Sackgassen

3. Oktober 2021

Wir sind perplex. Gestern hatten wir noch gedacht, was für ein Luxus dieser große Parkplatz mitten im Ort ist, der als Womo-Stell­platz dient. Wir hatten auch schon die Hinweise auf den „Wandertag“ gelesen, der heute sein soll. Aber wer würde bei so einem elenden Wetter da schon teilnehmen? Viele, wie sich jetzt herausstellt.

Wandertag auf Französisch

Denn als wir um 8 Uhr einen ersten Blick aus dem Alkoven­fenster werfen, können wir kaum glauben, was wir sehen: Der ganze Parkplatz ist vollge­parkt, ein Start-Ziel-Luftrahmen wie bei der Tour de France ist aufge­baut und es fahren immer weitere Fahrzeuge auf den Platz und finden teils sehr kreativ immer noch einen Parkplatz. Wir sind uns sicher: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir hier zugeparkt werden. Aber wir dürfen lernen, dass die Franzosen zwar kreativ, jedoch nicht asozial parken. Es bleibt an allen Stellen noch genügend Platz, dass die Fahrzeuge auch wieder ausparken können.

Saint-Fromond

Dieser Journée de la Randonnée wird hier übrigens großzügig ausge­legt: Es wird gewan­dert, gelaufen, gekajakt und gefahr­rad­fahrt. Ein erstaun­lich großes Event für so ein kleines Städtchen!

Faszi­niert sehen wir den Starts der einzelnen Gruppen zu und freuen uns insge­heim, dass wir im warmen und trockenen MoMo unser Frühstück vertilgen, dass Annette in der Boulan­gerie besorgt hat.

Norman­ni­sches Hinterland

Heute ist unser erster Tag ohne lange Fahrt­strecke. Wir sind zwar noch nicht in der Bretagne, aber so genau wollen wir das nicht nehmen. Denn das Depar­te­ment La Manche, dieser Zipfel, der östlich vom Mont St. Michel in den Kanal hinein­ragt, hat auch ein paar lohnens­werte Ziele, die wir zumin­dest mal anreißen wollen.

Micha und Toffi
Toffi passt auf, dass ich keinen Blödsinn mache

Wir fahren daher nicht nach Westen, sondern in nördli­cher Richtung. Dort gibt es mit der Ferme de la Rouge Fosse einen Bauern­hof­s­tell­platz, wie er schöner kaum angelegt sein könnte. Liebe­voll angelegte großzü­gige Plätze hinter dem schmu­cken Haupt­haus, die von einer Hecke umrahmt werden und ihr eigenes Apfel­bäum­chen haben. Für 7 € (oder +3 € für V/E von Wasser/Grauwasser) fast schon peinlich wie preis­wert das ist.

Ferme de la Rouge Fosse

Obama Beach

Und perfekt gelegen ist der Platz auch noch: Nach Westen geht es in einer Stunde Fußmarsch zur Pointe Du Hoc. Im Osten ist in gleicher Entfer­nung der von der Landung der Alliierten im Zweiten Weltkrieg bekannte Omaha Beach, der bei uns jetzt aufgrund Annettes Sachver­stand nur noch Obama Beach heißt. Wir haben also die Qual der Wahl.

Ferme de la Rouge Fosse

Sackgasse Nummer Eins

Wir beschließen, erst mal die 500 Meter bis zum Meer zu gehen und uns dann inspi­rieren zu lassen, ob wir nach Westen oder Osten wollen. 

Aber als wir in die Straße Richtung Meer einbiegen, sehen wir nach wenigen Metern ein Schild, dass nicht nur eine Sackgasse anzeigt, sondern auch den Durch­gang für Fußgänger verbietet. Hä?

Sackgassen

Annette erkun­digt sich sicher­heits­halber bei einer Frau in einem Haus am Weges­rand: Ja, der Weg sei gesperrt.

Frustriert drehen wir um und beschließen, auf der Straße in Richtung Pointe Du Hoc zu laufen, da es dort schneller die nächste Abzwei­gung in Richtung Meer geben soll. 

Am Straßen­rand fallen uns die ameri­ka­ni­schen Flaggen und die Portraits von ameri­ka­ni­schen Weltkriegs­helden auf. Die Geschichte wird in dieser Region offen­sicht­lich am Leben gehalten.

WW2 Heroes

Sackgasse Nummer Zwei

Auch am zweiten Weg in Richtung Meer ist ein Zufahrt-verboten-Schild und es wird eine Sackgasse angezeigt. 

Sentier du Littoral

Aber diesmal sind wir mutiger. Wir entscheiden uns dazu, einfach mal den Weg langzu­laufen. Umkehren können wir immer noch. Aber der Weg endet tatsäch­lich an einem Maisfeld, obwohl wir das Meer schon sehen können. Also gehen wir durchs Maisfeld, müssen noch entlang eines Ackers und kommen zu einem perfekt angelegten Uferweg. 

Schmetterling

Was uns komisch vorkommt: Hier ist keine Menschen­seele unter­wegs. Bei akzep­ta­blem Wetter. An einem Sonntag. Was stimmt hier nicht?

Sentier du Littoral

Uns ist das erst mal wumpe. Die Sonne scheint, unter uns das Meer mit Schaum­krön­chen in verschie­denen Blau- und Grüntönen – was wollen wir mehr?

Sackgasse Nummer Drei

Nun, vielleicht, dass man einen Weg einfach mal zu Ende gehen kann. Denn nach wenigen hundert Metern kommen wir an eine Baustelle und der Weg in Richtung Pointe Du Hoc ist gesperrt. Frust!

Sentier du Littoral
Sentier du Littoral

Wir beschließen, einfach auf dem perfekten Küstenweg wieder zurück­zu­gehen und uns so weit in Richtung Obama Beach (man kann sich an den Namen wirklich gewöhnen) zu gehen, wie es uns Spaß macht.

Unter­wegs werden wir von ein paar Schauern durch­nässt und stehen kurz danach wieder in der Sonne. Im Hause Mönsters nennt man so was Irland-Wetter. Kann uns nicht wirklich schocken, denn dafür ist es einfach zu toll, oberhalb des Meeres entlang zu wandern und den frischen Wind auf der Haut zu spüren. 

Sentier du Littoral

Falsche Sackgasse

Der Weg in Richtung Osten zieht sich. Und da wir nicht genau wissen, welcher Umweg uns auf dem Rückweg noch erwartet, kehren wir an der Stelle um, wo man einen ersten Blick auf den Obama Beach (gebt zu: mittler­weile denkt ihr auch, dass der so heißt!) werfen kann.

Sentier du Littoral
Obama Beach…

Unser Plan ist es, an dem Weg, den wir ursprüng­lich nehmen wollten, einfach mal landein­wärts zu gehen, um zu checken, ob da wirklich eine für Fußgänger verbotene/gefährliche Stelle kommt. Und siehe da: Es gibt genau gar keinen Grund, warum man diese Straße für Fußgänger sperrt. Zumin­dest keinen, der uns auch nur im entfern­testen einleuchtet.

Ungewöhnliche Wanderung
Ungewöhn­liche Wanderung…

Wolken­leuchten

Zurück auf dem Bauernhof machen wir es uns im MoMo gemüt­lich. Für einen Aufent­halt im Freien ist es einfach noch zu unbeständig. Aber wir genießen es genau so sehr, den Blick über die Landschaft vor uns schweifen zu lassen und nebenbei noch unsere ersten Tarte­lette Citron und Pain de Raisin zu verspeisen.

Ferme de la Rouge Fosse
Tartelette Citron

Abends fangen die Wolken absurd an zu leuchten und sind gleich­zeitig so scharf kontu­riert, dass es aussieht wie ein Gemälde. Kleiner Vorge­schmack auf kommende Sonnen­un­ter­gänge am Meer. 

Wolken

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Der wilde Westen von Mull

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1 Kommentar

  1. Ein super Bild von Michael und Toffi.

    Liebe Grüße Gerhard

    Antworten

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