Genervt, entzückt und beglückt

14. September 2022

Heute heißt es wirklich Abschied nehmen von unserem feinen Platz am Biale-See. Wir bedanken uns noch einmal artig bei unserem netten Gastgeber und ich lasse mir von ihm noch einmal erklären, wo man in Mragowo das Adapterkabel für den Stromanschluss bekommen kann. „Das Geschäft mit dem gelben Schild. Die haben das 100%“

Byebye, schöner Platz am See!

Polnische Bedienung

Wir beschließen, dass wir allein deswegen unserer Remscheider Partnerstadt Sensburg (so der deutsche Name für Mragowo) einen Besuch abstatten wollen. Schließlich wollen wir auch noch einen größeren Einkauf machen und mal wieder lecker essen gehen kann ja auch nicht schaden.

In Sensburg finden wir dann auch das Geschäft dank der Mithilfe von Google Maps recht problemlos. Ein reiner Elektroladen wird ja wohl so ein Kabel haben. Denke ich mir so.

Aber schon beim Betreten des leeren Geschäfts wird mir klar, dass das hier schwer wird. Drei Leute sitzen hinter dem Tresen, keiner schaut auf oder begrüßt mich. Erst auf mein fröhliches „dzień dobre“ sehen sie leicht genervt auf und als ich mit einer entschuldigenden Geste frage „Do you speak English?“ weist der älteste Mitarbeiter zum Jüngsten: „Kollega!“ Dieser wiederum guckt verunsichert zum Chef und sagt auf polnisch wohl so was wie „Echt jetzt?“, woraufhin er sich nach einem ermutigenden Satz vom Chef leicht verunsichert mir zuwendet.

Ich erkläre ihm, dass ich ein Kabel für den Campingplatz benötige, einen Adapter vom normalen Stecker auf den Campingstecker. Verunsichert führt er mich zum Regal mit den Schuko-Endstücken. „Sowas?“ Ich versuche noch mal, ihm klarzumachen, dass ich ein Kabel brauche und zeige auf die blauen CEE-Endstücke, die ich im Lager entdeckt habe.

Jetzt versteht er mich. Aber: Nein, solche Kabel hätten sie nicht, die müsste man ja erst konfektionieren. Und er vermittelt nicht den Eindruck, als wäre das etwas, was er in seinem Leben schon einmal gemacht hat. Eher ist es ein „Ne, verstehste selber, dass man das nicht einfach so machen kann.“ Nee, klar, warum stehe ich hier auch in einem Elektrofachgeschäft mir drei Leuten, die nichts zu tun haben…

Köstlichster Kuchen

Leicht angesäuert fahren wir weiter. Dann gibt es eben kein Stromkabel und wir hoffen mal, dass unsere gestrige Vollladung und das Solarpanel uns über die nächsten Tage bringen.

Wir parken am großen Parkplatz am Kulturzentrum und stehen wenige Schritte später vor dem Cudo Cafe. Dieses hat Annette ausfindig gemacht und die Bilder und Rezensionen lassen nur einen Schluss zu: Das wird lecker.

Aber Oh Schreck! Als wir davor stehen, gehe ich fest davon aus, dass es geschlossen ist. Alles düster von außen. Es ist nur Annette zu verdanken, dass wir mal bis zur Tür gehen und dann feststellen, dass sogar Gäste da sind.

Und was hätten wir es bereut, wenn wir hier nichts gegessen hätten! Bei dieser Auswahl von leckeren Torten kann man sich kaum entscheiden, da alle wirklich sehr speichelfördernd aussehen. Mjam!

Noch besser ist dann nur die Erkenntnis, dass die süße Pracht dann unglaublicherweise noch besser schmeckt als sie aussieht. Wir wussten ja, dass die Polen wirklich Spezialisten für leckere Kuchen sind. Aber das ist wirklich noch mal ein neues Level! Ich schwanke kurz, ob ich noch einen Nachschlag bestelle. Aber da Annette zurecht auf die gigantische Kalorienmenge verweist, verkneife ich mir das. Aber bitte notiert euch das Cudo Cafe für die nächste Masurenreise – es lohnt sogar einen Umweg!

Merkwürdige Stadt

Mit dem Rest von Mragowo werden wir allerdings nicht so ganz warm. Was aber nicht an den Parks liegt. Am Jezioro Czos hat man einen herrlichen Blick über den See und Wolken und Landschaft geben ihr Bestes, um Masuren von der schönsten Seite zu präsentieren.

Der Rest des Stadtzentrums präsentiert sich aber eher unschön, mit einem merkwürdigen Architekturmix und teilweise dann doch erstaunlich runtergekommenen Ecken, die in umso krasseren Gegensatz zu den ausgesprochen hübschen Parks stehen.

Wenn man weiß, wie großartig Städte wie Torun oder Danzig aussehen, fällt es schwer, zu verstehen, dass Sensburg aussieht, wie es aussieht. Aber andererseits: Remscheid gewinnt ja auch keinen Schönheitspreis – außer natürlich für unseren Stadtteil Lennep…

Kajak-Hauptstadt Kruttinnen

Wir freuen uns, als wir die Stadt hinter uns lassen und wieder aufs Land fahren. Wie schon angekündigt, wollen wir noch weiter auf der Kruttinna paddeln. Und wo ginge das besser als auf dem touristisch bestens vermarkteten Teilstück zwischen Krutyn (Kruttinnen) und Ruciane-Nida, wo wir vor 13 Jahren schon waren?

Als wir in den Ort kommen, kommen auch die Erinnerungen wieder. Stimmt, es dreht sich hier wirklich alles ums Kajakfahren. Links Kajakis, rechts Kajakis. In allen möglichen Farben und in wirklich beeindruckenden Mengen. Wir stellen uns mit leichtem Grauen vor, wie voll der Fluss hier wohl sein muss. Und im Ort steht eine Bus-Reisegruppe, die sich die Souvenirläden anschaut. Das wird wohl nichts mit dem stillen Zauber, wie wir ihn gestern noch auf dem Fluss erlebt haben.

Perfektes Camping

Umso größer ist dann unsere Verwunderung, als wir den Campingplatz Gosciniec Zapiecek anfahren. Lediglich ein anderes Fahrzeug steht hier (und, Spoiler: Es wird im Laufe des Tages auch nicht mehr). Ich habe gerade das MoMo geparkt, als auch schon ein von Backe zu Backe strahlender Mann auf mich zukommt und mir erst mal die Hand entgegenstreckt. Das ist doch mal ein Willkommen!

Wir können uns beliebig platzieren und auch ansonsten wirkt alles sehr modern, sauber und aufgeräumt. Ein richtiges kleines Schmuckstück! Das beste ist die Lage unmittelbar an einem kleinen Sandstrand der Kruttinna. Und das Verblüffendste: Hier ist so gut wie nichts los. Kaum einmal, dass jemand hier vorbeigepaddelt kommt. Da ist das aufregendste eine Begegnung von zwei stakenden Jungs mit ein paar Schwänen, die aneinander vorbeiziehen.

Nachdem wir noch einmal umgeparkt haben, hat Annette sogar ihren obligatorischen Blick aufs Wasser, ohne den ein Stellplatz halt nur die Hälfte wert ist. Zum Paddeln ist es jetzt schon zu spät, aber wir freuen uns jetzt bereits auf morgen. Noch dazu, wo das Pärchen aus dem anderen Camper uns begeistert von Eisvögeln und Mardern erzählt, die sie vom Fluss aus zu Gesicht bekommen haben.

Glücksmahl

Da wir hier wieder in der Zivilisation sind und wissen, dass man in Krutyn lecker essen gehen kann, schwingen wir uns auf die Räder. Vom Karczma Zacisze her duftet es schon verführerisch.

Vor dem Eingang steht ein junger Mann am Gasgrill, der uns in perfektem Deutsch begrüßt, als er merkt, dass wir deutsche Touristen sind. Leider hätten sie geschlossen. Auf unsere Nachfrage, für wen er denn dann so lecker grillen würde, stellt sich heraus, dass sie eine Gruppe von elf Gästen haben, aber eben keinen normalen Restaurationsbetrieb fahren. Es gebe daher allenfalls eine reduzierte Karte – wenn uns so etwas wie Zander mit Pfifferlingen reichen würde… Er muss lachen, als er das Leuchten in unseren Augen und das heftige Nicken sieht.

Es stellt sich heraus, dass bereits jetzt hier praktisch gar keine Saison mehr ist. Die meisten Restaurants hätten zu und auf dem Fluss wäre auch nicht mehr viel los. Es gebe eigentlich nur die drei Sommermonate, in denen etwas los sei – dann allerdings auch unbeschreiblich viel.

Wir freuen uns, dass wir solch ein Glück haben und setzen uns in den „Wintergarten“ oberhalb des Flusses, wo die 11er-Gruppe schon speist. Später bekommen wir mit, dass sie wohl irgendein Fragespiel spielen, was wir hauptsächlich daran erkennen, dass wir mitten im polnischen Wortschwall immer wieder Dolly Buster vor Ohren haben: „Ah, Bäh oder Cäh?“

Wir genießen unser abendliches Lecker-Essen und fühlen uns wieder ein Stückchen mehr in Polen angekommen.

Schön, dass du ein Stück mit uns mitgefahren bist!

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Der wilde Westen von Mull

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