Von Abbey zu Abbey zu Abbey
9. Mai 2019

Wir befinden uns ja in der Borders-Region. Und da sind Abbeys anscheinend im Überfluss vorhanden. Nur leider alle kaputt. Sehenswert sind sie aber trotzdem. Wir haben uns vorge­nommen, heute den restlichen Abbeys in Dryburgh und Melrose einen Besuch abzustatten.

Abbey im Sparformat

Während Annette einen morgend­lichen Hunde­s­pa­ziergang entlang des beschau­lichen Tweed-Rivers unter­nimmt, begebe ich mich auf Fototour zur Kelso-Abbey, die wir gestern im Regen links liegen gelassen haben. Heute nähere ich mich von der anderen Seite und komme erst mal durch eine Art Stadtpark.

Einziger Unter­schied zu einem Stadtpark, wie wir ihn kennen: Hier stehen und liegen überall olle Grabsteine herum. Sehr malerisch.

Die Überreste der Kelso Abbey sind anscheinend so spärlich, dass man sich nicht traut, dafür Eintritt zu nehmen. Mir ist es egal, da wir ja seit gestern ohenhin überall freien Eintritt haben.

Was für einen Unter­schied es machen kann, wenn dann doch mal die Sonne durch­kommt! Und die kommt im Laufe des Tages dann immer mal wieder, wenn auch nicht zuver­lässig und schon gar nicht mit der wünschens­werten Wärme. Im Gegenteil: Ein frischer Wind macht dicke Kleidung sehr erstre­benswert.

Tower of Joy

Wir fahren los und ich muss mich zunächst mal noch sehr aufs Links­fahren konzen­trieren. Besonders böse: Wenn man in einer Baustelle rechts fahren muss und dann am Ende dran denken muss, dass man die Spur wieder wechselt!

Wir besuchen dank unseres Historic Scotland-Passes auf dem Weg mal noch eben den Smailholm Tower. Eine Art Westen­ta­schenburg in the middle of nowhere. Und das kann man fast wörtlich nehmen, denn die asphal­tierte Straße endet an einem Bauernhof, wo man mitten­durch fährt und anschließend auf einem Lehmweg durch fette Pfützen zum Parkplatz gelangt.

Der Tower ist dann Marke „klein aber fein“. Die ausge­stellten Sachen, die sich, wie alles in dieser Region, um Sir Walter Scott drehen, hat man schnell wegge­guckt. Und auch die Aussicht vom Turm ist prima. Wenn nur die Sonne rauskommen würde und den Ginster ein wenig kräftiger bescheinen würde!

Dryburgh Abbey

Schon die Fahrt nach Dryburgh Abbey, unserem nächsten Stop, ist angenehm. Kleine Straße, aber wenig Verkehr. Entspannt! Nur der Harakiri-Fasan, der in aller Ruhe vor unserem MoMo die Straße überquert, zwingt mich zum Bremsen.

An der Abbey ist wenig los. Fast alle Parkplätze sind frei und wir zücken wieder unsere Membership-Belege. Ja, es sind tatsächlich nur schnöde Kassen­zettel, die man ausge­händigt bekommt. Der eigent­liche Ausweis wird einem per Post zugeschickt. Für 10£ extra. Reichlich witzlos, wenn man als Tourist unterwegs ist und so bald nicht wieder­kommt. Und daher haben wir auch dankend darauf verzichtet, uns den Ausweis zuschicken zu lassen.

Dryburgh Abbey ist besonders. Zum einen, weil man von der Abbey fast nichts sieht, bis man das Kassen­häuschen erreicht hat. Zum anderen, weil es ein wirklich fried­licher Ort, in einer großzü­gigen und gepflegten Anlage ist.

Es gibt unendlich viele tolle Fotomotive und sogar kleine Entde­ckungen kann man machen. Annette versteckt sich als Rapunzel auf einem Turm und lässt mich erst mal suchen. Gar nicht so einfach! Aber irgendwann habe ich dann auch den Weg hinauf gefunden!

Genauso beein­dru­ckend wie die altehr­wür­digen Gemäuer ist der Baumbe­stand der Anlage. Viele wirklich gigan­tisch dicke und hohe Bäume, meistens Zedern sind hier zu finden, die bis zu 250 Jahre alt sein sollen. Den Vogel aber schießt der Yew Tree ab, der fast 900 Jahre alt sein soll — älter als die Abtei!

Melrose Abbey

Nach einer kleinen Kaffee­pause zieht es uns weiter zu nächsten Abbey. Die in Melrose liegt wieder mitten in der Stadt und für uns heißt es das erste Mal: Parkplatz­pro­bleme. Wir lösen sie aber elegant indem wir bei der Abbey Mill, einem Woll-Touri-Café parken, dort Annette mit einem Kaschmir­pulli, Short­bread und Fudge glücklich machen und als zahlende Kunden natürlich gerne das MoMo auch für unseren Abbey-Besuch noch dort parken dürfen.

Jede Abbey hatte bisher einen ganz eigenen Charakter und auch in Melrose ist alles wieder ein bisschen anders. Dies ist vielleicht von allen besuchten Abteien die besterhaltene mit einer majes­tä­ti­schen Ausstrahlung. Wir wissen jetzt schon, dass pittoresk vergam­melte Grabsteine zum guten Ton quasi dazuge­hören.

Aber die Melroser haben doch noch ein paar Beson­der­heiten im Angebot. Das Herz von König Robert The Bruce ist hier verbuddelt und mit einem schicken Stein gekenn­zeichnet. Noch viel besser ist vielleicht nur das Dudelsack spielende Schwein, was man als Wasser­speier oben in der Luft neben diversen anderen origi­nellen Köpfen entdecken kann. Dumm nur, wenn man sein Weitwin­kel­ob­jektiv drauf hat und es nicht findet…

Over the bridge

Wir folgen einem Stell­platztipp der beson­deren Art. Rein nach Luftlinie sind wir 300m entfernt. Leider aber nur über eine Fußgän­ger­brücke zugänglich, denn der Platz befindet sich auf der Nordseite des Tweed River, der auch heute unser Begleiter ist. Also fahren wir einen 3km langen Umweg, um das MoMo dann auf einem lieblichen Platz am nördlichen Brückenende zu platzieren. Ist aller­dings auch eher ein Platz für Kasten­wagen oder höchstens bis 6m lange Fahrzeuge. Mit einem größeren Fahrzeug möchte ich hier nicht wenden müssen!

Gute schot­tische Küche

Wie es der Zufall will, sollen laut TripAd­visor in unmit­tel­barer Nähe gleich zwei richtig gute Restau­rants sein. Also: mit Menü und allem Piffpaffpuff. Kein Fish&Chips-Laden. Wir beschließen, das Wagnis einzu­gehen, auch wenn die britische Küche ja einen eher verhee­renden Ruf hat. Aber anderer­seits gibt es da ja auch einen Nigel Slater, dessen Kochbuch „Ein Jahr lang gut essen“ hiermit wärmstens empfohlen sei.

Wir machen noch eine kurze Gassirunde mit den Hunden und begeben uns ins Seasons.

Und werden mit dem Menu für 20£ sehr glücklich. Die Erben­sen­suppe mit Minze schmeckt so erbsig wie sie grün leuchtet: Klasse.

Aber auch die anderen Speisen sind absolut prima zubereitet. Ich lerne sogar noch etwas dazu: Ein Hanger Steak ist auf deutsch das Kronfleisch. Nie zuvor gehört! Befindet sich im Bereich des Zwerch­fells und hat die Konsistenz von Muskel­fleisch, aber eher eine Geschmacksnote von Innereien. Und wird hier top zubereitet!

Und ein Schoko­la­den­kuchen oder Sorbet als Nachtisch gehen schließlich auch immer.

Woran wir uns beim Heimweg nicht gewöhnen können: wie eisig es wieder geworden ist. Aber die Tempe­ra­turen nahe am Gefrier­punkt werden uns von Bea, der Betrei­berin des Seasons, glaubhaft als sehr ungewöhnlich für diese Jahreszeit erklärt. Bald soll es wärmer werden!

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