Linde­knuten

21. Juli 2020

Diesmal werden wir nicht vertrieben. Und unser Weg führt uns erst mal nur ein paar Kilometer weiter. Aber es sind Kilometer, die es in sich haben. Wir fahren nämlich auf die Mautstraße Hille­stad­heia, die sich nicht mal einen Kilometer entfernt in mehreren Serpen­tinen die Wand hochschraubt. Für die Bezah­lung müssen wir kreativ werden. Denn die 60 Kronen, die man zum Bezahlen in einen Umschlag tut, haben wir nicht klein. Und 200 Kronen fände ich dann doch zu üppig. Zechprellen geht gar nicht, also tun wir 6 Euro in den Brief­um­schlag und denken, dass das dann auch okay ist.

Höhen­dorf

Die geschot­terte, aber breite Straße lässt sich wunderbar fahren. Und der Ausblick wird schon bald immer toller. Unter uns liegt jetzt das Tovdal und in der Ferne können wir am Talende sogar den Rjukan­fossen sehen. Aber das reicht uns noch nicht. Annette hat gestern an der Galleri die Wande­rung zum Linde­knuten gefunden, die vom Parkplatz aus gerade mal 2 Stunden hin und zurück dauert. Und der Linde­knuten verspricht einen weiten Ausblick in die Landschaft: Nach Süden bis zum Meer und bei guter Sicht auch den Gausta­t­oppen, den über 100 Kilometer entfernten größten Berg der Telemark. Und die Sicht heute ist gut, sehr gut.

Lindeknuten

Wir parken das MoMo am Parkplatz im verlas­senen Höhen­dorf. Es stehen dort jede Menge Ferien­häuser, die aber alle unbewohnt wirken. So richtig was los ist hier anschei­nend nur im Winter. Denn Loipen sind mehrere ausge­schil­dert, auch wenn man jetzt nur ahnen kann, wo sie wirklich langführen.

Lindeknuten
Lindeknuten

Gestrüpp, aber anders

Es ist natür­lich wieder ein echt norwe­gi­scher Weg. Also kein aufge­hübschter breiter Weg, sondern es geht wieder querfeldein. Diesmal mit blauer Markie­rung. Im Gegen­satz zur gestrigen Wande­rung aber etwas weicher. Es gibt viele sumpfig-nasse Abschnitte, die sich aber immer gut begehen lassen – Wander­schuhe sind trotzdem sehr empfehlenswert. 

Lindeknuten
Lindeknuten
Lindeknuten

Es geht stetig, aber recht gleich­mäßig bergauf. Und bald können wir auch den Gipfel des Linde­knuten sehen. Er ist klar erkennbar an dem hässli­chen Radio­sender, den das norwe­gi­sche Militär dort oben im Kalten Krieg hinge­baut hat. Er ist immer noch im Gebrauch.

Lindeknuten
Lindeknuten
Lindeknuten
Lindeknuten

Viel schöner sind da aber die Aussichten, die sich sonst noch bieten. Die breiten Stein­flä­chen, auf denen sich jetzt im Sommer nur noch ein kleines Rinnsal seinen Weg nach unten ins Tal sucht. Die Seen, die es alle naselang mal wieder gibt.

Lindeknuten
Lindeknuten
Lindeknuten
Lindeknuten

Wahnsinns­aus­sicht

Ein letztes Hindernis liegt noch vor uns. Denn auf das Plateau mit der Radio­sta­tion und der Rundum­aus­sicht kommt man nur über eine vielleicht 4 Meter hohe Holzleiter. Mit Hund ein kleines Problem. Aber wir haben ja unsere schlaue und Gottsei­dank nicht so große Elli. Und Annette hat extra noch ein Trekking-Geschirr für sie gekauft, dass einen prakti­schen Trage­griff am Rücken hat. Und so klettert Elli mit Unter­stüt­zung fast schon allein die Treppe hoch. 

Lindeknuten

Was wir dann oben an Aussicht geboten bekommen ist wirklich aller Ehren wert. Denn alles, was uns angekün­digt wurde, stimmt. Am südli­chen Horizont sehen wir die schnur­ge­rade Linie des Meeres. Nach Westen haben wir einen Blick über das Tovdal. Nach Osten sehen wir das Gjøvdal mit unserem Paradiessee Onevatn. Und im Norden sehen wir Schnee­felder und sind uns nicht ganz sicher, ob das auf der Hardan­ger­vidda oder schon ein Gletscher­ge­biet ist. Toll ist alles!

Lindeknuten
Lindeknuten
Lindeknuten

Wir lernen auch die Vorzüge des wirklich nicht schönen Radio­sen­ders schätzen. Denn er bietet einen 1a-Windschutz, sodass wir die Sonne und unser Picknick fast in völliger Windstille genießen können. 

Was mich wirklich umhaut, ist wieder mal die Tatsache, dass wir einen solchen Topspot nahezu für uns allein haben. Ledig­lich eine andere norwe­gi­sche Wanderin hat es sich in einer anderen Windschat­ten­ecke gemüt­lich gemacht. 

Lindeknuten
Lindeknuten
Lindeknuten
Lindeknuten

Wir haben also einem Topaus­sichts­punkt bei Topbe­din­gungen für uns allein. Und sind völlig perplex, dass es solche Geheim­tipps heutzu­tage immer noch gibt – man muss sie nur finden!

Der Abstieg die Leiter hinunter ist dann noch mal ein Nerven­kitzel. Den bergab kann Elli nicht mehr viel mithelfen. Aber Annette nimmt sie auf halber Leiter wie ein Köffer­chen von mir in Empfang und bringt das Elli-Paket auch heil hinunter. 

Der Weg zurück ist dann fast schon ein Vergnügen. So grob wissen wir, wo wir treten müssen, um nicht zu versumpfen und es wird fast schon zum Sport, in einer flüssigen Bewegung von Stein zu Ast zu Stein zu hüpfen, um nicht in die Mocke zu treten.

Lindeknuten
Lindeknuten
Lindeknuten

Wie geht es weiter?

Wieder am MoMo angekommen, müssen wir uns mal Gedanken machen, wie es weiter­gehen soll. Wollen wir hier oben mit dieser tollen Aussicht übernachten? Oder weiter? Und wenn ja, wohin? Wir tun uns ein bisschen schwer, denn wir sind ein bisschen auf den Geschmack gekommen, uns hier im Niemands­land umzuschauen. Die touris­ti­schen Hotspots sind natür­lich woanders: am Meer oder im Fjord­land. Und sie reizen uns ja durchaus. Aber ist es nicht allein schon aus Corona-Gründen gut, wenn wir uns gerade in diesem Jahr auf die einsamen, weniger besuchten Orte einschießen? Wenn man damit so viel Glück hat, wie wir heute: immer her damit!

Redneck-Camping

Wir fahren also weiter auf der Suche nach einem einsamen, schönen Ort, den noch nicht jeder kennt. Der Camping­platz in Dølemo ist es für uns schon mal nicht. Der besteht aus einer Rasen­fläche direkt an der RV41. Nicht so urig. Wir fahren weiter und folgen der Verbin­dungs­straße zur RV42. Ein Träum­chen, vorbei an Flüssen und durch Wälder und man ist immer wieder verwun­dert, wenn dann irgend­wann doch ein paar Häuser auftauchen. 

Tovdal

Der breiten RV42 folgen wir nicht lange, sondern fahren bald schon wieder ab. Ins Risdal. Dort gibt es einen Camping­platz, der was für uns sein könnte. Und der Weg dorthin fällt vielver­spre­chend aus. Immer wieder kleine Seen. Bergauf, bergab. Landschaft­lich hat das hier einfach was.

Risdal Camping

Als wir von der Straße den Camping­platz sehen, denken wir: Könnte was werden. Aber als wir ankommen, sind wir zunächst etwas verwirrt. Sieht eher wie ein Platz für Dauer­camper aus. Unsere Verwir­rung sieht man uns offenbar an, denn uns ruft ein Mann vor seiner Camping­hütte zu, ob wir Hilfe brauchten. Er ist irgendwie das norwe­gi­sche Pendant zu einem ameri­ka­ni­schen Redneck: Irgendwas über 50, dicker Bauch, schwarzes T‑Shirt mit Spruch drauf, Käppi und coole Sonnen­brille. Als wir uns später auf dem Platz umsehen, stellen wir fest, dass praktisch alle Männer hier so ähnlich aussehen. Ob es da eine norwe­gi­sche Bezeich­nung für solche Typen gibt?

Unser Freund ist auch super­hilfs­be­reit. Er erklärt uns, wo wir uns hinstellen könnten, wo und wie hier ent- und versorgt wird und ruft sogar noch beim Platz­be­treiber an, der gerade einkaufen ist. Er erklärt uns außerdem noch, wo man gut hinwan­dern kann. Wir fühlen uns gut aufgehoben.

Risdal Camping
Risdal Camping
Risdal Camping
Durch­dachte Wasserversorgung…
Risdal Camping

Beson­ders, weil die Lage des Platzes wirklich genial ist. Zu beiden Seiten des Platzes mäandert der Fluss Vatne­dal­såna durch schilfum­säumte Ufer. Ein einma­liger Anblick, den wir so woanders auch noch nicht gesehen haben. Was haben wir für ein Glück!

Risdal Camping

2 Kommentare

  1. Als bereits langjäh­riger Leser ihrer tollen Blogbei­träge wird es Zeit endlich einmal DANKE zu sagen.
    Danke für die schönen Bilder, danke für die ausge­feilten Texte, danke für die Wissens­ver­mitt­lung. Ich ahne welch‘ Mühe dahintersteckt.
    Weiter tolle Reisen und bitte,nehmen Sie uns weiterhin mit.

    Antworten
    • Oh, das geht aber runter wie Öl! Oder Øl, wie der Norweger sagt. 🙂

      Ist immer toll, so ein Feedback zu kriegen, weil wir ja doch viel in den luftleeren Raum schreiben und der momoblog in erster Linie unser Reise­ta­ge­buch ist. Schön, wenn man hört, dass andere da auch was mit anfangen können.

      Und falls ihr nicht ohnehin schon Fans seid, empfehle ich hier noch euren Schweizer Lands­mann Rolf, der bei https://www.womoblog.ch/ eine ganz ähnliche Einstel­lung zum Reisen wie wir hat. Bilder, Texte und Infos sind dort auch immer top!

      Liebe Grüße, Michael

      Antworten

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