Von steilen Wegen und düsteren Kirchen
22. Juli 2018

Hier im Tal ist es über Nacht dann doch frisch geworden. Bei 12° wollen wir dann doch nicht draußen frühstücken… Und sicher­heits­halber ziehen wir uns für heute dann doch mal lange Hosen an und packen für unsere heute geplante Wanderung auch noch die Jacken in den Rucksack — in Norwegen kann man ja nie wissen!

Vindhel­la­vegen

Wir fahren das kurze Stückchen zum Einstieg in den Vindhel­la­vegen und machen uns auf die erste Wanderung des Urlaubs. Der Weg führt über den Bergrücken zur Stabkirche von Borgund. Laut Reise­führer eine Attraktion, die man nicht auslassen darf.

Das besondere am Vindhel­la­vegen ist, dass er steil ist. Also 20%-Steigung-steil. Und das ist noch die entschärfte Variante, denn in seiner ersten Version hatte dieser Weg sogar 25% Steigung. Da war doch was mit Norwegen und Straßen? Ach ja, „Home of crazy roads“…

Und wirklich: wir kommen nach 200m steilem Bergauf­gehen zu einem lauschigen Bänkchen mit der Bezeichnung „Lusahaug“. Haben wir mal ganz frei mit „Bank für Loser“ übersetzt und uns nieder­ge­lassen, um erst mal den anderen zuzugucken, die auf dieser Straße nach oben wollen. Und verfluchen jetzt schon unsere Beklei­dungswahl. Denn es ist, obwohl noch schattig, ein weiterer sommer­licher Tag, der definitiv keine langen Hosen geschweige denn Jacken erfordert.

Besonders im oberen Teil mit seinen Serpen­tinen ist der Weg wirklich fotogen: Gelän­der­pfosten, die mit Rost und Flechten gesprenkelt sind, Birken am Wegesrand und die geschwungene Straße die ruft „Komm, so schlimm wird’s nicht!“

Borgund

Der Abstieg hinunter zur Stabkirche ist dann ein Klacks. Man kann sie lange nicht sehen, bis sie dann doch durch die Bäume hindurch­schimmert. Zunächst sind wir verwirrt, weil es so aussieht, als gäbe es keinen Zugang vom Wanderweg aus, aber nachdem wir außen um das Gelände herum­ge­führt worden sind, ist uns auch klar, warum: Die wollen Geld sehen. Denn man kann weder ins Besucher­zentrum noch auf das Kirchen­ge­lände ohne 90 Kronen (9€) Eintritt gezahlt zu haben. Und Hunde sind auch verboten. Na toll!

Nach kurzem Kriegsrat ist der Plan klar: Ich kaufe ein Ticket, gucke und fotogra­fiere alles weg und erstatte dann hinterher Bericht. Und Annette macht sich eine gemüt­liche Zeit mit den Hunden im Schatten des Besucher­zen­trums.

In der wirklich gut gemachten Ausstellung im Besucher­zentrum wird die Bauweise erklärt und auch ansonsten alles, was wichtig ist, gut darge­stellt. Das können die Norweger echt gut!

Der eigent­liche Kirch­besuch ist dann für mich aber eher ein Flop. Der Innenraum ist düster und eher klaus­tro­pho­bisch klein und zu sehen gibt es auch nicht viel. Das mag ein Schreiner, Theologe oder Histo­riker anders sehen. Aber für den banau­sigen Fotografen ist das eher ernüch­ternd. Aber immerhin: Der Geruch nach altem Holz war toll — der lässt sich nur so schlecht fotogra­fieren…

Den Rückweg treten wir dann über den Sverres­tigen an.

Benannt nach dem König Sverre, nicht weil er so schwer ist. Wobei: Wir hatten uns auf einen netten ebenerdigen Panora­maweg zurück zum MoMo einge­stellt, haben dann aber doch ganz ordentlich zu klettern und wieder hinab­zu­steigen. Nur leider ohne weitläufige Aussicht.

Nachdem wir uns am MoMo erst mal mit Salzka­ra­melleis gestärkt haben, welches Annette gestern in Fagernes n den Einkaufskorb geschmuggelt hat, geht es weiter Richtung Fjord.

Durch unzählige, aber immer auffallend lange Tunnel geht es weiter. Und als wir das erste Mal wieder den Blick auf einen „richtigen“ Fjord werfen, sind wir auch sofort wieder sicher, eine gute Entscheidung getroffen zu haben.

Aber als wir dann am gletschergrün schim­mernden Årdals­vatnet eine kurze Kaffee­pause einlegen, wird es sogar noch besser. So ein unwirk­liches Grün! Immer wieder schön.

Unser Ziel für heute ist der Camping­platz im Utladal bei Øvre Årdal. EIn sehr einfacher Platz mit einer sehr origi­nellen Entsor­gung­station. Man fährt quasi in einen baumum­säumten Platz, wo das Abflussloch an einer Stelle ist, wo kein Wohnmobil seinen Grauwas­ser­ab­fluss hat. Also wird mit Staub­sauger­schlauch und Winkelrohr ein Abflussrohr gebastelt, was man dann beim Ablassen festhalten muss. Nunja.

Wir genießen es, uns mal wieder draußen breit zu machen und, da es hier doch deutlich feuchter ist als im Osten, sogar zur Feier des Abends zu grillen. Das erste Mal, dass man das ohne schlechtes Gewissen auch tun kann. Und vielleicht deswegen doppelt so lecker?

Abends parken zusehends mehr Leute an der Straße neben dem Camping­platz. Heraus steigen Familien mit Kind und Kegel und pilgern los. Wir vermuten, dass hier in der Nähe was großes los sein muss!

Als wir abends dann mal dorthin spazieren, wo alle hinge­gangen sind, löst sich das Rätsel auf: Der Norweger Lars Monsen wandert quer durch Norwegen und im staat­lichen Fernsehen gibt es eine Sonder­sendung dazu. Und wir sind mittendrin…!

2 Kommentare

  1. Lars Monsen ist einfach der Coolste.
    Und tolle Bilder auf Eurem Blog.

    Antworten
    • Danke!

      Antworten

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