Afro-Pfingsten
22. Mai 2015

Nach einer unspek­ta­ku­lären Nacht in Ettlingen machen wir uns auf die letzten 250km in die Schweiz. Die Strecke Karlsruhe-Stuttgart ist ja mit den extremen Steigungen und Gefällen immer ein beson­deres Vergnügen, aber heute haben wir ein Erlebnis der beson­deren Art: Ein BMW X5 fährt an den Steigungen mit penetranter Boshaf­tigkeit mit 60km/h auf der Mittelspur, so dass wir wunderbar ausge­bremst werden, wenn wir nicht voraus­schauend fahren. Denn das Spielchen wiederholt sich an jedem Berg, den an den Gefäll­strecken werden wir von diesem Spezia­listen wieder überholt… Ansonsten ist die Fahrt aber problemlos.

Wie schon auf der Fahrt in die Toskana werden wir von der Schweizer Verwandt­schaft mit einem feinen Frühstück (oder ist das um 11 Uhr zwangs­läufig schon ein Brunch?) begrüßt. Und es werden Pläne für den Abend geschmiedet. Denn in Winterthur sind **Afro-Pfingsten** — zum 25. Mal. Und das, was uns angekündigt wird, hört sich gut an: Überall Musik, viele Stände mit afrika­ni­schem Essen und Gedöns zu kaufen. Wir sind dabei!

Der Wechselkurs Euro-Schweizer Franken ist ja in den letzten Monaten auf einn Niveau von nahezu 1:1 gesunken. Insofern ist die Schweiz wirklich alles andere als ein Billig­rei­seland. Aber wie es der Zufall will, habe ich in unserer Kassette mit auslän­di­schem Geld auf wundersame Weise einen Umschlag mit nahezu 100SFr gefunden, von dem ich gar nichts mehr wusste. Insofern wollen wir einfach die Augen zumachen und nicht zu sehr auf die Preise gucken — mit diesem Geld hatten wir schließlich gar nicht mehr gerechnet. Es gibt auch schöne Überra­schungen!

Nach Winterthur kommen wir äußerst bequem: Ein paar Meter zum Bahnhof gehen, 15 Minuten fahren und schon sind wir mittendrin. Und es herrscht wirklich Hochbe­trieb! Leicht verwirrend ist nur, dass man als erste Musik­gruppe auf dem **Afro**-Fest die anscheinend unver­meid­lichen Panflöten-Terro­risten mit ihrem Halbplayback zu hören bekommt. Aber das mit dem Afro nimmt hier keiner so päpstlich genau, denn auch indische, asiatische, südame­ri­ka­nische Gäste sind gerne gesehen, Haupt­sache es schmeckt, sieht gut aus oder hört sich inter­essant an. Und zur Not dürfen auch Schweizer etwas verkaufen, so dass wir nicht ganz stilecht, aber lecker mit einem lokalen Chopfab-Bier in den Abend starten. Chopfab bedeutet für alle Nicht­schweizer übrigens so viel wie “Kopf ab”. Der Name kommt wohl daher, dass irgend­welche Stadt­heilige von Winterthur oder Zürich mal auf unschöne Art ihren Kopf verloren haben. Charmant!

Nachdem wir uns einen ersten Eindruck verschafft haben, brechen wir zur etwas entfernten Teuchel­weiher-Bühne auf, da dort wohl ein etwas größeres Bühnen­pro­gramm geboten wird. Als wir ankommen, spielen schon Collie Herb & The Mighty Roots und sorgen für Stimmung. Und als ich auf dem Plakat lese, dass sie “Roots Reggae, Hip-hop- oder Dance-hall-Beats und flotten Ska” weiß ich auch, woran mich das erinnert: Ähnliche (wenn auch nicht ganz so grandiose) Stimmung und Musik wie bei Seeed!

Nach dem Konzert wollen wir uns dann an einem der vielen Stände unser Abend­essen besorgen. Aber es fällt gar nicht mal so leicht, aus dieser Vielfalt an wirklich lecker riechenden und ausse­henden Speisen nun genau **das** auszu­wählen, was es wirklich sein soll. Unsere Wahl fällt schließlich auf einen gemischten Teller an äthio­pi­schen Gerichten, der mit 15SFr dann zwar für unsere Verhält­nisse fürstlich viel kostet, gemessen am Durch­schnitt aber nicht weiter ungewöhnlich ist. Gut, dass wir unsere stille Reserve haben!

Das Essen schmeckt dann auch wirklich lecker und Martina hat die glorreiche Idee, für uns noch einen leckeren Minztee zu spendieren, weil der ihr auch in Marokko immer so gut geschmeckt hat. Was wir alle nicht wussten: Anscheinend wurde der Tee vorher noch mit einem Kilo Zucker gesüsst — hart an der Grenze!

Den Hauptact auf der Bühne sparen wir uns dann (vielleicht hätte man im Programm nicht extra auf “kritische Texte” hinweisen sollen, wir kriegen da immer so eine leicht aller­gische Reaktion…). Statt­dessen geht es zurück in die Altstadt und hier haben wir dann auch noch mal richtig Spaß. Zum einen wirken die Stände in der Altstadt­ku­lisse einfach maleri­scher, zum anderen herrscht doch noch mal deutlich mehr Betrieb. Aber vor allem wird tatsächlich aller­orten Musik gemacht und man kann sich einfach dort hinzu­ge­sellen, wo es einem gut gefällt.

Leider waren wir schon etwas spät gekommen, so dass nach 3 Liedern schon Schluss war. Es stand aber sofort die nächste Truppe bereit, um Radau zu machen: Eine alters­mäßig bunt gemischte Samba­truppe, die uns schon eher an unsere Lennepos erinnerte. Das Bollern der Surdos und das Rattern der Caixas macht einfach sofort gute Laune! Sehr schön war es auch, die Gruppen­lei­terin bei ihren verzwei­felten Versuchen zu beobachten, das ganz schön schnelle Tempo bei einigen Stücken zu beruhigen. Und weil uns das alles so gut gefiel, blieben wir für die ganze Stunde Programm einfach dabei.

 Da dann aber doch irgendwann die Füße schmerzten, brachen wir gemütlich gen Bahnhof auf, um wieder heimzu­fahren. Auf dem Weg stießen wir vor der nächsten Bühne noch auf die Kinder, die separat von uns das Fest besucht hatten. Wir hatten wohl den Auftritt eines coolen Reggaekünstlers verpasst. Zumindest war er so beein­dru­ckend, dass Sofie noch dafür sorgte, dass ich ein Foto von ihr zusammen mit ihm schoss!

Wieder daheim konnten wir noch zwei Dinge nachholen, die wir wegen des Festes verpasst hatten: Dank des zeitver­setzten Fernsehens, was die Schweizer nutzen, konnten wir uns schließlich um Mitter­nacht noch den Abstiegs­kampf in der Bundesliga-Sport­schau von 18 Uhr angucken und auch den völlig egalen Siegersong des ESC noch kurz anhören. Wenn das schon das beste Lied des Abends war, haben wir anscheinend nicht viel verpasst…

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