Und wieder überrascht uns das Wetter. Nach dem vollson­nigen Tag gestern ist es jetzt düster bewölkt und die Sonne kommt nur noch ein bisschen durch. Vom Licht her herrscht morgens schon Gewit­ter­stimmung!

Ich fahre mit dem Rad ins nahege­legene Vindeby. Dort gibt es den nahege­le­gensten Bäcker. Und ich kriege schon mal einen Vorge­schmack auf das, was mich den Tag über begleiten wird. Denn die Insel ist nicht wirklich platt. Es geht ständig bergauf und bergab. Kein entspanntes Einfach-vor-sich-hin-radeln wie in Holland.

Von Insel zu Insel zu Insel

Nach dem Frühstück brechen wir gemütlich auf. Wir wollen mit den Rädern nach Langeland hinüber­fahren. Langeland trägt seinen Namen übrigens absolut zu recht. Denn die Insel erstreckt sich von Nord nach Süd über 52km, ist aber an der breitesten Stelle gerade mal 11km breit.

Zunächst mal müssen wir aber Tåsinge durch­queren. Dazu gehört auch das Erklimmen des Kirch­bergs in Bregninge — blöd, dass die höchste Stelle der Insel ausge­rechnet in der Nähe unseres Stell­platz liegt. Der Vorteil ist, dass es danach eigentlich nur noch bergab geht. Insgeheim frage ich mich aber, was das wohl für die Rückfahrt bedeutet…

Man erreicht Langeland dann über die Insel Siø. Dorthin führt eine deich­ähn­liche Straße. Nachdem man Siø relativ schnell durch­fahren hat gibt es noch eine letzte Hürde: Vor uns ragt die Brücke nach Langeland empor.

Die Steigung so kurz vor dem Ziel erinnert mich irgendwie an die böse Steigung bei unserer Tour nach Radsted, die einem kurz vor Schluss noch mal den Puls in den roten Bereich getrieben hat. Ganz so schlimm wird es nicht, aber als wir die Kuppe erreicht haben, bin ich schon froh, dass es jetzt wirklich nur noch bergab nach Rudkøbing, den Hauptort der Insel, geht.

Verschla­fener Hauptort

Rudkøbing überrascht uns dann mal wieder. Bei dem ganzen Verkehr, der beim Radfahren an uns vorbei geströmt ist, dachte ich, dass mich ein tobender Touris­tenort erwartet. Es stellt sich aber heraus, dass die meisten Fahrzeuge dann wohl weiter fahren, wenn sie auf der Insel angekommen sind. Wahrscheinlich nur Durch­gangs­verkehr zur Fähre nach Lolland?

Wir sind auf jeden Fall mehr als bereit für eine Pause und radeln gemütlich in den Ort hinein. Es bietet sich das schon gewohnte Bild von hübschen bunten Häuschen bei fast vollkom­mener Menschen­leere. Alleine auf der Østergade, der Einkaufs­meile der Stadt, flanieren eine Handvoll Menschen.

Italie­nische Überra­schung

Wir finden es überra­schend schwer, hier eine Einkehr­mög­lichkeit zu finden. Nichts, was auf den ersten Blick total einladend aussieht. Bis Annettes Adler­augen ein eher unschein­bares Lädchen entdecken. Kein Namens­schild dran, drei winzige Tischchen vor der Tür und eine Tafel, die Antipasti verspricht. Hm. Eine schnelle Google-Suche ergibt, dass der Laden Il Chiosco heißt und nicht so ganz schlecht sein kann. Wir nehmen Platz.

Und haben einen wirklichen Glücks­griff getan. Denn nicht nur schmecken die Antipasti- und Vitello Tonnato-Platte und der von mir ausge­suchte Barbera-Rotwein ganz vorzüglich, das ganze ist für dänische Verhält­nisse geradezu ein Discount-Angebot. Für 130 Kronen (17 Euro) würde man das auch in Deutschland kaum irgendwo kriegen. Wir sind so begeistert, dass wir uns noch ein Fläschchen Barbera und die leckere Oliven­paste in die Packta­schen packen.

Hafen­idylle

Durch schnu­ckelige kleine Gassen fahren wir weiter hinunter zum Hafen.

Auch dort: tote Hose. Wir finden eine Picknickbank direkt am Wasser, von der der wir einen famosen Ausblick auf das Wasser und die Brücke haben. Und Annette erklärt mir ein paar Dinge über Segel­boote, die ich noch nicht wusste. Ich könnte jetzt sogar ein Gaffel­segel erkennen, wenn ich eins sehe!

Gaffel­segel!

Da das Wetter immer noch nicht weiß, wo es hinwill und sich unsere Beine und Hintern am Ende der Hinfahrt schon gemeldet haben, verzichten wir schweren Herzens auf eine weitere Erkundung der Insel, sind uns aber sicher, dass wir noch einmal zurück­kehren werden.

Durch den Gegenwind

Und die Entscheidung war wohl die richtige. Denn nachdem wir die Steigung an der Brücke noch frisch ausgeruht mit Links gefahren sind, kommt dann aber der Kuppe die Überra­schung: Es herrscht ganz ordent­licher Gegenwind. So sehr, dass wir bergab(!) trampeln müssen, um nicht einfach stehen­zu­bleiben. So hatte ich mir das nicht vorge­stellt!

Die Hunde im Fahrrad­hänger fühlen sich auf einmal wie 100kg Ballast an. Annette entlastet mich ein bisschen, indem sie vor mir für Windschatten sorgt.

Loppe-Überra­schung

Aber als wir am „letzten Camping­platz vor Langeland“ ankommen und damit die Hälfte der Strecke geschafft ist, bin ich schon reichlich platt. Ein Eis sorgt für bessere Laune. Und Annette entdeckt in der Trödel-Ecke, die hier „Loppe“ heißt, nicht nur eine blaue Kaffe­kanne, in die sie sich verliebt, sondern auch noch eine Katzen­mutter, die es sich mit ihren zwei Kätzchen im Antik-Schrott gemütlich gemacht hat.

Valdemars Slot

Damit wir ins den drohenden Anstieg nach Bregninge ersparen, hat Annette eine großartige Idee. Wir fahren eine kleine Bogen und gucken uns noch Valdemars Slot an, ein Schloss, das König Christian IV. zwischen 1639 und 1644 für seinen Sohn Waldemar Christian (1622–1656) erbauen ließ.

Auch am Schloss ist nicht wirklich viel los, aber es ist ein wirklich schön angelegtes Arran­gement von Häusern direkt am Meer. Wir verzichten auf die Besich­tigung, gönnen uns aber einen Kaffee zur Stärkung für die letzten paar Kilometer.

Dänen­idylle

Der Radweg führt uns einen kleinen Schlenker durch Præsto­aleen und Grønnegade. Falls ihr auch mal dort in der Ecke seid: Unbedingt durch­fahren. Das ganze sieht mit seinen restge­deckten Dächern und typischen Dänen­fach­werk­farben rot, gelb, blau so schnu­ckelig aus wie ein dänisches Freilicht­museum. Da möchte man sofort einziehen!

Feier­abend

Wir kommen dann wirklich mit dem letzten Körnchen Energie wieder beim MoMo an und belohnen uns mit einem Feier­abend­bierchen. Und stellen erstaunt fest, dass neben uns nur noch ein Womo auf dem Stell­platz steht und ein Grüppchen von 4 franzö­si­schen Radfahrern in den urigen halbof­fenen Schutz­hütten Station macht. Das wird eine ruhige Nacht!