Lohnende Umwege

Pünktlich um 8 Uhr setzt der vorhergesagte Ganztagsregen ein. Logische Konsequenz: Wir drehen uns noch einmal im kuscheligen Alkoven um und verpennen den Anfang des Tages.

Das ganze folgt natürlich einem ausgetüftelten Masterplan. Denn unser Frühstück besteht heute nur aus Kaffee und ein bisschen Müsli, damit wir Mittags überhaupt schon wieder Hunger für ein Mittagessen haben. Denn im Dalsland-Prospekt habe ich das Steneby Grytan gefunden, wo es Älgburgare, zu deutsch: Elchburger, geben soll. Könnte man doch mal ausprobieren!

Wir fahren also mittags bei absolutem Pisswetter (und damit in 3 Wochen auch dem allerersten!) los und folgen dem “Sonderziel” was ich im Navi gefunden habe.

Kurz vor dem Ziel werden wir über eine Brücke gelotst und kriegen noch eine Liveschleusung der Dalslandia mit, komplett mit Bilderbuch-Schleusenwärter im Gelbmann. Und das ganze in der ersten Reihe im gemütlich warmen MoMo während die bedauernswerten Touristen an Bord doch alle etwas verfroren aussehen.

Was mir nur komisch vorkommt: Als ich gestern das Restaurant gegoogelt habe, war eigentlich kein See oder Kanal in unmittelbarer Nähe. Und so stehen wir auch bei der Durchsage “Sie haben ihr Ziel erreicht” in der absoluten Pampa. Ups! Also noch mal geguckt und festgestellt, dass wir aus unerklärlichen Gründen im 11km entfernten Dals Langed angekommen sind. Aber für das Schleusenspektakel hat sich das doch mal richtig gelohnt!

Im zweiten Anlauf werden wir dann richtig gelotst und kommen im Dalsland Aktiviteter an, wo man bei Lust und besserem Wetter auch Klettern oder Reiten könnte. Das Restaurant erinnert uns in seiner Aufmachung kollossal an Amerika: riesiges Gebäude, ein großer Saal und halt alles eine Nummer zu groß. Aber halt irgendwie auch ausgesprochen cool.

Da passt es auch, dass es eine Art Doppelburger gibt, den man kostenlos bekommt, wenn man den Teller innerhalb einer Stunde geleert hat. Wir entscheiden uns trotzdem für die normale Variante und können uns nicht beklagen. Satt wird man auch so! Wie ein Elchburger schmeckt? Schon lecker, aber auch etwas trocken, so ein Elch. Dabei steht der doch die meiste Zeit im See rum…

In der angeschlossenen Geschenkboutique werfen wir das erste Mal einen Blick auf das, was uns die Andenkenindustrie als Souvenir andrehen will, schütteln den Kopf und fahren weiter.

Denn jetzt müssen wichtige Einkäufe getätigt werden: Systembolaget, wir kommen! Und nach einer Ehrenrunde durch Bengtsfors, weil bei diesem Wetter natürlich Shoppen immer geht und das anscheinend auch alle tun, sind wir dann nur mittelzufrieden, weil der Laden zwei von unserem Lieblingssorten leider nicht führt. Und wer ist denn auf die Irrsinnsidee gekommen, in einem Extrageschäft für Alkohol, wo man sich immer fühlt, als würde man einen Sexshop betreten (“Die wissen jetzt alle, was ich da mache!”), **alkoholfreies** Bier zu verkaufen?

Unser nächstes Ziel führt uns jetzt nach Norden, denn in einem Reiseführer haben wir den Hinweis auf einen deutschen Bäcker gefunden, der “in the middle of nowhere” seine Bäckerei hat. Und da es nur ein kleiner Abstecher auf der Route zum Tagesziel ist, machen wir den kleinen Schlenker. Und erfreulicherweise hat der Regen mittlerweise aufgehört und es herrscht eine tolle verwunschene Lichtstimmung.

Die Bäckerei in Gustavsfors kann man unmöglich übersehen. Wir kaufen also Brot und Zimtstangen und halten noch einen kleinen Schwatz mit dem sehr sympathischen Bäcker Sven, der alles in seiner Bäckerei alleine macht. Und da er vor allem vom Geschäft im Sommer lebt, hat er dann durchgängig eine 7-Tage-Woche. Dafür aber im Winter frei. Auch ein Geschäftsmodell…!

Frohgemut peilen wir nun endgültig unser Tagesziel an: Den Campingplatz in Grinsby. Alles, was wir bisher darüber herausfinden konnten, liest sich so, als wäre das was für uns. Auf dem Weg dorthin klart es sogar etwas auf und bei einer Überfahrt über den Dalsland-Kanal (den wir heute nun schon mehrfach überquert haben), bieten sich wunderschöne, sonnige Aussichten, so dass wir spontan für einen Fotostop aussteigen.

Was man überhaupt nicht mitkriegt, wenn man gemütlich mit schöner Musik im MoMo durch die Landschaft cruist, ist die faszinierende Stille, wenn man auf freier Strecke einfach mal aussteigt. Auch Vogelgezwitscher hört man so gut wie gar nicht. Toll!

Wir genießen die Fahrt über die stellenweise komplett rote Straße, was mich an unsere tolle Fahrt durch den Ostteil des Zion-Nationalparks in den USA erinnert.

Die Straße windet sich mal elegant kurvend, dann wieder für ein Stück schnurgerade, so dass es nicht langweilig wird. Und als uns schließlich ein Straßenschild ankündigt, dass wir Värmland erreicht haben, wissen wir, dass es nicht mehr weit sein kann.

Der Campingplatz liegt direkt am Stora Bör, einem mittelgroßen See, auf dem es sich natürlich auch gut paddeln lässt. Und es gibt neue, wirklich schöne und saubere Sanitärräume. Und Stellplätze, die nicht festgelegt sind, sondern die man sich einfach selbst aussucht. Was natürlich toll ist, aber auch ungeahnte Schwierigkeiten mit sich bringt. Denn wenn “alles” erlaubt ist, was ist dann ein blöder Platz? Was ist schon zu nah am Nachbarn, was ist okay? Wir finden schließlich einen Platz auf dem zentralen Hügel des Platzes und nachdem ich mich bei unserem freundlichen schwedischen Nachbarn versichert habe, dass wir nicht stören, ist auch Annette überzeugt. Und da der Hügel unterhalb unseres Stellplatzes dann schon abfällt, würde sich nur ein Vollidiot dort hinstellen. Was bedeutet: Panoramablick über Platz und See!

Und wenn ein Platz schon bei schwächelndem Wetter so schön aussieht, können wir uns auf die kommenden Tage wirklich freuen. Denn es soll wieder sonniger und wärmer werden!

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