König Artur

23. September 2022

In der Nacht werde ich immer wieder wach, weil ich Geistesblitze habe, wie wir aus der buchstäblich festgefahrenen Situation herauskommen. Man müsste doch nur! So wird es bestimmt klappen! Morgens stelle ich dann in erster Linie fest, dass ich gerädert bin vom verpassten Nachtschlaf…

Am Rollberg

Immerhin eine Sache klappt zuverlässig. Die Sonne scheint und es ist herrlichstes Herbstwetter. Schon feuchtkühl, aber gleichzeitig wärmt die Sonne noch ordentlich.

Als ich sehe, dass sich auf dem Rollberg etwas bewegt, werde ich hektisch: Wo ist die Kamera? Nicht, dass ich das Schiff verpasse, was gleich hier an mir vorbeikommt.

Als ich dann strammen Schrittes zu der abfallenden Grasfläche gehe, merke ich, dass Hektik hier gar nicht angezeigt ist. Gaaanz gemächlich kommt das Schiff auf mich zu. In meiner Fantasie habe ich mir den Vorgang des bergab und bergauf auf dem Rollberg deutlich spektakulärer vorgestellt. Vielleicht sollte man ihn eher in Schleichberg umbenennen?

Oberlandkanal
Oberlandkanal
Oberlandkanal

Was aber nicht daran ändert, dass es ein faszinierender Vorgang ist: Oben ist Wasser, unten ist Wasser und in der Mitte dazwischen der grasbewachsene Rollberg. Mein Gehirn schlägt Purzelbäume bei der Vergewisserung, dass hier ein Schiff, was eben noch im Wasser war, hier wirklich über Land transportiert wird. Das ist schon toll. Und vor allem energietechnisch blitzsauber: Die benötigten 60 PS werden rein mit Wasserkraft erzeugt.

Vergebliche Versuche

Wir hatten mit dem Platzbetreiber ausgemacht, dass er heute Morgen noch einmal käme, wenn wir nicht aus eigener Kraft wegkommen würden. Da sich die Wiese trotz Sonnenscheins aber Zeit lässt, wirklich zu trocknen, unternehmen wir erst mal nichts.

Zuverlässig meldet sich Artur, der Platzbetreiber, dann um 10 Uhr, um nachzuhören, wie es aussieht und verspricht, in einer halben Stunde vorbeizukommen.

Wir sondieren die Lage und machen einen ersten vergeblichen Versuch, noch einmal ohne Hilfe aus dem Schlamassel zu entkommen. Völlig witzlos.

Stuck MoMo
Die Anfahrhilfen von Lescars haben übrigens so ungefähr gar nicht geholfen…

Als wir am MoMo nach der Abschleppöse suchen, an der Artur uns vielleicht hinausziehen muss, stelle ich fest, dass es gar keine gibt. Es gibt lediglich einen Bolzen, den man an der Front verschrauben soll, falls man abgeschleppt werden muss. Dieser befindet sich, laut Betriebsanleitung, unter dem Fahrersitz. Aber Moment, da ist doch unsere zweite Aufbaubatterie? Und jetzt dämmert es mir: Da war doch diese schwere Kiste mit Wagenheber, Radkreuz und so einem Metallteil, die wir hinter dem Fahrersitz hatten. Und die ich in der groben Fehleinschätzung, dass man die nicht benötige, weil das dann ohnehin der Pannendienst übernimmt, zu Hause in der Garage deponiert habe. Mist, Mist, Mist.

Als ein Bus mit einer deutsch sprechenden Frau vorbeikommt, hoffe ich kurz, dass das vielleicht eine Freundin von Artur ist, die ebenfalls zum Helfen und Ziehen gekommen ist. Es stellt sich aber heraus, dass sie nur den Transport für die Schiffstouristen übernimmt. Der folgende Dialog ist so ähnlich dann passiert:

Sie, strahlend: „Guten Tag, möchten Sie eine Bootsfahrt machen?“

Ich, aufs MoMo zeigend: „Nein, wir haben ein Problem. Unser Wohnmobil steckt auf der Wiese fest.“

Sie: „Das nächste Schiff fährt um 11 Uhr. Wollen sie dann nicht mitfahren? Ist wirklich schön!“

Ich: „Nein, danke. Wir haben ein Problem. Ich muss das hier erst mal lösen.“

Sie: „Wollen sie nicht meinen Prospekt haben? Da stehen auch alle Abfahrtszeiten drauf.“

Und ich meine, als ich daraufhin ungläubig über so viel Ignoranz ablehne, ist sie fast ein wenig beleidigt…

Schwerstarbeit mit Artur

Artur kommt mit extra gekauftem Abschleppseil vorbei und ich muss ihm erst mal beichten, dass der Abschleppbolzen fehlt. Er nimmt es gleichmütig und ist sich sicher, dass wir es auch mit Schieben schaffen werden. Er habe das noch immer geschafft. Und wenn man ihn in seiner properen Michelin-Männchen-Haftigkeit ansieht, glaubt man das auch sofort.

Also frisch ans Werk: Annette und Artur schieben hinten und ich schaukele uns im zweiten Gang aus der Misere. So der Plan. Aber immer, wenn wir es fast haben, beschließt das MoMo, dass es doch lieber in die gemütliche Mulde zurückplumpst.

Während Annette und Artur von der heftigen Anstrengung japsen, steht mir der Schweiss vom möglichst gefühlvollen Agieren am Steuer auf der Stirn.

Wir deklinieren jetzt verschiedenste Varianten durch: Nach hinten schieben, das rutschige Gras mit einer Schicht Sand bedecken, die Anfahrmatten neu justieren. Nichts hilft.

Stuck MoMo
Auch eine leergeräumte Heckgarage hilft nicht weiter

Das Dumme ist, dass es hier Niemanden mehr gibt, denn man zusätzlich um Hilfe bitten kann. Unsere einen Platznachbarn sind schon weg und die anderen auf Schiffstour. Artur fährt voller Hoffnung kurz zur Straße, um ein Auto anzuhalten, das uns vielleicht auch hilft. Nach einer Viertelstunde kommt er wieder: „Da ist keiner vorbeigekommen.“ Und seine Freunde müssten halt arbeiten.

Endlich frei

Was ich an Artur wirklich bewundere, ist seine Entschlossenheit, dieses Problem allein zu lösen. Es ist anscheinend in seinem Ehrenkodex nicht vorgesehen, an dieser Stelle aufzugeben. Und den Automobilklub möchte er nicht rufen, um uns Kosten zu ersparen. Auch als ich ihm erkläre, dass wir da nichts für zahlen müssen, bleibt er sich sicher: „Wir kriegen das hin.“ Und irgendwie ist seine Zuversicht ansteckend. Wir unternehmen einen letzten Versuch, bei dem wir das MoMo rückwärts weiter auf die Wiese schieben. Die Idee ist es, das leichte Gefälle zu nutzen, um aus der vermaledeiten Mulde hinauszukommen und anschließend, mit nochmaligem Schieben, die minimale Steigung zu schaffen.

Und das Wunder geschieht. Nach heftigen Schaukeln sind wir wieder frei! Jetzt noch einmal ganz gefühlvoll noch vorn, dabei nicht mit einem Reifen wieder in einen Krater geraten und auf den Weg fahren. Das Triumphgefühl ist genauso riesig wie die Erleichterung!

Stuck MoMo

Ich recherchiere noch die Herkunft des Namens Artur (das ist nämlich auch der Name meines Großvaters) im Internet und stelle erfreut fest, dass er wohl von Artaios abgeleitet wird: Der Bär. Unser Artur könnte gar keinen passenderen Namen haben!

König Artur

Wir unterhalten uns anschließend noch ein wenig und er erzählt, dass er den Platz erst vor einem Jahr übernommen habe. Es sei noch viel zu tun, aber er wisse, wie wichtig Onlinebewertungen seien. Unsere Empfehlung daher: Wer einen Gastgeber haben will, der sich bedingungslos für einen einsetzt und einen Campingplatz direkt an einem Rollberg sucht: This is the place. Und bitte stellt euch nicht so dösig an wie wir…

Stuck MoMo

Rollberg ohne Stress

Wir fahren jetzt wieder zurück nach Katy mit dem heftigen Kopfsteinpflaster, weil wir dort das MoMo auf einem befestigten Untergrund parken können. Sicher ist sicher. Dort wollen wir zur Entspannung mit den Hunden eine Runde entlang des Kanals machen.

Oberlandkanal

Aber wie es der Zufall will: Wir stärken uns nach der Anstrengung zunächst einmal und warten zielsicher ab, bis es anfängt zu tröpfeln. Die anschließende Spazierrunde fällt dann eher kurz aus, da wir an diesem zweiten Rollberg feststellen: Kennste einen, kennste alle. So viel Neues erleben wir hier nicht mehr.

Wir beschließen, noch eine größere Strecke zurück nach Hause zurückzulegen.

Oberlandkanal
Oberlandkanal

Kaschubische Schweiz

Wir fahren auf der himmlisch gut ausgebauten S7 in Richtung Danzig. Nach all den rumpelig-engen Straßen in Masuren eine wahre Wohltat!

Zumindest so lange, bis wir den Großraum Danzig erreichen und die S7 wieder verlassen. Hier fahren wir von Stau zu Stau, sodass wir für die 50 Kilometer bis zum Ziel satte 90 Minuten benötigen.

Wir haben uns den Jezioro Klodno mitten in der kaschubischen Schweiz als Ziel ausgesucht. Mich erinnert die Region allerdings eher an das heimatliche Bergische Land. Viele Wälder, kurvige Straßen und ab und zu mal ein See, der bei uns zu Hause eine Talsperre wäre.

Der erste Platz, den wir anfahren, macht uns allerdings misstrauisch. Zwar schön am Seeufer gelegen, aber viel Schräge und viel Gras. Wir möchten nicht schon wieder einen Platz haben, von dem wir nicht wegkommen!

Am Camping Tamowa finden wir dann einen sehr gepflegten Platz etwas oberhalb des Sees vor. Und nachdem wir den Untergrund für fest genug und den Platz direkt an der Einfahrt für optimal befunden haben, genießen wir nach einem sehr anstrengenden Tag den Blick auf den golden scheinenden See unter uns.

Jezioro Klodno

Es ist so schön, dass Annette spontan noch schnell in den Badeanzug springt und in die untergehende Sonne hinein schwimmt. Welch ein versöhnliches Tagesende!

Jezioro Klodno
Jezioro Klodno

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Der wilde Westen von Mull

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