Ab in die Wildnis
10. Juli 2015

Während in den frühen Morgen­stunden noch letzte Schauer auf unseren Alkoven geprasselt sind, erleben wir beim Aufstehen traum­haftes Insel­wetter. Blauer Himmel, die Fahnen flattern im Wind und die Schiffe im Hafen schaukeln leicht auf dem Wasser. Schade nur, dass es immer noch ein paar Grad zu kühl ist, um draußen zu frühstücken!

Das Wochenende naht. Und was sonst ja ein Grund zur Freude ist, bedeutet für uns, Überle­gungen anzustellen, wie es weiter­gehen könnte, um den in den Reise­führen geschil­derten Massen zu entkommen. Denn wir nähern uns mit den Schären nördlich von Göteborg einer der Top-Ferien­ge­genden der Schweden. Und der Wetter­be­richt sieht ganz gut aus.

Also planen wir, wieder ein Stück landein­wärts zu fahren und das Wochenende an einem See nördlich von Kungälv zu verbringen. Der im Womo-Führer beschriebene Stell­platz am Alevatten-See hört sich aber auch wirklich verfüh­re­risch an!

Beim Auffahren auf die Fähre sind wir jetzt schon erfahren: Einordnen auf die Dicke-Fahrzeuge-Spur und als erstes auffahren dürfen. Und hinter uns folgt dann der ganze Rest. Nachteil an der Sache: Alle dürfen dann auch wieder vor uns von Bord fahren!

Wir erreichen den Svarte­dalen-Natio­nalpark über ereig­nislose Strecke und sind gespannt, was uns erwartet. Denn die Strecke im Park ist nicht mehr asphal­tiert, sondern eine feste Schot­ter­piste. Aufregend! Und tatsächlich wird die Landschaft mit jedem Kilometer uriger und, obwohl gar nicht so weit entfernt von der Zivili­sation, kommen wir uns vor, als hätten wir ein Abenteuer vor uns.

Links von uns Birken, rechts Seen mit Schilf und Seerosen. Dann nur Buchen, Kiefern und Birken, bis dann wieder ein See durch­schimmert. Toll! Und auf der ganzen Strecke begegnet uns kein Mensch.

Wir finden die im Womo-Führer als besonders schön beschriebene Stelle am Alevatten-See und beschließen noch ein paar Meter weiter zu fahren, da es dort einen geschot­terten Stell­platz mit Mülleimer, eine Sitzbank mit Blick auf den See und lang gezogene Schären­felsen gibt, auf die man sich wunderbar hinlegen kann. Dumm nur, dass Annette ein paar hundert Meter vor dem Stell­platz ein “Camping fjörbuden”-Schild entdeckt hat. Wir beschließen aber, dass ein so perfekt präpa­rierter Platz doch nur für ein Womo gedacht sein kann und verzichten halt auf Klapp­stühle und Markise als Zeichen, dass wir nicht campen, sondern einfach nur dort stehen wollen.

Der Platz ist wirklich wunderbar und perfekt zum Entschleu­nigen. Denn das Handy zeigt beharrlich “Kein Netz” an. Also nix mit Internet. Bisher war ich vom Comviq-Netz äußerst begeistert, aber hier zeigt sich, dass die Berichte im Internet stimmen: Wer vorhat, etwas weiter in die Natur vorzu­dringen, ist damit nicht gut bedient. Egal. Wir verbringen den Nachmittag mit dösen, lesen, malen und Schoko­kekse essen. Auch schön!

Gegen 5 Uhr kommt zum wieder­holten Male ein silberner Pickup an uns vorbei. Diesmal bleibt er stehen und der schwe­dische Förster, der aussteigt, weist uns sehr freundlich darauf hin, dass dies ein Platz sei, wo man nur für ein paar Stunden stehen dürfe, aber nicht über die ganze Nacht. Wir erklären kurz unsere Inter­pre­tation der Schilder, aber er erklärt uns, dass es im ganzen Park nur 2 Stellen gebe, wo das frei Stehen wirklich verboten sei. Alle anderen Stellen wären ohne Schilder. Es sei also überhaupt kein Problem, einen anderen Platz zu finden. Bereit­willig zeigt er mir sogar auf einer Karte seinen Lieblings­platz am Härsvatten-See, den er mir sehr empfiehlt. Na, da lassen wir uns doch nicht lumpen!

Wir fahren also wieder über Schot­ter­piste noch weiter in den Park hinein und entdecken auf der Fahrt schon einige Stellen, die wir ausge­sprochen schön finden. Aber die Empfehlung des Försters ist wirklich top! Ein Platz ca. 10m oberhalb des Sees mit Banktisch und der Möglichkeit, unten am Ufer ein Bad zu nehmen. Viel besser geht es wirklich nicht. Für alle, die nachreisen wollen: N58“01’12, O12“02’00,

Zufrieden setzen wir uns hin, genießen den Ausblick über den See und stellen fest, dass wir sogar Nachbarn auf der anderen Seeseite haben. Diesmal aber gottseidank ohne Uffta-Uffta-Musik, so dass wir beschliessen: Der Platz ist es!

Am Abend werden wir noch zweimal “erschreckt”. Jeweils fahren Autos vor, junge Schweden steigen sich laut unter­haltend aus und wir sehen unser ruhiges Fleckchen schon zum Teufel gehen. Aber jedes Mal sind sie ausge­sprochen freundlich und fahren ein paar Gänge runter, als sie merken, dass sie nicht alleine sind. Sehr angenehm. Und während die erste Truppe noch tatsächlich in den See springt, während ich ob des kalten Windes meine Fleece­jacke genieße, zieht sich die zweite Gruppe zwar noch bis auf die Badehose aus, aber alsbald auch wieder an. Das ist dann auch den Schweden, die wir oft bei kaltem Wind noch gelassen in Shorts und T‑Shirt gesehen haben, zu kalt!

Abends werden wir noch einmal aus dem Bett geschreckt, weil eine Motocross­ma­schine laut röhrend auf uns zufährt, wendet und wieder verschwunden ist. Kleiner Schreck in der Abend­stunde!

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