Rechtsdrehend und schnurgerade

Vom sonnigen Wetter von gestern ist am Morgen nichts mehr übrig. Wir sind in einer grauen Nebelsuppe gefangen und wundern uns bei der morgendlichen Runde mit Mia, dass auf der Nebenstrasse trotz Sonntagmorgen so viele Autos unterwegs sind. Da sollen sich die Franzosen doch mal ein Beispiel an den Schweden nehmen!

Wir haben beschlossen, den ohnehin nur rudimentären Reiseplan über den Haufen zu werfen und statt am Mont St. Michel an der Atlantikküste unser Bretagneabenteuer zu beginnen. Also nicht linksdrehend, sondern rechtsdrehend. Denn der Wetterbericht sagt ab heute abend 2 Tage feinstes Regenwetter voraus. Und so beschließen wir, einen kleinen Abstecher ins Tal der Loire zu machen und für die Regentage noch Nantes und Vannes in petto zu haben, bevor es dann ans Meer geht.

Der Weg führt uns an Disneyland und Parc Asterix vorbei. Auf den schnurgeraden Straßen durch große Waldgebiete stehen immer wieder Autos am Wegesrand und ich schwöre, dass wir sogar Rotkäppchen mit ihrem Korb auf dem Weg zur Großmutter gesehen haben!

Für die Parisumfahrung haben wir uns mit Sonntag einen guten Tag ausgesucht, denn es ist dank Navi kein bisschen stressig, die ständigen Spurwechsel auch rechtzeitig zu bewerkstelligen. Aber was um alles in der Welt bedeuten die Warnzeichen mit explodierenden Autos am Straßenrand? Warnung vor Selbstmordattentätern?

Hinter Paris beginnt dann die große Langeweile: Landschaftlich gibt es absolut nichts berichtenswertes und wenn nicht mal ab und zu ein Kreisverkehr käme, würde man vor lauter Anspruchslosigkeit und optischer Gleichförmigkeit wahrscheinlich einschlafen.

Unser Etappenziel Tours haben wir vor allem wegen der beeindruckenden Kathedrale St. Gatien ausgesucht. Und auch sonst schien es uns ein lohnendes Ziel zu sein. Der erste Eindruck ist aber eher ernüchternd. Wir finden am westlichen Ende der Innenstadt einen Parkplatz, aber die ersten Meter in der Stadt wirken so gar nicht attraktiv. Immerhin haben sich aber die Bäume das Recht erkämpft, einen Bürgersteig in ganzer Breite zu belegen.

Und auch als wir in die Altstadt kommen, springt der Funke nicht so recht über. Billigrestaurant an Billigrestaurant. Annette fühlt sich an die Düsseldorfer Altstadt erinnert – vielleicht deshalb?

Aber als wir an der Kathedrale angekommen sind, sind wir schon mal angetan von diesem gotischen Bauwerk. Wir beschließen Schichtdienst zu machen. Annette bleibt mit Mia draußen und ich sondiere die Lage, ob sich ein Besuch überhaupt lohnt.

Schon nach dem Betreten bin ich mir sicher, dass es sich lohnt. Die Wirkung dieser in den Himmel strebenden Deckengewölbe lässt sich mit den Fotos nur schwer dokumentieren, ist aber sensationell. Fast noch sensationeller sind allerdings die tollen Glasmalereien in den Fenstern. Mit ein bisschen mehr Muße könnte man stundenlang die vielen Details studieren. Aber auch die rein farbliche Wirkung ist eine Wucht. Noch schöner ist für mich allerdings nach wie vor nur Saint Chapelle in Paris.

Direkt neben der Kathedrale finden wir noch einen schön angelegten Park (warum wird an so was bei uns eigentlich immer als erstes gespart?), der vor allem mit der gigantischen Zeder im Vorhof beeindruckt. Ein wahrhaft riesiger Stammumfang von 7,50m und ein Alter von über 200 Jahren lassen ihn wahrlich majestätisch wirken.

Und auch wenn Tours uns nicht so begeistert wie gestern Metz sind wir uns sicher, dass sich der Umweg alleine für Kathedrale und Garten gelohnt hat.

Als wir am MoMo ankommen fängt es passend zur Wettervorhersage an zu tröpfeln. Und so fahren wir also in Richtung des heutigen Etappenziels. Welches das ist, ändert sich im Laufe der kommenden Stunde nahezu im Minutentakt. Das eigentlich angepeilte Wasserschloss an der Loire wird verworfen, als Annette auf halber Strecke eine sich interessant anhörende Gärtnerei im France Passion-Guide findet. Oder doch die Ferme, die Rillette und Patè verkauft? Aber da wäre auch noch das Restaurant mit dem tollen Rheinblick. Hä? Ach so, falsch gegoogelt… Letzten Endes erscheint uns das Wasserschloss zu weit weg, die Gärtnerei zu langweilig und das Restaurant hat Sonntag abend zu. Bleibt noch La Maigrettière mit den Rillette.

Wir schlängeln uns durch enge Sträßchen zu unserem Ziel und werden auch sofort freundlich von Madame Dentier empfangen. Annette übernimmt mit ihren zumindest rudimentären Französischkenntnissen aus der Schule freundlicherweise die Konversation und wir lernen, dass es Rie-Jett und nicht Rie-Lätt heißt. Das kaufen wir dann auch gerne fürs Abendessen („Poulet ou Lapin?“) und stimmen beim Abendessen mit der Bewertung auf der France-Passion-Seite überein, dass es excellent ist.

Ansonsten werden wir von Madame mit ihren drei Hunden und ich weiß nicht wie vielen Katzen nicht mehr viel sehen, denn sie erzählt uns, dass sie morgen um drei Uhr raus muss, weil ja Markttag sei. Aua!

Da genießen wir lieber den Abend im MoMo in der Gewissheit, dass wir morgen irgendwann vom Tröpfeln des Regens geweckt werden und aufstehen, wenn uns danach ist!

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