Ardèche mit Hinder­nissen
24. Juli 2017

Das fängt ja gut an: Nach einer ruhigen Nacht macht Annette im Alkoven Klarschiff, öffnet die Sicht­blende am Seiten­fenster und fragt: “Sag mal, wo ist denn unser Fenster?” D’oh! Tatsächlich — da ist nur noch eine Öffnung, aber kein Fenster mehr. Mir dämmert, dass das merkwürdige Geräusch auf der Autobahn, dass ich gestern nicht zuordnen konnte und dann wieder vergessen habe, wohl der Moment war, wo sich das Fenster verab­schiedet hat. Ich hatte es anscheinend gestern morgen nicht geschlossen…

Wir überlegen unsere Optionen. Selber reparieren, indem man die Öffnung mit Panzertape verklebt. Ohne Leiter bei der Höhe etwas schwierig. Und auch nicht super. In eine Womowerk­statt fahren und hoffen, dass sie ein Fenster am Lager haben oder schnell bestellen können. Oder es dort zumindest provi­so­risch repaieren zu lassen. Wir entscheiden uns für letzteres, googeln und finden eine Werkstatt in Aubenas, was auf dem Inlandsweg Richtung Ardèche liegt. Passt. Solange muss dann halt die Sicht­blende ein Quasi-Fenster­ersatz sein…Ardèche-01.jpgDas Navi führt uns auf abenteu­er­lichen Wegen immer tiefer in die schöne Landschaft des Ardèche-Gebirges.Ardèche-02.jpg

Ardèche-04.jpgGut, dass ich letztes Jahr auf dem Aursjø­vegen mein Meister­stück gemacht habe. Denn die Fahrt durch die Gorges Dunière ist wunder­schön, aber auch anspruchsvoll. Ein schmales, kurviges Sträßchen. Rechts neben uns geht es locker hundert Meter in die Tiefe. Aber immerhin ist die Corniche asphal­tiert…Ardèche-03.jpg

Entlang der Straße sieht man häufig verlassen wirkende Häuschen, teilweise Ruinen, teilweise aber auch einfach toll herge­richtete, einsame Höfe in diesem schönen Talein­schnitt.

Ardèche-02-2.jpgArdèche-06.jpgUns wird schnell klar, dass wir in unserem Schne­cken­tempo auf diesen Sträßchen nicht mehr vor der Mittags­pause in der Werrk­statt ankommen werden. Also genießen wir die Aussichten, die sich uns bieten und gucken erst mal nicht mehr auf die Uhr.

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Da wir dann in Aubenas mitten in der Mittagszeit ankommen, nutzen wir die Gelegenheit für einen kleinen Stadt­bummel. Das Altstadt­gebiet rund ums Schloss ist sehr malerisch mit seinen Kopfstein­pflas­ter­gassen. Und auch das Chateau mit seinem lustig bunt gespren­keltem, weinroten glänzendem Dach sieht chic aus.

Gedanklich sind wir dann aber doch schon einen Schritt weiter in der Werkstatt.

IMG_4954.jpgArdèche-07.jpgDurch die verwir­renden Straßen von Aubenas (bergauf, bergab, verschachtelt, Einbahn­straßen, Baustellen) finden wir schließlich die Werkstatt von Monsieur Chastanier. Der kommt gerade gut gelaunt aus der Mittags­pause, guckt sich das ganze an und parliert in einem lustigen deutsch-franzö­sisch mit uns. Reparieren wird schwierig, da er so schnell nicht an ein Ersatz­fenster kommen würde. Provi­so­risch flicken? Ja, kann er versuchen. Er tüftelt mit verschie­denen Folien (offen­sichtlich alle ehemalige Verpa­ckungen für irgendwas) und findet schließlich eine, die seinen Vorstel­lungen entspricht. Das ganze wird mit mehreren Lagen Tesa-Stabil immer und immer wieder verklebt, so dass wir zumindest gegen Regen erst mal geschützt sind. Er warnt uns aller­dings schon mal vor Seitenwind — so stabil ist die Folie nämlich nicht!

Wir sind aber trotzdem erst mal zufrieden, dass getan ist, was man tun sollte. Mehr geht halt gerade nicht. Also auf nach Vallon Pont d’Arc, dem Start­punkt für die Gorges de L’Ardèche. Vorher frischen wir unsere Vorräte noch mal auf. Erst in einem kleinen, sehr merkwür­digen Super­markt, in dem es kaum etwas gibt, dann in einem SuperU, wo sich die Menschen wie Ameisen durch die Gänge drängeln. So etwa, wie wenn bei uns ein langes Weihnachts­wo­chenende vor der Tür steht. Wir sind froh, als wir den Laden wieder verlassen können.

fullsizerenderAuf dem weiteren Weg kann man schon ahnen, was uns erwartet. Camping­platz an Camping­platz. Kanuverleih an Kanuverleih. Und eine endlose Autoschlange, die sich schon mal hinter einer Familie bilden, die es prickelnd findet, auf der schmalen Straße eine Radtour mit kleinen Kindern zu machen. Willkommen an der Ardèche!

Wir steuern den Camping­platz L’Ile an, der uns dadurch lockt, dass er basic und ohne Animation sein soll. Und daher auch eher preiswert. Stimmt auch alles, nur das mit dem Preis gilt nur in Relaion zu den anderen Plätzen an der Ardèche… Und der Empfang ist auch nicht gerade herzlich. Geradezu die Bestä­tigung für das klassische Vorurteil für franzö­sische Arroganz. Sprechen Sie deutsch? Non. English? Non. Sinngemäß sagt sie etwas wie “Ich spreche franzö­sisch. Reicht doch.” Also radebreche ich mit meinen Franzö­sisch­brocken und sie hält nicht hinterm Berg damit, dass sie das sehr amüsiert. Da fühlt man sich doch gleich willkommen geheißen. Vor allem, weil sich im Nachhinein heraus­stellt, dass sie sehr wohl Englisch spricht… Hätte ich nicht bisher so ausge­sprochen positive Erleb­nisse mit unseren  franzö­si­schen Nachbarn gemacht, hätte ich an der Stelle schon die Schnauze voll gehabt.

Der Stell­platz den wir gezeigt bekommen, liegt zwischen 3 Bäumen, die recht eng beiein­ander stehen. Mein zweifelnder Blick, ob ich da das MoMo ohne Schramme reinma­nö­vriert kriege, wird mit einem schul­ter­zu­ckenden “Da haben gestern 2 Wohnmobile gestanden.” kommen­tiert. Nachdem wir unser Grauwasser entsorgt haben (sehr alter­nativ: Man fährt mit dem Womo über einen Gulli­deckel in der Straße, der Platzwart hebt ihn aus, man entsorgt, Deckel wieder drauf) starte ich den ersten Parkversuch. Unser netter deutsch Platz­nachbar fragt, ob wir nicht lieber den Mittelweg hinter den Plätzen nehmen würden, das sei doch viel einfacher… Danke, liebe Platz­wartin, dass du uns das verschwiegen hast. Grrrr!

Nachdem der Puls dann erst mal runter gegangen ist, können wir uns die Ardèche dann mal in Ruhe angucken. Nett! Von den Klippen springen Kinder ins Wasser, es kommen noch die letzten Kanus durch und abgesehen vom Jugendcamp auf der anderen Fluss­seite, wo es laut “Barbie Girl” schallt und johlt ist es ganz beschaulich. Wir gehen ein bisschen den Fluss entlang und finden dort tatsächlich auch etwas Ruhe. Könnte ganz schön hier sein…Ardèche-08.jpg

Nach dem Grillen gehe ich dann noch mal zum Fotogra­fieren hinunter an den Fluss und habe ihn schließlich für mich ganz alleine. Jetzt ist es schön.Ardèche-10.jpg

1 Kommentar

  1. Wow, ihr erlebt ja Abenteuer (mit der Fenster­scheibe)! Ich drücke euch die Daumen, dass ab jetzt im Urlaub alles immer gut klappt. Ich wünsche euch noch einen entspannten Urlaub mit vielen wunder­schönen Eindrücken.

    LG Chris­tiane

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