Wie Sie sehen, sehen Sie nichts

26. Juli 2021

Gestern hat sich das schlechte Wetter nach Schweden verzogen und wir konnten einen schönen, warmen Abend genießen. Und der Wetter­be­richt kündigt für die Lofoten-Region vier Tage sonnigstes Wetter an. Was kann da schon schiefgehen?

Vesterålen

Morgens ist es freund­lich, aber etwas bedeckt. Von den gegen­über­lie­genden Bergen, die gestern noch so fotogen waren, ist erst mal nichts zu sehen. Aber das kennen wir ja schon – in ein paar Stunden kommt dann die Sonne durch.

Es ist angerichtet

Wir haben uns überlegt, dass wir die immer noch ein bisschen unter Geheim­tipp firmie­renden Vesterålen nicht auslassen möchten. Deswegen machen wir einen Schlenker nach Norden über die im Atlas grün gekenn­zeich­nete Straße auf Hinnøya zur Insel­haupt­stadt Harstad. Weiter wollen wir dann mit der Fähre von Refsnes nach Flesnes fahren und uns anschlie­ßend die vielver­spre­chende Vesterålen-Insel Langøya ansehen. 

Damit wir bei dem sonnigen Wetter­be­richt und der Hochsaison keinen Stress mit einem Übernach­tungs­platz bekommen, reser­vieren wir gleich noch einen Platz auf dem sehr positiv bewer­teten Camping­platz bei Myre. Und weil man dort so schön wandern können soll und wir Wäsche machen wollen, gönnen wir uns gleich zwei Übernach­tungen dort. 

So, der Tag wäre geplant, los geht’s!

Vesterålen

Vorfreude

Ganz eupho­risch steigen wir ins MoMo und fahren los. Was wir wohl heute Tolles entde­cken werden? 

Im Sport­shop um die Ecke gibt es leider keine Ersatz­luft­pumpe für die Kajaks, aber wir bekommen den Tipp, es in Harstad zu probieren, da gäbe es einen Kajak­laden namens Tequila. Wir sind so lange begeis­tert von diesem Tipp, bis wir sehen, dass der Laden Montags geschlossen ist. Wieder nix.

Aber egal, jetzt geht es auf der E10 über die große Brücke über den Lavangsfjord. Hurra, wir fahren auf die Lofoteninseln! 

Vesterålen

Gut, auf der gegen­über­lie­genden Seite liegt die Straße weitest­ge­hend in tief hängenden Wolken, aber das wird schon noch.

Vesterålen

Großstadt

Als wir in Harstad ankommen, sind wir verblüfft: Das ist ja eine richtige Stadt! Mit fast 25.000 Einwoh­nern für norwe­gi­sche Verhält­nisse ja schon riesig. Und deswegen gibt es hier auch fast jedes Geschäft zu finden. Wir beschließen kurzer­hand zu einem Einkaufs­zen­trum zu fahren – vielleicht gibt es ja dort eine Ersatz­pumpe für uns? 

Wir parken wohlweis­lich auf dem Parkplatz vor dem Parkhaus. Ich wundere mich noch, dass auf diesem Wohnmo­bil­park­platz ein PKW und ein Fahrrad geparkt sind. Aber der PKW-Fahrer spricht mich an und lobt uns für die schlaue Idee, hier zu parken. Er deutet auf das Fahrrad und den Dachge­päck­träger, den er gerade abmon­tiert. Er sei nämlich nicht so schlau gewesen und sei mit dem Rad auf dem Dach ins Parkhaus gefahren. Aua! Außerdem erklärt er uns, dass in ihrer Region das Tragen einer Maske in Geschäften nicht verpflich­tend, aber empfohlen sei. Wie wir später sehen, machen das die meisten Norweger dann auch so.

Eine Pumpe kriegen wir aber weder bei Inter­sport noch bei Clas Ohlson, der uns im Sport­ge­schäft empfohlen wurde. Dafür aber unsere heißbe­liebten Lofotburger!

Vesterålen

Kastrierte Berge

Von Harstad fahren wir jetzt in einem nördli­chen Bogen zur Westküste der Insel. Aber das große Ah! und Oh! bleibt weiter aus, denn ab einer Höhe von höchs­tens 100 Metern verdeckt eine dichte, tief hängende Wolken­schicht jegliche Aussicht. Annette fühlt sich mittler­weile an das klassi­sche Zitat von Obelix erinnert:

„Na Obelix, wie ist denn Helve­tien so als Land?“ — „Flach.“ (Asterix bei den Schweizern)

Vesterålen
Vesterålen

Wir tragen es aber weiter mit Fassung, dass wir hier nichts Grandioses sehen, denn als wir am Fähran­leger in Refsnes ankommen scheint in Richtung Süden ein bisschen die Sonne durch­zu­kommen. Es dauert bestimmt nicht mehr lange, bis die Sonne hier die Oberhand gewinnt.

Vesterålen

Bei der Auffahrt auf die Fähre wird anschei­nend unser Nummern­schild gescannt und wir dürfen passieren. Wie einfach das geht! Einen Bezahl­nach­weis habe ich aber noch nicht erhalten.

Auch auf der anderen Seite des Gullesfjords ist es nicht sonniger. Aber wir haben den Eindruck, dass am Ende des Fjords die Stimmung deutlich freund­li­cher ist. Geht doch! Dumm nur, wenn man dann nach ein paar Kilome­tern in Richtung Langøya abbiegt und wieder in die Wolken­suppe gerät.

Vesterålen

Fika ohne Aussicht

Wir haben uns einen Platz an einem Friedhof am Sigerfjord ausge­sucht, um dort unsere Fika zu machen. Wir träumen davon, dass sich dabei dann auch mal die Wolken verziehen. Es ist mittler­weile 16 Uhr.

Vesterålen

Statt­dessen wird auf dem Friedhof der Rasen gemäht, sodass wir tunlichst auch die Fenster geschlossen lassen. Es setzen erste Zweifel an der Weisheit unserer Entschei­dung ein.

Haste Scheisse am Schuh…

Auch das Überqueren der Brücke an der blauen Stadt Sortland bringt keine Aussicht auf Wetter­bes­se­rung. Und als wir auf das letzte Teilstück nach Myre abbiegen, werden wir auch noch von einer Baustelle willkommen geheißen. Wir nehmen es mittler­weile mit Galgen­humor. Es wird wohl ein gebrauchter Tag werden…

Als wir den Camping­platz errei­chen, disku­tieren wir noch kurz, ob wir einfach die Reser­vie­rung stornieren und uns auf den Weg in den (vermut­lich?) sonnigen Süden machen. Nachteil an dieser Variante: noch mal 2 Stunden Fahrt. Und vielleicht wird hier ja im Laufe des Abends doch noch alles gut? Das war doch gestern auch so, dass es ab 19 Uhr erst schön wurde.

Wir fragen den sehr freund­li­chen Camping­platz-Gastgeber, wie es mit den Wetter­aus­sichten aussieht, aber er will sich da nicht festlegen. Sie hätten einen komplett verreg­neten Juli hinter sich und nur 50 % der Gäste, die sonst kämen. Sie würden es nehmen, wie es kommt, aber das Beste hoffen. So wollen wir es auch machen.

Wir fügen uns dem Schicksal

Ich mache missmutig ein paar Fotos zu den gegen­über­lie­genden Bergen hinüber, die schemen­haft zu erkennen sind. 

Vesterålen

Erneut überlegen wir, ob es nicht doch schöner wäre, hier die Segel zu strei­chen und einfach wegzu­fahren. Aber irgendwie passt es dann doch zu diesem Tag, der so völlig anders als geplant verlaufen ist.

If you want to give God a laugh tell him your plans. (John Lennon)

Nach dieser Entschei­dung senkt sich die Wolken­decke noch mal etwas hinab, sodass es sich fast schon wie Nebel anfühlt. Macht nur, macht nur…

Vesterålen
Fast die gleiche Perspek­tive wie beim Bild oben. Nur mit Ebbe und noch mehr Wolken.

Annette sortiert unsere Wäsche, nur um frustriert ein ums andere Mal aus dem Wasch­raum zurück­zu­kehren. „Da hat jemand für ein bisschen Wäsche ein großes Programm gewählt.“ „Der Trockner läuft noch 2:54 Stunden.“ „Ich muss in einer halben Stunden noch mal gucken.“

Vesterålen

Es gibt ja auf jeder Reise diesen einen Tag, an dem so gar nichts zu klappen scheint. Unserer war dann heute.

Vesterålen

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Der wilde Westen von Mull

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4 Kommentare

  1. Hallo ihr vier 👍
    unser Motto : in Norwegen 🇳🇴
    alles wird gut 👍
    Wir senden euch jetzt die verspro­chene Sonne 🌞
    Lieben Gruß
    Gute Fahrt weiterhin 👍👌🇳🇴

    Antworten
    • Danke, die Sonne kämpft noch mit dem Nebel…

      Antworten
  2. Hi,
    Ihr habt aber auch wirklich ziemlich Pech mit dem Wetter und eines haben wir in Schweden gelernt: es gibt nichts Unzuver­läs­si­geres wie den schwe­di­schen Wetter­be­richt. Es hört sich so an, als käme die norwe­gi­sche Wetter­vor­her­sage aus der gleichen Quelle.
    Und da ihr euch, wie es scheint, bei Asterix auskennt, die passende Vorhersage:
    “ich sehe, dass euch der Himmel nicht auf den Kopf fallen wird und dass auf den Regen Sonnen­schein folgt” (Asterix Der Seher)
    Ich drücke euch ganz fest die Daumen, dass diese Vorher­sage bald in Erfül­lung geht
    LG
    Claudia
    Ps.: zwischen­durch mal ein dickes Lob für den tollen Reise­be­richt und die super Fotos

    Antworten
    • Da hat die Seherin aber recht behalten! Danke für das Lob und die gute Wettervorhersage. 

      Liebe Grüße
      Micha

      Antworten

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