Radtour zum Naschikönig

27. April 2021

Ein bisschen vorab-wehmütig sind wir heute schon. Unser letzter voller Tag an der Schlei ist angebro­chen. Aber wir wollen ihn noch mal so richtig genießen, bevor es morgen ins Corona-NRW zurückgeht. 

Frühpad­deln

Annette macht es schon mal richtig. Sie schaut aus dem Alkoven­fenster, sieht die wunder­bare Morgen­stim­mung über der Schlei und entscheidet sich spontan dazu, in den Scubi zu steigen und den Tag auf dem Wasser zu beginnen. Auf dem Kajak ganz allein den stillen Morgen zu begrüßen – das hat schon was. Zumin­dest, wenn man die Kälte abkann. Denn auch in dieser Nacht hatten wir wieder Minus­grade – dieser April ist wirklich nichts für Warmduscher.

Margens auf der Schlei
Margens auf der Schlei

Rein und raus

Eigent­lich würden wir liebend gerne nur draußen sitzen. Aber sobald eine größere Wolke durch­zieht, kühlt einen der Wind reich­lich flott auf Kühlschrank­tem­pe­ratur ab. Zwischen­durch wärmen wir uns gerne im MoMo auf, während wir lesen, Tagebuch schreiben oder den Hunden beim Spielen zugucken. 

Wenn man die Bilder von den sich gründ­lich putzenden Schwänen sieht, glaubt man nicht, dass meine Finger nachher ganz schön runter­ge­kühlt waren. 

Schwäne
Schwäne
Schwäne

Noch mal aufs Rad

Annette erweist sich mal wieder als Trüffel­schwein. Sie hat eine Radtour zum Naschi­könig gefunden. Ich hatte auch schon flüchtig von diesem Süßig­keiten-Eldorado gelesen, dachte aber, dass es so eine große Süßig­keiten-Massen­ab­fer­ti­gung a la Haribo-Outlet sei. Ich hätte nicht falscher liegen können…

Wir schwingen uns wieder auf die Räder und fahren jetzt schon wie alte Hasen zur Fähre in Missunde, um dort über die Schlei überzu­setzen. Auf den fest einge­planten Stop im Kuchen­haus müssen wir leider verzichten, da dort leider alles zu ist.

Die Fähre in Missunde erinnert uns an die gelben Fähren in Schweden, mit denen man kostenlos übersetzen kann. Hier bezahlt man einen überschau­baren Betrag für die kurze Überfahrt, spart aber dadurch den weiten Umweg über Schleswig oder die Lindau­nis­brücke, wenn man ans südliche Schlei­ufer will. 

Fähre Missunde

Ein Gesamt­kunst­werk

Nachdem wir ein paar Kilometer durch den Missunde Wald geradelt sind, kommen wir in Weseby an. Es gab zwar unter­wegs Wegweiser zum Naschi­könig, aber man hat trotzdem den Eindruck, immer weiter aufs flache Land zu fahren. Nichts deutet auf eine Attrak­tion hin. Und als wir dann am Kiosk angekommen sind, wissen wir auch, warum. 

Naschikönig

Denn das hier ist keine Markt­halle mit großen Boxen von Süßig­keiten, wo man noch ein paar Gebinde von den ohnehin schon bekannten großen Marken kriegen kann. Das hier ist das ultima­tive „Büdchen“. So wie wir alle es aus unserer Kindheit kennen, aber mit einer Auswahl, die einen sprachlos macht. 

Es gibt über 600 Sorten von Süßig­keiten und Lakritz, die jede mit einem kleinen Schild und Foto vorge­stellt werden. Weil sich das kein Mensch (außer dem Chef) alles merken kann, gibt es Zettel und Stifte zum Notieren der Wünsche, wenn man mit dem Bestellen dran ist.

Naschikönig
Naschikönig

Und das kann schon mal dauern. Denn Peter Viergutz, der den Naschi­könig seit 15 Jahren betreibt, ist ein Traum von einem Büdchen­be­sitzer. In aller Seelen­ruhe nimmt er die Bestel­lungen auf, erklärt ausführ­lich, wie man die jewei­lige Süßig­keit am besten genießt („Und bloß nicht auf dem Tisch liegen lassen, sonst sind die sofort weg!“) und notiert die Einzel­posten mithilfe seines Abakus. Ein Konzept, das bei den vielen kleinen Mengen auch absolut Sinn ergibt: Jede Kugel steht für 5 Cent. Und nach jeder Bestell­runde wird die Zwischen­summe auf einem Zettel notiert und addiert. Nix Taschenrechner!

Was einen fast schon nervös macht, wenn man an die Leute denkt, die in der Schlange hinter einem stehen: Die absolute Ruhe, die Peter ausstrahlt. Nicht zu verwech­seln mit Langsam­keit. Sein Motto: „Je länger die Schlange wird, desto ruhiger werde ich.“ Und einmal hätten sie um 17 Uhr aufhören wollen, es wären aber erst um 21 Uhr alle Kunden fertig bedient gewesen. Wer ihn einmal erlebt hat, glaubt das sofort. 

Vorab haben wir schon seine Frau Hanne­lore kennen­ge­lernt. Sie gab uns den guten Tipp, eine gemischte Dose Lakritz zu kaufen, um mal möglichst viel probieren zu können. Aber vor allem: Vor dem Probieren ein Foto von der Lakritz­spe­zia­lität zu machen. Denn wenn man sie einmal im Mund habe, könne man ja schlecht noch mal nachgu­cken… Und dann zu beschreiben, was man da so lecker fand, würde immer zu Problemen führen. Mit dem Foto hingegen könne ihr Mann das Objekt der Begierde zielsi­cher identi­fi­zieren. Pfiffig!

Naschikönig

Und außerdem sollte man, wenn man schon mal da ist, nicht nur eine Süßig­keiten-Tüte füllen lassen, sondern am besten noch Waffel und Käseku­chen to go bestellen. Zwar können wir uns coronabe­dingt nicht an einen Tisch setzen, aber im Gras schmeckt es ja auch ganz gut.

Naschikönig

Ich habe es nicht kommen sehen, aber der Naschi­könig ist ein absolutes Highlight unseres Kurztrips! Wer mal jemanden in seinem Element erleben will, der genau seine Nische im Leben gefunden hat und eine tiefe Zufrie­den­heit ausstrahlt, sollte den Besuch bei Peter auf jeden Fall in seine Tour einbauen. Ich freue mich jetzt schon aufs Wiederkommen!

Kick-Pause

Wir fahren ein paar Meter weiter und genießen den Blick auf die von den Sonnen­strahlen glitzernde Schlei, die hier fast ein bisschen an den Ringkø­bing-Fjord in Dänemark erinnert. Es gibt sogar ein Stück mit Mini-Sandflä­chen und Picknick­bänken. Wir öffnen feier­lich unser weißes Tütchen mit den roten Herzen darauf und ich entnehme zwei „Kick“-Bonbons, die Peter so beschrieben hat: „Kennst du die Muh-Muh-Bonbons? So sind die, aber noch mit Lakritz dabei.“ Recht hat er. Mjam!

Weseby
Weseby

Groß-Shopping

Etwas, was wir auf unseren Reisen ja immer gerne machen, ist das Shoppen von lokalen Spezia­li­täten. Hier werden wir im Hofladen vom Biobau­ernhof Bluschke fündig. Dort gibt es allerlei lecker ausse­hende und riechende Wurst­waren, sodass wir uns üppig für die kommenden Frühstücke einde­cken. So haben wir noch ein bisschen länger etwas von unserem Besuch an der Schlei.

Bluschke

Abschieds­stim­mung

Als wir wieder am MoMo ankommen, wird leider auch klar: Das ist jetzt schon der letzte Abend an der Schlei. Zeit für ein kurzes Fazit.

Weißdorn

Was halten wir vom Modell­pro­jekt? Unsere Erfah­rungen sind rundherum positiv. Mit den gängigen AHA-Regeln und FFP2-Maske haben wir auch nicht mehr „gefähr­liche“ Kontakte als Zuhause und kamen ansonsten durch unser autarkes MoMo auch nicht in Räume wie Toiletten und Duschen, wo man sich eventuell ohne Maske infizieren könnte. Hier geben sich wirklich alle Leute Mühe, dass Tourismus auch in Corona-Zeiten funktio­nieren kann. 

Wir drücken sehr die Daumen, dass dieses Modell­pro­jekt ein klares Ergebnis ergibt, dass man mit den üblichen AHA-Regeln reisen kann, ohne sich und andere zu gefährden. 

Abend
Prachtberge

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1 Kommentar

  1. Liebe Annette, lieber Michael
    Mit grossem Inter­esse verfolge ich eure Tour an der Schlei.
    Wir waren dort auch schon mehrfach. Schleswig — Kappeln — Massholm. Alles sehr sehens­wert. Auf in diesem Jahr steht es auf unseren Reise-Wunsch­liste, aber eben, ob der Virus es zulässt?
    Ich wünsche euch viel Spass weiterhin und freuen mich auf weiter Beiträge.
    Michael

    Antworten

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