Überra­schung Ostküste

8. August 2021

Das war eine brutale Nacht. Nein, nicht weil wir einen schlechten Stell­platz gewählt haben. Eher wegen der Umstände. Ich habe mir auf der Skuls­kogen-Wande­rung den Rücken verknackst und entspre­chend schlecht liegen können. Immer wieder hin und her drehen. Aber Annette ergeht es nicht viel besser, denn der angekün­digte Regen ist da. Und prasselt richtig zornig auf das MoMo-Dach. Bei uns triggert das Erinne­rungen an Torla und an ruhigen Schlaf ist da nicht zu denken: Wenn es noch etwas inten­siver wird, ist das bestimmt Hagel!

Und um das Paket des Schmerzes dann richtig vollzu­pa­cken, setzt morgens um 8 Uhr ein völlig schwe­den­un­ty­pi­scher reger Autover­kehr ein. Und dazu noch an einem Sonntag! Auto um Auto, Wohnmobil um Wohnmobil fährt an uns vorbei und parkt. Man hört Hunde bellen und sieht deren Besitzer ratlos in Regen­klei­dung aussteigen. Wie Annette später von einer Teilneh­merin erfährt: Es ist wohl ein Spuren­suche-Kurs für Hunde. 

Blöde E4

Wir wollen heute deutlich Strecke nach Süden machen. Dafür soll die E4 an der Ostküste ideal sein. So sagt man. Unsere Erfah­rung, vor allem auf dem ersten Stück hinter Sunds­vall ist eine andere. In der Regel ist sie dreispurig: Es gibt dann 2 Bergauf-Spuren und eine Bergab-Spur. Was im nördli­cheren Teil auch wunderbar funktio­niert, ist hier, im „Süden“ von Nordschweden eher ein Verkehrs­hin­dernis. Ständig wird man verlang­samt, sodass die gefühlte Reise­ge­schwin­dig­keit eher bei 60 km/h liegt. Und das ganze bei ordent­li­chem Verkehr. So viele Autos haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Zwischen­durch schmieden wir schon den Plan, auf den ruhigeren Inlands­vägen auszuweichen.

E4

Beschau­li­ches Söderhamn

Das alles zehrt an den Nerven und wir beschließen in Söder­hamn eine Pause einzulegen. 

Erstaun­li­cher­weise hat sich das Wetter beruhigt und wir finden hier die sonnige Ostküste vor, wo es fast schon schwül ist. Da hätte ich morgens wirklich nicht mit gerechnet.

Söderhamn

Das Städt­chen ist nett und sonntäg­lich verschlafen. Am Kanal in der Stadt gehen kaum Leute spazieren und auch die Bahntrasse oberhalb des Kanals ist wenig besucht. Beson­ders ins Auge sticht die kleine „Godes­burg“ oberhalb der Stadt. So ein Mini-Castle wirkt in Schweden fast schon wie ein Fremdkörper.

Söderhamn Castle

Das Ring-Dilemma

Auf der Weiter­fahrt schlägt dann mal wieder das Glück so richtig zu. Wir erhalten vom Navi eine Warnung, dass wir besser abfahren. Vor uns wird eine Verzö­ge­rung von 18 Minuten gemeldet. Da wir eh von der E4 die Schnauze voll haben, fällt uns die Entschei­dung gar nicht schwer. Annette findet den verhei­ßungs­voll klingenden Jungf­ru­kus­tvägen, der praktisch parallel zur E4 verläuft. Wobei eine Jungfrau so eine hässliche Straße eigent­lich nicht verdient hat: Eisen­bahn­linie und abgeholzte Wäldchen, die eine Stein­wüste hinterlassen.

Warum sind wir trotzdem beglückt? Annette hat bei Axmar Bruk einen Stell­platz am Meer gefunden, den wir uns mal ansehen wollen. Dieser ist dann auch erstaun­lich groß und gut ausge­stattet. Und die Lage an der Bucht ist wirklich malerisch. Ein verlo­ckendes Restau­rant gibt es auch noch. Wollen wir hier bleiben?

Wir parken das MoMo erst mal am Straßen­rand und erkunden die Lage. Direkt gegen­über weist ein Schild auf eine „Silvers­medja“ hin. Könnte das eine Silber­schmiede sein? Annette ist ja schmuck­mäßig mit dem Silber­schmuck in Lappland nicht auf ihre Kosten gekommen, da kein Ring, keine Kette und kein Armband dort „Kauf mich!“ geschrien hat. Vor der schicken rot-schwarzen Scheune sitzt ein älterer Mann und werkelt vor sich hin. Åsa Weiss­mann ist wirklich Silber­schmied und erzählt begeis­tert von seinem Handwerk. Und mit seinem Schmuck können wir sofort was anfangen. Gefällt uns sehr! Verschmitzt deutet er auf die Scheune und verweist uns an seine Frau: „Da gibt’s noch mehr!“

Bläckhornet

Es stellt sich heraus, dass die Bläck­hornet-Scheune ein kleines Kunst­hand­werk-Haus ist, in dem verschie­dene Künstler ihre Waren und Bilder den Sommer über ausstellen. Und wir richtig Glück haben, dass heute Sonntag ist, denn an den Sonntagen ist Åsa vor Ort. 

Bläckhornet

Wir sind ganz begeis­tert von dem, was wir in der Scheune vorfinden und können bei Mitbring­seln zuschlagen und finden sogar eine Kunst­karte von einem tollen Gemälde, was dort ausge­stellt ist.

Bläckhornet

Bleibt noch die Auswahl des richtigen Silber­schmucks für Annette. Denn die Auswahl an schönen Dingen ist groß und die Entschei­dung fällt schwer. Zwischen zwei Ringen kann sich Annette dann wirklich nicht entscheiden und meine große Stunde schlägt: Weihnachts­ge­schenk gesichert, Frau glücklich. 

Bläckhornet
Annette präsen­tiert stolz das Säckchen mit Ring

Should I stay or should I go?

Während wir in der Scheune sind, hat Toffi mal wieder die Nachbar­schaft terro­ri­siert. Insbe­son­dere unsere „Lieblings“-Sorte Camper, die sich mit ihrem Zeug schonungslos über zwei Stell­plätze ausbreiten, trifft es hart. Sie sitzen vor ihrem Womo direkt neben dem MoMo. Bell Bell, Hup Hup. Tja, Karma is a bitch.

Wir sind hin- und herge­rissen. Die Lage gefällt uns gut, die Aussicht, im viel gelobten Restau­rant zu essen, ist verlo­ckend. Aber der nahezu volle Schot­ter­stell­platz ist nur so mittel­ge­müt­lich. Wir bevor­zugen es ja eher ruhig und kleiner. 

Wir merken uns den Platz aber für die Herbst­tour im nächsten Jahr vor. 

Ein paar Kilometer weiter gibt es einen viel kleineren Stell­platz an einem Häfchen. Auch dort das gleiche Spiel mit deutschen Wohnmo­bi­listen, die sich mit ihrem Krempel so ausbreiten, dass locker ein Stell­platz verloren geht. Auf solche Nachbarn haben wir keine Lust und fahren auch hier weiter.

Beschau­li­cher Hafen

Als wir uns danach wieder in den regen Verkehr auf der E4 einge­reiht haben, stellen wir fest, dass ein Stell­platz am Meer aber dennoch eine feine Sache wäre. Annette checkt im Womoführer, ob es hier in der Region noch etwas gäbe. Gibt es. Bei Gävle gibt es das kleine Hafenört­chen Bönan, was sich verlo­ckend anhört: Rökeri, Restau­rant, kosten­loser Stellplatz. 

Wir fahren bei drama­tisch-schwarzem Abend­himmel und fantas­ti­schem Licht in Richtung Meer und sind von Bönan sofort begeis­tert. Rot-weiße oder gelb-weiße Häuschen reihen sich hier an der Küste auf und eines sieht schnu­cke­liger als das andere aus. Wir sind nur skeptisch, was den Stell­platz angeht: Da wollen doch sicher alle hin? Stellt sich heraus: Nö. Nur 2 Womos stehen schon dort und für uns ist gut Platz ohne zu kuschel­campen. So wie wir es lieben. Bingo!

Passen­der­weise fängt es unmit­telbar nach unserer Ankunft an zu regnen, sodass wir noch einen Regen­bogen geboten bekommen und erst mal im MoMo den köstli­chen Röding aus Vilhel­mina verspeisen. So viel leckeren Fisch haben wir noch auf keiner Reise genießen dürfen! 

Bönan

Wir besuchen auch die örtliche Rökeri, um Nachschub zu holen, finden aber einen wirkli­chen Lost Place vor. Alles wirkt uralt und leicht angegam­melt. Aber im Kühlschrank findet man frisch portio­nierten Lachs vor, den man per Kasse des Vertrauens mitnehmen darf. Blöd nur, wie mittler­weile vieler­orts in Schweden: Die Kasse ist virtuell und heißt Swish und funktio­niert wie Paypal. Aber Swish funktio­niert halt nur mit einem schwe­di­schen Bankkonto… Wir lassen also schweren Herzens den Lachs im Kühlregal liegen.

Bönan

Als wir den Rest der Umgebung erkunden, stellen wir fest, dass wir wirklich genau die richtige Wahl getroffen haben. Dieses absolut entschleu­nigte schwe­di­sche Küsten­tempo ist genau unser Ding.

Bönan
Bönan
Bönan
Bönan
Bönan
Bönan

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3 Kommentare

  1. Ich muss jedes Mal lachen, wenn Ihr über Toffi schreibt 🙂 Das könnte 1:1 von unserem Kleinen handeln. Man müsste nur den Namen im Bericht austauschen.

    Weiterhin eine gute Zeit im Norden und danke für die tollen Reiseberichte!

    Antworten
    • Kannst du uns denn Hoffnung machen, das es besser wird, Daniela?
      Wir haben zwar den Eindruck, dass sie in kleinen Schritten wirklich etwas entspannter wird, aber die Kläfferei ist schon anstrengend…

      Antworten
      • Ähm … nein *lach*. Unsere beiden Kleinen sind sehr unter­schied­lich. Der eine kläfft weil er sehr stürmisch “Hallo” sagen will und der andere, weil er alle von sich fernhalten will. Ein Dilemma, wenn man mit zwei Hunden unter­wegs ist. Unser Dackel Olly mag nur Menschen/Hunde, die er kennt und bis er jemanden wirklich kennt, braucht es extrem lange. Unserem Malteser Wilson hingegen, werden wir das Hupen bestimmt nie abgewöhnen können. Da hilft nur Fahrer­sitz drehen bei jedem Halt, wo die Jungs alleine im WoMo sind. Das Beste ist, entspannt bleiben aber das ist bekannt­lich einfa­cher gesagt als getan 😉

        Antworten

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