Afro-Pfingsten

Nach einer unspektakulären Nacht in Ettlingen machen wir uns auf die letzten 250km in die Schweiz. Die Strecke Karlsruhe-Stuttgart ist ja mit den extremen Steigungen und Gefällen immer ein besonderes Vergnügen, aber heute haben wir ein Erlebnis der besonderen Art: Ein BMW X5 fährt an den Steigungen mit penetranter Boshaftigkeit mit 60km/h auf der Mittelspur, so dass wir wunderbar ausgebremst werden, wenn wir nicht vorausschauend fahren. Denn das Spielchen wiederholt sich an jedem Berg, den an den Gefällstrecken werden wir von diesem Spezialisten wieder überholt… Ansonsten ist die Fahrt aber problemlos.

Wie schon auf der Fahrt in die Toskana werden wir von der Schweizer Verwandtschaft mit einem feinen Frühstück (oder ist das um 11 Uhr zwangsläufig schon ein Brunch?) begrüßt. Und es werden Pläne für den Abend geschmiedet. Denn in Winterthur sind **Afro-Pfingsten** – zum 25. Mal. Und das, was uns angekündigt wird, hört sich gut an: Überall Musik, viele Stände mit afrikanischem Essen und Gedöns zu kaufen. Wir sind dabei!

Der Wechselkurs Euro-Schweizer Franken ist ja in den letzten Monaten auf einn Niveau von nahezu 1:1 gesunken. Insofern ist die Schweiz wirklich alles andere als ein Billigreiseland. Aber wie es der Zufall will, habe ich in unserer Kassette mit ausländischem Geld auf wundersame Weise einen Umschlag mit nahezu 100SFr gefunden, von dem ich gar nichts mehr wusste. Insofern wollen wir einfach die Augen zumachen und nicht zu sehr auf die Preise gucken – mit diesem Geld hatten wir schließlich gar nicht mehr gerechnet. Es gibt auch schöne Überraschungen!

Nach Winterthur kommen wir äußerst bequem: Ein paar Meter zum Bahnhof gehen, 15 Minuten fahren und schon sind wir mittendrin. Und es herrscht wirklich Hochbetrieb! Leicht verwirrend ist nur, dass man als erste Musikgruppe auf dem **Afro**-Fest die anscheinend unvermeidlichen Panflöten-Terroristen mit ihrem Halbplayback zu hören bekommt. Aber das mit dem Afro nimmt hier keiner so päpstlich genau, denn auch indische, asiatische, südamerikanische Gäste sind gerne gesehen, Hauptsache es schmeckt, sieht gut aus oder hört sich interessant an. Und zur Not dürfen auch Schweizer etwas verkaufen, so dass wir nicht ganz stilecht, aber lecker mit einem lokalen Chopfab-Bier in den Abend starten. Chopfab bedeutet für alle Nichtschweizer übrigens so viel wie „Kopf ab“. Der Name kommt wohl daher, dass irgendwelche Stadtheilige von Winterthur oder Zürich mal auf unschöne Art ihren Kopf verloren haben. Charmant!

Nachdem wir uns einen ersten Eindruck verschafft haben, brechen wir zur etwas entfernten Teuchelweiher-Bühne auf, da dort wohl ein etwas größeres Bühnenprogramm geboten wird. Als wir ankommen, spielen schon Collie Herb & The Mighty Roots und sorgen für Stimmung. Und als ich auf dem Plakat lese, dass sie „Roots Reggae, Hip-hop- oder Dance-hall-Beats und flotten Ska“ weiß ich auch, woran mich das erinnert: Ähnliche (wenn auch nicht ganz so grandiose) Stimmung und Musik wie bei Seeed!

Nach dem Konzert wollen wir uns dann an einem der vielen Stände unser Abendessen besorgen. Aber es fällt gar nicht mal so leicht, aus dieser Vielfalt an wirklich lecker riechenden und aussehenden Speisen nun genau **das** auszuwählen, was es wirklich sein soll. Unsere Wahl fällt schließlich auf einen gemischten Teller an äthiopischen Gerichten, der mit 15SFr dann zwar für unsere Verhältnisse fürstlich viel kostet, gemessen am Durchschnitt aber nicht weiter ungewöhnlich ist. Gut, dass wir unsere stille Reserve haben!

Das Essen schmeckt dann auch wirklich lecker und Martina hat die glorreiche Idee, für uns noch einen leckeren Minztee zu spendieren, weil der ihr auch in Marokko immer so gut geschmeckt hat. Was wir alle nicht wussten: Anscheinend wurde der Tee vorher noch mit einem Kilo Zucker gesüsst – hart an der Grenze!

Den Hauptact auf der Bühne sparen wir uns dann (vielleicht hätte man im Programm nicht extra auf „kritische Texte“ hinweisen sollen, wir kriegen da immer so eine leicht allergische Reaktion…). Stattdessen geht es zurück in die Altstadt und hier haben wir dann auch noch mal richtig Spaß. Zum einen wirken die Stände in der Altstadtkulisse einfach malerischer, zum anderen herrscht doch noch mal deutlich mehr Betrieb. Aber vor allem wird tatsächlich allerorten Musik gemacht und man kann sich einfach dort hinzugesellen, wo es einem gut gefällt.

Leider waren wir schon etwas spät gekommen, so dass nach 3 Liedern schon Schluss war. Es stand aber sofort die nächste Truppe bereit, um Radau zu machen: Eine altersmäßig bunt gemischte Sambatruppe, die uns schon eher an unsere Lennepos erinnerte. Das Bollern der Surdos und das Rattern der Caixas macht einfach sofort gute Laune! Sehr schön war es auch, die Gruppenleiterin bei ihren verzweifelten Versuchen zu beobachten, das ganz schön schnelle Tempo bei einigen Stücken zu beruhigen. Und weil uns das alles so gut gefiel, blieben wir für die ganze Stunde Programm einfach dabei.

 Da dann aber doch irgendwann die Füße schmerzten, brachen wir gemütlich gen Bahnhof auf, um wieder heimzufahren. Auf dem Weg stießen wir vor der nächsten Bühne noch auf die Kinder, die separat von uns das Fest besucht hatten. Wir hatten wohl den Auftritt eines coolen Reggaekünstlers verpasst. Zumindest war er so beeindruckend, dass Sofie noch dafür sorgte, dass ich ein Foto von ihr zusammen mit ihm schoss!

Wieder daheim konnten wir noch zwei Dinge nachholen, die wir wegen des Festes verpasst hatten: Dank des zeitversetzten Fernsehens, was die Schweizer nutzen, konnten wir uns schließlich um Mitternacht noch den Abstiegskampf in der Bundesliga-Sportschau von 18 Uhr angucken und auch den völlig egalen Siegersong des ESC noch kurz anhören. Wenn das schon das beste Lied des Abends war, haben wir anscheinend nicht viel verpasst…

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