Tormenta in Torla
6. August 2017

Was! Für! Eine! Nacht!

Man sagt ja, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Können wir hiermit bestä­tigen.

Als wir ins Bett gehen prasselt der Regen stark auf uns und bietet eine monotone Einschlaf­hilfe. Wir freuen uns sogar auf die Abkühlung nach dem doch recht heißen Tag. Aber so etwas wie in dieser Nacht haben wir noch nicht erlebt! Das war das mit Abstand heftigste Gewitter, was wir je erlebt haben. Natur­gewalt. Mit einem Schwer­punkt auf Gewalt. Sah das ständige Blitzen noch sehr pittoresk aus, war spätestens mit den Hagel­körnern Schluss mit lustig.

Bumm. Bumm. Bumm! Das Prasseln der Hagel­körner weckt uns aus dem Schlaf, da es sich eben nicht mehr nach dem gemüt­lichen Pladdern auf dem Alkovendach anhört, was wir so lieben, sondern vielmehr als würde ein unartiges Kind mit voller Wucht Steine auf das Dach pfeffern. Bumm. Bumm. Bumm!

Ich verfluche mich für meine gestrige Idee, die Markise draußen zu lassen und lediglich mit einem zweiten Hering zu sichern. Bumm. Bumm. Bumm! Denn ein Blick aus dem Küchen­fenster lässt die Kinnlade runter­klappen. Zweiter Gedanke: “Ach du Scheiße!” Die Markise hängt durch, die Stangen merkwürdig verquer. Rund ums MoMo Hagel­körner auf dem Boden. Dicke Dinger. Bumm. Bumm. Bumm! Alle groß wie Tisch­ten­nis­bälle, manche sogar wie Hühnereier!

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Wir warteten das Ende des Hagel­schauers ab und ich springe hinaus, befreie das Marki­sentuch von der Last und kann sie sogar halbwegs wieder einfahren. Unsere Tische bringe ich notdürftig unter dem MoMo in Sicherheit, als der Hagel schon wieder losgeht. Bumm. Bumm. Bumm! Diesmal noch heftiger als zuvor. Immer wütender und lauter werden die knallenden Schläge auf das Dach unseres armen MoMos. Hört sich jetzt schon nach Ziegel­steinen an. Bumm. Bumm. Bumm!

Unser Oberlicht ist anscheinend teilweise zerschlagen, denn es beginnt ein stetiges Tropfen vom Dachfenster auf den Boden. Hektisch wischen wir auf und stellen eine Schüssel auf. Bumm. Bumm. Bumm!

Von draußen hört man die anderen Camper mitein­ander reden: “Das ganze Zelt ist kaputt!”, “Hol mehr Decken!”, “Holy shit!” Ich kann nicht sagen, wie lange das so dauert. Gefühlt endlos. Bumm. Bumm. Bumm! Es könnten aber auch nur 5 Minuten oder weniger gewesen sein. Bumm. Bumm. Bumm!

IMG_5132.jpgAm nächsten Morgen betrachten wir dann das Schlachtfeld. Und Schlachtfeld beschreibt es eigentlich ganz gut. Tot liegen die ganzen Blätter und Zweige, die es von den Bäumen gefegt hat, überall verstreut. Ihre Gegner, die Hagel­körner, liegen ebenfalls tot am Boden und sind auch jetzt, 2 Stunden später, noch riesig groß.

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Und rund um uns sieht es nach Chaos aus. Alle Fahrzeug sind zerdellt, manche mehr, manche weniger schlimm. Bei einigen Fahrzeugen hat es die Windschutz­scheibe getroffen, sie ist von Rissen übersät. In manchen Zelten und Markisen sind Löcher, die notdürftig geflickt werden. Eine Familie trägt traurig ihr Zelt direkt zu Grabe. Fast am meisten berührt mich das Bild der jungen Frau, die neben ihrem anscheinend nagel­neuen, roten und schnu­cke­ligen Mini steht, der von Dellen übersät ist. Sie weint hemmungslos.

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Ansonsten ist es erstaunlich ruhig. Wirklich die Ruhe nach dem Sturm. Alle sind scheinbar zu erschüttert, um sich laut zu beklagen. Man sieht immer wieder kopfschüt­telnd umher­ge­hende Leute, die das Ergebnis dieser Natur­gewalt betrachten.

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Auf der Suche nach einer Leiter, um auf unser Dach zu kommen, um das Dachfenster zu reparieren, treffe ich auf einen netten älteren Luxem­burger, der sich schon eine vom Camping­platz ausge­liehen hat. Er ist erstaunlich gelassen, repariert seine beiden kaputten Dachfenster notdürftig mit Plastik­tüten, braucht aber Panzertape, da das ganze mit Isolierband nicht so recht halten will. Seine Gelas­senheit tut mir gut. Auch mit einem Kölner, der ebenfalls die Leiter für seinen Wohnwagen braucht, komme ich ins Gespräch und merke, wie gut es tut, über die Erleb­nisse der Nacht mit Leidens­ge­nossen zu sprechen. Denn geschockt sind wir alle.

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IMG_5138.jpgDie Reparatur des Dachfensters klappt dann erstaunlich gut. Meine Rolle Panzertape ist danach zwar fast aufge­braucht, aber solange da kein Unwetter auf uns zu kommt, müsste es leidlich dicht halten. Bei der Inspektion des MoMos entdecke ich noch weitere Schäden. Einen Hebel­knauf für die Stauklappe hat anscheinend ein Hagelkorn regel­recht abgeschossen. Er liegt neben dem Staufach, dass sich jetzt nicht mehr öffnen lässt. Hm, dann müssen wir unsere Faltstühle für den Rest der Fahrt wohl im Alkoven unter­bringen… Auch die Motor­haube hat ein paar Schläge abgekriegt.

Der Camping­platz leert sich zunehmend. So gut wie alle sind im Abreise- und Zusam­men­pack­modus. An der Rezeption eine lange Schlange. Immerhin bekommt jeder Gast unauf­ge­fordert eine Beschei­nigung, dass es dieses extreme Unwetter gegeben hat. Und das spanische “Tormenta” ist einfach soviel passender als das vergleichs­weise harmlose deutsche “Unwetter”! Übrigens sehr gut, dass wir diese Beschei­nigung schon haben: Im Ort sehen wir nachher eine seeeehr lange Schlange vor der Guardia Civil, wo anscheinend andere Geschä­digte ebenfalls eine Beschei­nigung benötigen.

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Bei einem Cafe grande mit Süßkram sichten wir unsere Optionen. Der erste Impuls ist natürlich Flucht, ab nach Hause, das war’s. Aber wie sagte unser Kölner Mitcamper so treffend “Urlaub nicht verderben lassen”. Also was tun?

In den Pyrenäen bleiben ist bei der immer noch gegebenen Wetterlage und dem Zustand des MoMos eher nicht so schlau. Ein Jammer, denn die Bergwelt hier ist grandios!

Unsere geplante Fahrt an die Nordspa­nische Küste fortsetzen? Auch hier finden wir es nicht wirklich schlau, mit einem angeschla­genen Wohnmobil noch weiter von Zuhause wegzu­fahren als die bishe­rigen 1500km.

Wir beschließen schweren Herzens also, nach einem Tag Spanien wieder zu verlassen und uns auf eine Rückreise in kleinen Etappen zu machen. So ein bisschen blutet uns das Herz, denn wir haben in den paar Stunden schon gemerkt, wie gerne wir in Spanien sind. Da bleibt noch eine Rechnung offen. Nächstes Jahr?

Zurück wollen wir nicht genau die gleiche Route wie auf dem Hinweg nehmen. Also entscheiden wir uns für den Weg über Biescas und den Col du Pourtalet. Auf der eigentlich gut zu fahrenden N‑260 gibt es 2 kleine Tunnel. 4,20m Durch­fahrthöhe. Gefühlt aber eher deutlich niedriger. Und als mir ein Fahrzeug entge­gen­kommt, touchiere ich leicht die Felswand. Aua! Eine kurze Schadens­be­sich­tigung deutet aber auf Glück im Unglück hin: Nur die Keder­leiste angerauht. Puh!

Als wir ins Biescas ankommen ist es schon fortge­schrit­tener Mittag. Wir beschließen, vor der Weiter­fahrt über den Pass wenigstens einmal in Spanien zu Mittag zu essen. Auf dem großen Parkplatz, wo wir das MoMo abstellen, ist schon (oder noch?) für eine Kirmes aufgebaut. Zumindest ist noch kein Betrieb und es stehen jede Menge geparkte Autos dort.
Wir gehen durch die Straßen und landen schließlich im “Tiki”. Ein kleiner roter Tisch draußen vor der Tür, so dass es auch mit den Hunden kein Problem gibt. Und dann warten wir. Und warten. Der freund­liche Kellner, der so ein bisschen wie John Oliver aussieht, kommt und räumt die Hinter­las­sen­schaften der Vorgänger schon mal zur Hälfte ab. Wir warten. Er serviert am Nachbar­tisch und geht wieder, gut gelaunt. Wir warten. Mittler­weile habe ich mir eine Speise­karte vom Nachbar­tisch geholt. Hm, nur Menus, aber ohne Preise. Wir warten. Wir fragen, ob es auch etwas anderes gebe. “Menu in English? Yes, of course!” Wir warten. Und bekommen die Karte von vorher in lustiger engli­scher Übersetzung. Wir fragen, ob es auch so etwas wie einen gemischten Tapas-Teller gebe. Ja, klar! Was wir denn haben wollten:Fleisch, Fisch, Gemüse? Wir hätten gerne alles. “Okay, trust me!”

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Und serviert uns, nach nur wenig langem Warten tatsächlich die leckersten Chipi­rones, die man sich vorstellen kann. Mjam!

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Nächster Gang: Artischocken, welche Annette prima und ich geht so finden. Dann erst mal Sende­pause. Irgendwann kommt er mal wieder vorbei. Alles gut? Want some more? Er zeigt auf seine Wange und ergänzt: Pork. Spezi­altät des Hauses, das Beste, was wir kriegen könnten. Si senor, bueno! Annette fragt lieber nach Queso. Also kriege ich die Schwein­backe, die tatsächlich wunderbar in einer schlot­zigen Rotwein­sauce eingelegt ist. Und er hat nicht zuviel versprochen: Geschmacklich zum Nieder­knien! Rein optisch sieht das ganze aller­dings eher nach Durchfall mit Bröckchen aus, daher an dieser Stelle mal kein Foto… Für Annettes Käse müssen wir dann noch mal extra warten, denn der muss anscheinend erst noch einge­kauft werden. Dafür schmeckt er dann aber auch wirklich gut. Schade, solche skurrilen Erleb­nisse, wie dieses leckere Essen mit einem stets bestens gelaunten, aber völlig chaoti­schen Kellner hätten wir in Spanien gerne noch öfter erlebt. Wir werden wieder kommen!

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Doch jetzt heißt es nach grob 24 Stunden: ¡Adiós España! Wir fahren über den Col du Pourtalet durch eine beein­dru­ckende Szenerie, die uns schwer an Norwegen erinnert: Karg, mit mächtigen Bergspitzen. Nur, dass es hier noch große Flächen für Skian­gebote gibt, die offen­sichtlich im Sommer­schlaf sind.

Auf der franzö­si­schen Seite dann das komplett andere Bild. Erst mal gibt es auf der (noch spani­schen) Passhöhe jede Menge Einkaufs­tou­risten, die sich mit Hochpro­zen­tigem eindecken. Aber vor allem: Nebel! Und deutlich kühlere Außen­tem­pe­ra­turen. Als hätte jemand den Schalter von Spanien auf Frank­reich umgestellt.

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Wir fahren bergab und bergab, an manchen Stellen durch eine abenteu­erlich enge Klamm. Brauche ich heute eigentlich nicht mehr!

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Unser Tagesziel für heute ist Lourdes. Hatten wir ursprünglich gar nicht auf dem Zettel, aber ein bisschen göttlicher Beistand kann heute ja nicht schaden. Der Camping­platz La Forêt sah im Internet vielver­spre­chend aus und auch der freund­liche junge Portu­giese Marco an der Reception hat alle Zeit der Welt, um uns alle zur Verfügung stehenden Plätze zu zeigen. Auch hier sind die Plätze feucht und leicht matschig, da es ebenfalls geregnet hat. Immerhin aber ohne Hagel. Uns ist eigentlich aber alles recht, vor allem die Aussicht, dass es eine regen­freie Nacht sein wird.

Unser ereig­nis­reichster Tag des Urlaubs ist aber noch nicht zu Ende. Wenn wir schon mal in Lourdes sind, wollen wir uns auch die Prozession angucken, die jeden Abend dort statt­findet. Mit Tausenden von Gläubigen. Denn Lourdes ist, man glaubt es kaum, die zweit­meist­be­suchte Stadt in Frank­reich.

IMG_5149.jpgAls wir vom Camping­platz zur Basilika gehen, können wir uns noch gar nicht vorstellen, dass dem wirklich so ist. Es ist absolut ruhig, keine Leute auf den Straßen, tote Hose. Auch Gebete oder Gesänge hört man nicht. Ist das hier alles ein Fake? Aber irgendwann hören wir dann doch eine lautspre­cher­ver­stärkte Stimme und auch Gesänge. Wir steuern darauf zu und finden die einfacher Erklärung, warum da vorher nichts los war: Wir waren schon zu spät und die Prozession ist schon in vollem Gange!

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Wir kommen oberhalb der Santuaire bei der Basilika an und haben einen großar­tigen Blick auf die Menge von Leuten, die im Heiligtum schon vor sich hin prozes­sieren. An der Brüstung oben bei uns stehen ebenfalls viele Event-Gläubige, die sich ihr Ave-Maria-Lichtlein gekauft haben. Mitge­sungen oder ‑gesprochen wird hier oben eher wenig.

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Erst als ich eine der großen Freitreppen etwas hinun­tergehe, sehe ich das erste Mal den erleuch­teten Bereich an der Stirnwand des Heiligtums. Das ist schon ganz schön gut insze­niert! Man kann sich der andäch­tigen Stimmung, die so viele inbrünstig betende und singende Menschen ausstrahlen, nicht so wirklich entziehen. Muss man auch nicht, denn uns tut es gerade ganz gut und die schlimme Nacht wirkt auf einmal schon viel viel weiter entfernt als sie es in Wirklichkeit ist.

Auf dem Rückweg kommen wir noch an einer laaaangen Schlange von Gläubigen vorbei, die noch einen Abstecher in die Grotte machen wollen, wo Berna­dette (hier in Lourdes dreht sich alles um  sie!) ihre Erscheinung der Jungfrau Maria hatte. Und die lange Wand mit Quell­was­ser­hähnen, wo sich die Leute gehei­ligtes Wasser abfüllen können, wirkt auf mich unfrei­willig komisch: Sieht aus wie eine Legion von Geldau­to­maten neben­ein­ander… Auch die vielen angezün­deten Kerzen sind sehr hübsch anzusehen und noch schöner zu fotogra­fieren.

Wir merken aber schließlich doch unsere Müdigkeit nach diesem anstren­genden Tag und machen uns begleitet von Halleluja-Gesängen auf den Rückweg. Was. Ein. Tag!

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1 Kommentar

  1. Ach du lieber Himmel (der wohl kein Einsehen mit Euch hatte)! Das braucht man nun wirklich nicht. Ich drücke fest die Daumen, dass die Versi­cherung sich koope­rativ zeigen wird. Gute, gesunde und vor allem unfall- und unwet­ter­freie Weiter­fahrt.
    Spanien ist bestimmt auch im Herbst sehr schön?!?

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