Queen of crazy hikes
23. Juli 2018

Wir sind im Skandi­navien-Modus angekommen. Das bedeutet, dass ein Tag nicht sehr weit vor 10 Uhr beginnt.

Wir haben festge­stellt, das die Kunst­stoff­schürzen am Aufbau, die unten links und rechts hinter den Türen angebracht sind, marode sind. Auf der rechten Seite ist sie genau an der dünnen Stelle gebrochen, wo die Schraube sie an der Karos­serie festhalten soll. Und links ist das nur noch eine Frage der Zeit. Mrks.

Unser Freund Panzertape hält auch diese Macke hoffentlich bis nach Hause, wo wir mal bei Knaus nachhören wollen, was das denn sein soll.

Und beim Entleeren der Toilette macht es auf einmal so ein klonkerndes Geräusch im Innern. Wir holen überrascht ein längliches weißes Kunst­stoffteil aus der Kassette. Zu unserer Verdauung gehörte das aber nicht! Hat jemand eine Ahnung, was das sein könnte? Und wofür es gut ist? Denn gottseidank ist die Kassette weiterhin benutzbar und auch dicht. Zumindest für den Moment…

Aufgrund dieser Problemchen starten wir etwas später als geplant zu unserer heutigen Wanderung durchs Utladalen mit dem Vettis­fossen als Zielpunkt. Seines Zeichens höchster unregu­lierter Wasserfall Norwegens mit einem freien Fall von statt­lichen 273m!

Wanderung nach Vetti Gard

Auf dem Parkplatz kriegen wir mit einen der letzten Plätze — voll hier! Und auch auf der Wanderung begegnet man regel­mäßig anderen Wanderern. Ein beliebter Hike!

Schon auf den ersten Metern wird deutlich, warum: die Landschaft hier im Tal ist grandios, die im hellen Türkis schäu­mende Utla wird nie langweilig und als wäre das noch nicht genug, gibt es mehrere tolle Wasser­fälle auf der Strecke, die dann mit dem wunder­schönen Vettis­fossen als klang­vollem Höhepunkt ihr Ende findet.

Sozusagen als Appetit­häppchen gibt es den mächtigen Hjelle­fossen, den man quasi für lau am Einstiegs­punkt in die Wanderung präsen­tiert bekommt. Nicht schlecht!

Hinter dem erneut grandiosen Ardals­fossen geht ein eher unschein­barer Weg steil und unwegsam hinauf zu einem…Hotel! Man macht am Wegesrand fleißig Werbung für das Avdalen Gard, aber für heute bleiben wir dann doch lieber auf der Haupt­strecke.

An einer Stelle liegt in der Utla ein merkwürdig rotes Ding, was wir zunächst nicht zuordnen können. Norma­ler­weise gehört dies nicht hier hin, so viel steht fest. Ein älterer Norweger löst das Rätsel für uns: Es müsste ein Elch(?)-Kadaver sein, der hier als Wasser­leiche aufge­dunsen rumliegt. Hey, unser erster Elch…!

Im weiteren Verlauf wird man auf einem tatsächlich auch als Fahrstraße zu benut­zenden Weg Richtung der Touren­hütte Vetti Gard gelotst. Ein Stück mit besonders heftiger Steigung ist sogar asphal­tiert!

Man bekommt wieder einen Heiden­re­spekt für die Norweger, als man diese kleine Siedlung dann tatsächlich am Ende des Weges erreicht: Da haben die echt noch Häuser hingebaut? Wahnsinn!

Wir sind aber einfach nur froh, dass wir uns nach 300m Steigung mit Waffel und Cola stärken können, bevor es zum Vettis­fossen weitergeht.

Zum Vettis­fossen

Auf dem Papier liest sich das easy: 1km, 30 Minuten und schon ist man am Fuße des Wasser­falls angekommen. In der Realität ist das Schwer­arbeit. Denn nicht nur muss man die 300m, die man nach Vetti Gard hochge­laufen ist, in ziemlich kurzer Strecke wieder steil hinab, sondern das ganze jetzt auch noch auf einem Stolperpfad, wo man jeden Schritt auf den vielen, vielen Steinen gut setzen muss.

Und wir haben uns dann auch noch ein kleines Handicap eingebaut, was es noch ein bisschen anspruchs­voller macht: Annette übernimmt Elli, die gerne schon mal übermütig Harakiri am Steilufer der Utla probt. Und ich habe unsere alte, blinde Mia an der Leine, die sich mehr als wacker schlägt. Nicht nur hat sie auch am Ende des Tages die beste Kondition von allen, sondern sie findet auch willig und forsch immer einen Weg — buchstäblich immer der Nase nach! Ich hätte mir als Blinder an ihrer Stelle mehr als einmal vor Angst in die Hose gemacht und mich alsbald schlicht geweigert, weiter zu gehen. Für uns ist sie die Heldin des Tages, unsere „Queen of crazy hikes“!

Nach einem seeeehr langen Kilometer kommen wir am Vettis­fossen an und sind sofort für die Strapazen entschädigt. Man sieht ihn tatsächlich quasi erst unmit­telbar vor Ende der Tour, ist dann aber von dem majes­tä­ti­schen Schleier, der die Felswand hinun­ter­fällt, sofort gefangen.

Spekta­ku­lärer Rückweg

Auf dem Rückweg erledigen wir dann noch ein paar Specials, die wir uns auf dem Hinweg verkniffen hatten.Wir kommen wieder an der Hänge­brücke über die Utla vorbei und diesmal trauen wir uns auch drauf. Erst Micha, dann Annette. Den Hunden ersparen wir diesen leichten Nerven­kitzel…

Noch besser wird es beim Hølja­fossen. Dieser Wasserfall mit seinem natür­lichen Becken am unteren Ende sah schon auf dem Hinweg so aus, als hätte man hier den „Schatz im Silbersee“ gedreht. Jetzt gehen wir die paar Schritte hinunter und ich komme noch dazu, ein paar Fotos zu machen. Toller Wasserfall Nummer 4!

Auf dem weiteren Rückweg geht es uns dann bittersüß: Man erinnert sich an die beson­deren Punkte, die einem schon beim Hinweg gefallen haben, hat aber immer auch das Gefühl „Ach, hier sind wir erst — dann kommt ja jetzt auch noch xyz, bevor wir wieder zurück sind…“

Denn wir sind am Ende der Wanderung echt fertig. Und daher ist der Plan für den Rest des Tages auch schnell geklärt: Zurück zum Camping­platz. Denn andere Alter­na­tiven haben wir hier in der Nähe nicht und jetzt ist für den Rest des Tages einfach mal ausruhen angesagt…

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