Seentour, die Zweite
20. Oktober 2019

Das Schlimmste haben wir wetter­mäßig hinter uns. Und nicht nur das: Es ist morgens trocken und eher freundlich. So kann man den Tag doch beginnen!

Wir beschließen, dass wir die 3‑Seen-Runde von gestern noch einmal versuchen wollen. Dafür hat es uns schon bei schlechtem Wetter zu gut gefallen, als dass wir es nicht noch mal probieren wollten.

Und es ist eine wunderbare Herbst­land­schaft, die da vor uns liegt. Alles schon in den gedeckten Farben des Spätherbstes, aber wenn die Sonne dann mal doch durch die Wolken­decke kommt, immer noch wunder­schön.

Die riesigen Pfützen vom Vortag sind noch nicht viel kleiner geworden. Aber immerhin ist der Weg jetzt gut begehbar. Wir sind auf jeden Fall gewillt, unseren voraus­sichtlich letzten vollen Tag im Jura zu genießen. Denn wir wollen uns ab morgen langsam aber sicher auf die Heimreise machen.

Wir wandern von einem See zum nächsten und finden immer wieder die Kombi­nation von neuem See mit Herbst­land­schaft ganz formi­dabel.

Umrundung mit Hinder­nissen

Im Örtchen mit dem maleri­schen Namen La Fromagerie machen wir eine Rast im L’eolienne, einem kleinen Restaurant. Da uns eher nach einer Erfri­schung als nach einem kompletten Essen ist (das Fondue wirkt noch nach…), gibt es Bier, bzw. Rosè und eine Käseplatte, die wir uns teilen. Inter­es­san­ter­weise mit Käseeis — hatte ich auch noch nie. Und die Meinungen gehen ausein­ander: Annette ist gepflegt angeekelt (“geht gar nicht!”) während ich es durchaus lecker finde. Mal was anderes!

Auf dem Rückweg zum MoMo müssen wir uns dann durch die Spätfolgen des gestrigen Dauer­regens durch­kämpfen. Denn der Weg ist teilweise buchstäblich überflutet. Will heißen: Der Bach neben uns ist so weit über die Ufer getreten, dass er auf dem Wanderweg weiter­fließt. Über Wasser­mangel müssen die hier gerade wohl nicht klagen.

Entsor­gungsnöte

Eigentlich wollten wir nach der Wanderung noch zu den Cascades du Hérisson fahren. Dann aber nur zum Aussteigen-Weggucken-Weiter­fahren. Wie wir dann vor Ort feststellen ist das nicht ganz so einfach. Denn zum einen gibt es sage und schreibe 7 Wasser­fälle, zum anderen muss man wohl bei den meisten erst mal ordentlich bergab (und wieder bergauf). Wir beschließen, dass wir das beim nächsten Mal, dafür aber gründlich machen werden.

Denn ein anderes Problem brennt uns unter den Nägeln. Unsere Toilet­ten­kas­sette ist nämlich fast randvoll. Nicht schön. In vielerlei Hinsicht… Aber das kurio­seste ist, dass wir im Wohnmobil-Paradies Frank­reich in der näheren Umgebung einfach keine Entsor­gungs­station finden können!

Wir müssen also unsere Route ein bisschen nach der Scheisshaus-Entleerung richten. Nicht schön, aber was soll man machen… Erst in Champa­gnole werden wir vor dem Camping de Boyse fündig. Was eine Erleich­terung!

Perfekter Plan B

Annette hat uns einen schönen Stell­platz oberhalb von Poligny ausge­sucht. Beim Croix du dan soll man einen tollen Ausblick auf die stern­förmig aufge­baute Stadt haben.

Auf dem Weg machen wir noch in einer Fruitière Station, um Mitbringsel zu kaufen. Die arme Frau, die im Laden alleine bedienen muss, ist fleißig am Käseschneiden und ‑verpacken, aber wenn man sieht, welche Mengen an Comté manche Leute kaufen, kann man nur noch staunen. Und sich hinten in der Schlange einreihen und geduldig warten.

Als wir am Croix du dan eintreffen stellen wir drei Dinge fest. Es ist gut besucht — anscheinend ein beliebter Sonntag­nach­mittag-Ausflug. Und die Aussicht hinunter ins Tal und weit in die Landschaft ist großartig. Aber leider auch: Hier fängt es gleich an, kräftig zu regnen… Wir machen erst mal eine Kaffee­pause. Aber da das Wetter nicht besser wird, überlegen wir, ob es noch Alter­na­tiven geben könnte.

Candle­light-Dinner

Als ich noch mal auf die Karte gucke, macht es Klick! Denn eine halbe Autostunde entfernt liegt Port Lesney. Und den Ort kennen wir mittler­weile ja schon gut. Das ist der Ort, wo wir im Sommer die Leute im Flüsschen haben planschen sehen. Und wo wir dieses Frühjahr auch wieder an der pitto­resken Brücke gestanden haben.

Aber vor allem: Wo es das schnu­ckelige Bistro auf der Ecke gibt, wo wir bisher nie einen Platz gekriegt haben. Und was ein stilvoller Ort für uns wäre, unseren 30-jährigen Kennen­lerntag zu feiern. Wir finden ja immer gerne Gründe zum Feiern, aber das ist doch mal wirklich ein Anlass!

Wir fahren die paar Kilometer nach Norden, kommen an der Brücke an und sind erst mal völlig platt: Das ist aber ganz schönes Hochwasser, was die Loue da mit sich bringt! Höchstens noch 2m zwischen Brücke und Fluss. Und auch die Auen, die wir als durchaus üppig in Erinnerung haben, sind völlig überschwemmt. Wenn das so weiter regnet, müssen wir uns fast schon sorgen, dass die Loue vollends über die Ufer tritt und das MoMo unter Wasser setzt!

Aber ein bisschen Zeit haben wir wohl noch und die wollen wir nutzen. Wir machen uns also dem Anlass angemessen chic und gehen die paar Schritte zum Bistro hinüber. “Bonsoir!” Oh, nicht reser­viert? Da müssen wir aber erst mal gucken… Und das, obwohl wir die ersten Gäste sind und der Laden nicht gerade klein aussieht! Es findet sich dann aber doch recht flott ein Tisch für uns und es war wohl mehr Show als ein ernst­haf­teres Problem, denn es ist auch am fortge­schrit­tenen Abend weit davon entfernt, vollbe­setzt zu sein.

Unsere Restau­rantwahl ist dann auch im Weiteren ein voller Erfolg. Leckere franzö­sische Küche mit dem gewissen Etwas. Nur bei der Vorspeise patzt unser Kellner bzw. die Küche: Man bekommt kunstvoll einen Teller mit den Grund­zu­taten serviert, zu dem dann eine Veloute aus einer Karaffe dazu gegossen wird. Aber irgendwas ist da schief gelaufen, denn bei meinem Teller fehlen die Muscheln und bei Annette die Maronen. Und eine Fisch­suppe mit Maronen und eine Kürbis­suppe mit Muscheln sind zwar auch kreativ, aber nicht das, was wir bestellt haben. Als der Garçon dann im zweiten Anlauf demons­trativ alles richtig macht, müssen wir alle grinsen. Und köstlich war es dann auch noch!

Ein gelun­gener Abschluss für unseren Jura-Trip! Denn ab morgen geht es häppchen­weise wieder nach Hause.

PS Kleiner Schreck in der Nacht­stunde

Kurz vor Mitter­nacht. Ich bin gerade dabei, Annette, die schon halb schlummert, in den Alkoven zu folgen. Es klopft an die Tür. Was ist das denn? Polizei?

Nein, es ist ein mitter­nächt­licher älterer Hunde­s­pa­zier­gänger, der sich anscheinend Sorgen um uns macht. Wenn ich ihn richtig verstehe, weist er uns darauf hin, dass die Loue gerade extremes Hochwasser führe und er nicht wüsste, ob das für uns ein sicherer Platz für die Nacht sei. Ich bedanke mich und wir halten Kriegsrat. Hat es nicht den ganzen Abend durch wieder ordentlich geregnet? Ist der Pegel wirklich noch mal gestiegen? Was würde passieren, wenn das Wasser der Loue den kleinen “Deich” hinter dem MoMo durch­weicht hat? Werden wir dann wegge­schwemmt? Wollen wir das Risiko eingehen?

Wir entscheiden uns dafür, unsere Zelte abzubrechen. Aber wohin? Einfach irgendwo am Straßenrand? Bei Dunkelheit immer ein schwie­riges Unter­fangen. Wir entscheiden uns für einen Platz im Nachbarort Buffard, den wir bei Park4night finden. Was wir da noch nicht wissen: In Buffard wird die Durch­gangs­straße neu gemacht und man fährt nicht nur durch die völlige Dunkelheit sondern auch noch durch eine reichlich holprige Baustelle. Aber der Platz gegenüber der Auberge ist dann als Notlösung ganz akzep­tabel — und definitiv nicht mehr in Reich­weite des Flusses. Puh!

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