helfer guckt hier, guckt da, schüttelt mit dem Kopf. Zu wenig Platz und er habe Sorge, dass das Fenster springe, wenn er noch weiter pumpe. Ernüch­terung.

Aber es gibt ja noch andere Möglich­keiten ins Fahrzeug zu kommen. Die Aufbautür soll doch ein leichtes Opfer sein! Also werden ein Set Dietriche, ein paar Drähte und ein Schrau­ben­dreher ausge­packt. Und es wird gefriemelt und geporkelt und gedreht. Einzig: Das erlösende Klack! ist nicht zu hören.

Eventuell das Küchen­fenster? Aber das hat Verschlüsse, die man von innen ja auch noch drücken muss. Fällt also auch flach.

Ich habe die rettende Idee: Wir haben doch den Außen­zugang zu unserem Kleider­schrank! Und die Knebel­ver­schlüsse lassen sich doch viel leichter öffnen als die manchmal hakelige Aufbautür! Wir versuchen alles. Und scheitern. Och!

Die Hunde haben es sich mittler­weile unter dem MoMo gemütlich gemacht.

Fünfter Akt: Erlösung

Unser Blonder Engel wirkt zusehends ratlos. Aber irgendwas versucht er dann doch immer noch. Jetzt geht es wirklich ans Küchen­fenster. Nachdem er uns gefragt hat, ob es okay wäre, wenn das dabei auch zu Bruch ginge. Er könne für nichts garan­tieren. Letztes Jahr hätte ein Kollege von ihm das auch so lösen müssen. Also gut, versuchen wir’s!

Mit Keil und Zollstock bringt er das Fenster so unter Spannung, dass er mit seinem Öffnungs­werkzeug, einem langen dicken, so gerade noch biegbaren Metallstab, tatsächlich hinein­kommt. Wir sind immerhin schon mal mit etwas im Fahrzeug! Aber das Öffnen der Knebel kann so nicht gelingen und da hat unser Norweger einen genialen Einfall: Man müsste doch nur mit dem Stab auf die Schlüs­sel­fern­be­dienung drücken, oder? Na klar!

Mit viel Ächzen und Stöhnen und Drehen und Nachbiegen gelingt ihm das Kunst­stück dann: Klack! Was ein erlösendes Geräusch!

2 Stunden hat unser Retter für seine Heldentat gebraucht. Aber wie durch ein kleines Wunder ist tatsächlich nichts am MoMo kaputt gegangen und wir können, nach „Tusen Takk“ und Aushän­digung eines Feier­abend­bier­chens für unseren Helfer, einfach so weiter fahren. 5 Stunden Zittern im buchstäb­lichen und übertra­genen Sinne wegen eines blöden, verges­senen Schlüssels. Bezie­hungs­weise: Wegen Verrie­gelns und Verram­melns an einem Ort, wo das komplett unnötig war…

Epilog

Die Weiter­fahrt zu unserem Stell­platz im Furufjell in der Nähe von Åmot ist dann im teilweise wunder­schönen Abend­licht eine wahre Erholung. Breite Straßen, Entspannung, Schreck aus den Gliedern kriegen, Wärme tanken.

Wir belohnen uns am Ende mit einem wunder­baren Platz in absoluter Stille an einem kleinen See. Und die Sonne scheint auch schon wieder ein bisschen!

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