494 Stufen
30. Juli 2019

Nanu, ist schon Herbst? Am Morgen ist es so neblig trüb, dass man kaum das andere Ende des Hafen­be­ckens sehen kann. Lediglich die milden Tempe­ra­turen bestä­tigen uns, dass es Sommer ist. Aber entspre­chend träge starten wir in den Tag.

Verschla­fenes Nest

Annette übernimmt wieder, und mittler­weile deutlich beherzter, das Steuer. Ich sehe es schon kommen: Am Ende des Urlaubs bin ich meinen Job als Fahrer los. Braucht noch jemand einen Womo-Chauffeur?

In Stubbe­købing parken wir nach Annettes Nysted-Trauma sicher­heits­halber am großen Kiesplatz am Hafen und machen uns zu Fuß auf die Suche nach einem Super­markt. Der darf dann auch gerne was anderes als ein Aldi oder Netto sein, denn die kennen wir ja von zu Hause. Es wird dann ein Fakta und wir stellen fest, dass man dort auch mit einem Ami-Monstertruck noch problemlos hätte parken können. Dafür hat Annette aber auf dem Weg noch ein paar T‑Shirts entdeckt, die ihre knapp bemes­senen 20 Outfits für die Reise deutlich erweitern. So ein Glück!

Ansonsten kann man über Stubbe­købing eigentlich nicht viel sagen, denn es ist ein echt verschla­fenes Nest. Nix los hier. Aber daran haben wir uns in Dänemark ja schon gewöhnt…

Schön auf Møn

Jetzt geht es aber weiter zu einer weiteren Top-Attraktion: Den Kreide­felsen von Møns Klint. Über zwei kleinere Inselchen gelangt man auf die schön Insel Møn. Ob unser Famili­enname vielleicht aus Dänemark kommt. Wäre Mønsters dann die richtige Schreib­weise? Muss ich mal üben…

Auf der Insel führt uns die Marge­ri­ten­route wieder gewohnt verlässlich an schönen dänischen Landschaften und Häuschen vorbei. Ich beschließe, das ganze einfach Bollerbø zu taufen…

Für Annette wird es jetzt aber anspruchs­voller. Die Sträßchen werden nicht breiter und der Verkehr nimmt kurio­ser­weise eher zu, je weiter wir ans westliche Ende der Insel kommen. Was ist denn hier los?

Wetter­mäßig hatten wir auf der Fahrt eher Glück. Die Sonne war heraus­ge­kommen und es fuhr sich ganz angenehm durch die sommer­liche leuch­tende Landschaft, Aber je näher wir dem Westende der Insel kommen um so neblig-trüber sieht der Himmel aus. Und prompt als wir auf die letzten Meilen zu Møns Klint einbiegen fängt es an zu schiffen. Und die asphal­tierte Strecke wird auf diesem Stück zu einer lehmig-schot­te­rigen Piste. Mit viel Verkehr, da anscheinend alle Besucher die Klippen flucht­artig zu verlassen scheinen.

Spätzünder-Klippen

Nachdem der Schauer durch ist und wir uns mit Kaffee und Kuchen noch mal gestärkt haben, machen wir uns auf den Weg. Und von wegen, alle Besucher sind weg! Es sind immer noch reichlich viele hier. Vor dem Besucher­zentrum ist richtig was los. Aber als wir uns auf den oberen Klippenweg in Richtung Süden begeben, wird die Menschen­menge schnell weniger und schon bald sind wir nahezu alleine.

 

Es geht urig durch einen regen­neb­ligen Buchenwald. Von den Klippen sieht man wenig bis gar nichts. Lediglich an einigen Aussichts­punkten kann man erahnen, dass es wohl ganz beein­dru­ckend hoch ist und die Klippen steil abfallen. Aber eben nur erahnen…

Nach einiger Zeit kommen wir an eine Treppe, deren unteres Ende nicht mal zu sehen ist. Aber alle, die sie hinauf kommen, sehen doch reichlich geschafft aus. Scheint anstrengend zu sein. Hinunter geht das ganze locker-flockig und wir wundern uns nur, wie lange es dauert, bis wir endlich unten angekommen sind. Im Infofalt­blatt steht etwas von 468 oder 494 Stufen. Ja, was denn nun? Ich hätte jetzt gerne meine Mutter dabei, die das ungewöhn­liche Hobby hatte, immer alle Treppen­stufen zu zählen, wenn es um lange Treppen ging. Ich bin mir aber sicher, dass es die größere Zahl sein muss…

Wow-Klippen von unten

Als wir schließlich unten angekommen sind, gibt es einen eher schmalen Streifen mit Sand- bzw. meistens Kiesel­strand. Und der Blick hinauf ist von hier unten wirklich ehrfurcht­ge­bietend. Mann, ist das hoch!

Aber auch die Kiesel unter uns sind durchaus spannend. Zum einen, weil man auf dem kugelig-rutschigem Unter­grund gerne mal umknickt, zum anderen weil es angeblich viele Fossilien geben soll. Und tatsächlich sieht man an vielen schwarzen Steinen merkwürdige Einschlüsse, die vielleicht Fossilien sein könnten. Aber Annette hat mit ihrem gefun­denen Dino-Wirbel­säu­len­knochen den Vogel abgeschossen!

 

Die weißen Kreide­felsen sind übrigens wirklich kreidig. Man kann mit den Fingern an ihnen entlang fahren und hat dann einge­kreidete Finger­spitzen. Trotzdem ist das ganze eher hart als weich. Und das ist auch besser so, denn zu Beginn wartet man förmlich darauf, dass das ganze auf einen runter­rutscht. Denn an mehr als einer Stelle sieht man, wie zuvor abgebro­chene Baumstämme unter einer Kreidestein­schicht verschwunden sind. Gut, dass die Erdrutsch­saison eher im Winter und Frühjahr ist!

Kommt die Flut?

Der Weg unterhalb der Klippen ist übrigens erstaunlich schmal. Teilweise bleibt vielleicht noch ein halber Meter zwischen herein­rol­lenden Meeres­wellen und den steil aufra­genden Klippen. Beängs­tigend schön!

Wir gehen unverzagt weiter und wundern uns, dass uns schon so lange niemand mehr entgegen gekommen ist. Des Rätsels Lösung: Weil da keiner mehr ist! Denn etwa unterhalb des Besucher­zen­trums kommen wir an eine Stelle, an der es nur noch durchs Wasser weiter geht. Dummer­weise kann man aber nicht absehen, wie lange und wie weit. Und ob man dort wirklich gut gehen kann. Oder kommt vielleicht gerade die Flut?

Wir beschließen, keine unsin­nigen Abenteuer zu unter­nehmen und kehren leicht frustriert um. Wir hätten gerne den Weg bis zum nördlichen Ende des Rundweges gemacht. Gleich­zeitig sind wir aber auch verun­si­chert. Wenn wirklich die Flut käme, könnte es an den schmalen Stellen auch bald zu eng werden, um trockenen Fußes anzukommen. Also lieber mal Gas geben! Zeit für Fotos haben wir aber immer noch…

Mann, ist das steil!

Natürlich kommt keine Flut und wir erreichen den unteren Treppen­absatz ohne Probleme. Außer, dass unsere Schuhe mittler­weile ganz schön einge­krei­de­schlämmt sind.

Aber jetzt geht‘s ans Einge­machte: Denn die 494 Stufen fühlen sich schon bald an wie 944! Gut, dass die Treppen­bauer zwischen­durch immer kleine Bänke einge­richtet haben, wo man kurz verschnaufen kann. Als wir endlich oben ankommen ist der Puls auf jeden Fall im Kardio­trai­nings­be­reich!

Motivation auf halber Strecke…

Lieblings­cam­ping­platz

Auf dem Rückweg fährt Annette schon deutlich beherzter durch die kurvige Lehmpiste und entdeckt spät ihre Bestimmung: “Ich mache jetzt ein Off-road-Training! Das macht ja richtig Spaß!”

Wir haben schon früh beschlossen, dass wir auf dem gut bewer­teten Camping­platz von Møns Klint übernachten wollen. Das gönnen wir uns mal. Und wir sind angenehm überrascht. Ein Platz ganz nach unserem Geschmack. Freund­liche Mitar­beiter, deren wichtigste Anweisung lautet: “Keinen Stress!” Sucht euch einfach einen Platz, dann meldet euch irgendwann bis 24 Uhr an, damit ihr Dusch­karten bekommt und vor allem “Kein Stress!”

Und als wir durch das Gelände fahren sind wir von der schönen, zwang­losen und doch ordent­lichen Anlage angenehm überrascht. Irgendwie scheint jeder sein Fleckchen zu finden und trotzdem wirkt es nirgendwo gedrängt oder voll — obwohl richtig Betrieb ist. Und das Ungewöhn­lichste: Wir finden auf Anhieb einen Platz auf den wir uns einigen können und der dann noch fast schon irrsinnig perfekt ist. Dadurch, dass der Camping­platz durch seine terras­sen­artige Anlage in kleiner Arerale unter­teilt ist, wirkt es fast schon heimelig intim.

 

Und auch sonst ist das alles großartig: Es gibt tolle Spiel­be­reiche für die Kinder und sogar einen Extra­be­reich für Familien mit Kindern, wodurch sich ganz einfach ein ruhigerer Bereich für die Oldies ergibt. Hat dieser Platz also einen Haken? Leider ja. Mit 393 Kronen (also ca. 50€) ist das für uns zwei ein ausge­sprochen teures Vergnügen. Aber wir kneifen da jetzt mal die Arsch­backen zusammen und machen das einfach…

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