Rechts­drehend und schnur­gerade
4. Oktober 2015

Vom sonnigen Wetter von gestern ist am Morgen nichts mehr übrig. Wir sind in einer grauen Nebel­suppe gefangen und wundern uns bei der morgend­lichen Runde mit Mia, dass auf der Neben­strasse trotz Sonntag­morgen so viele Autos unterwegs sind. Da sollen sich die Franzosen doch mal ein Beispiel an den Schweden nehmen!

Wir haben beschlossen, den ohnehin nur rudimen­tären Reiseplan über den Haufen zu werfen und statt am Mont St. Michel an der Atlan­tik­küste unser Breta­gne­aben­teuer zu beginnen. Also nicht links­drehend, sondern rechts­drehend. Denn der Wetter­be­richt sagt ab heute abend 2 Tage feinstes Regen­wetter voraus. Und so beschließen wir, einen kleinen Abstecher ins Tal der Loire zu machen und für die Regentage noch Nantes und Vannes in petto zu haben, bevor es dann ans Meer geht.

Der Weg führt uns an Disneyland und Parc Asterix vorbei. Auf den schnur­ge­raden Straßen durch große Waldge­biete stehen immer wieder Autos am Wegesrand und ich schwöre, dass wir sogar Rotkäppchen mit ihrem Korb auf dem Weg zur Großmutter gesehen haben!

Für die Paris­um­fahrung haben wir uns mit Sonntag einen guten Tag ausge­sucht, denn es ist dank Navi kein bisschen stressig, die ständigen Spurwechsel auch recht­zeitig zu bewerk­stel­ligen. Aber was um alles in der Welt bedeuten die Warnzeichen mit explo­die­renden Autos am Straßenrand? Warnung vor Selbst­mord­at­ten­tätern?

Hinter Paris beginnt dann die große Lange­weile: Landschaftlich gibt es absolut nichts berich­tens­wertes und wenn nicht mal ab und zu ein Kreis­verkehr käme, würde man vor lauter Anspruchs­lo­sigkeit und optischer Gleich­för­migkeit wahrscheinlich einschlafen.

Unser Etappenziel Tours haben wir vor allem wegen der beein­dru­ckenden Kathe­drale St. Gatien ausge­sucht. Und auch sonst schien es uns ein lohnendes Ziel zu sein. Der erste Eindruck ist aber eher ernüch­ternd. Wir finden am westlichen Ende der Innen­stadt einen Parkplatz, aber die ersten Meter in der Stadt wirken so gar nicht attraktiv. Immerhin haben sich aber die Bäume das Recht erkämpft, einen Bürger­steig in ganzer Breite zu belegen.

Und auch als wir in die Altstadt kommen, springt der Funke nicht so recht über. Billig­re­staurant an Billig­re­staurant. Annette fühlt sich an die Düssel­dorfer Altstadt erinnert — vielleicht deshalb?

Aber als wir an der Kathe­drale angekommen sind, sind wir schon mal angetan von diesem gotischen Bauwerk. Wir beschließen Schicht­dienst zu machen. Annette bleibt mit Mia draußen und ich sondiere die Lage, ob sich ein Besuch überhaupt lohnt.

Schon nach dem Betreten bin ich mir sicher, dass es sich lohnt. Die Wirkung dieser in den Himmel strebenden Decken­ge­wölbe lässt sich mit den Fotos nur schwer dokumen­tieren, ist aber sensa­tionell. Fast noch sensa­tio­neller sind aller­dings die tollen Glasma­le­reien in den Fenstern. Mit ein bisschen mehr Muße könnte man stundenlang die vielen Details studieren. Aber auch die rein farbliche Wirkung ist eine Wucht. Noch schöner ist für mich aller­dings nach wie vor nur Saint Chapelle in Paris.

Direkt neben der Kathe­drale finden wir noch einen schön angelegten Park (warum wird an so was bei uns eigentlich immer als erstes gespart?), der vor allem mit der gigan­ti­schen Zeder im Vorhof beein­druckt. Ein wahrhaft riesiger Stamm­umfang von 7,50m und ein Alter von über 200 Jahren lassen ihn wahrlich majes­tä­tisch wirken.

Und auch wenn Tours uns nicht so begeistert wie gestern Metz sind wir uns sicher, dass sich der Umweg alleine für Kathe­drale und Garten gelohnt hat.

Als wir am MoMo ankommen fängt es passend zur Wetter­vor­hersage an zu tröpfeln. Und so fahren wir also in Richtung des heutigen Etappen­ziels. Welches das ist, ändert sich im Laufe der kommenden Stunde nahezu im Minutentakt. Das eigentlich angepeilte Wasser­schloss an der Loire wird verworfen, als Annette auf halber Strecke eine sich inter­essant anhörende Gärtnerei im France Passion-Guide findet. Oder doch die Ferme, die Rillette und Patè verkauft? Aber da wäre auch noch das Restaurant mit dem tollen Rhein­blick. Hä? Ach so, falsch gegoogelt… Letzten Endes erscheint uns das Wasser­schloss zu weit weg, die Gärtnerei zu langweilig und das Restaurant hat Sonntag abend zu. Bleibt noch La Maigret­tière mit den Rillette.

Wir schlängeln uns durch enge Sträßchen zu unserem Ziel und werden auch sofort freundlich von Madame Dentier empfangen. Annette übernimmt mit ihren zumindest rudimen­tären Franzö­sisch­kennt­nissen aus der Schule freund­li­cher­weise die Konver­sation und wir lernen, dass es Rie-Jett und nicht Rie-Lätt heißt. Das kaufen wir dann auch gerne fürs Abend­essen (“Poulet ou Lapin?”) und stimmen beim Abend­essen mit der Bewertung auf der France-Passion-Seite überein, dass es excellent ist.

Ansonsten werden wir von Madame mit ihren drei Hunden und ich weiß nicht wie vielen Katzen nicht mehr viel sehen, denn sie erzählt uns, dass sie morgen um drei Uhr raus muss, weil ja Markttag sei. Aua!

Da genießen wir lieber den Abend im MoMo in der Gewissheit, dass wir morgen irgendwann vom Tröpfeln des Regens geweckt werden und aufstehen, wenn uns danach ist!

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