Marge­ri­ten­route
29. Juli 2019

Es wird schwül. So man-sitzt-nur-und-es-läuft-schwül. Vom frischen Wind ist nichts übrig geblieben. Es herrscht Flaute.

Jedoch nicht bei uns. Wir frühstücken gemeinsam mit unseren Nachbarn und verquat­schen auch den Vormittag ohne Probleme. Eine schöne Bekannt­schaft! Aber auch unsere Kuschel­camper von vorgestern entpuppen sich als äußerst freund­liche und aufge­schlossene Dänen. Und da wir Pläne für ein neues MoMo schmieden und dieses eventuell von Euramobil sein könnte, lassen wir uns die Gelegenheit nicht nehmen, sie mal über ihre bishe­rigen Erfah­rungen zu inter­viewen. Die scheinen bisher sehr positiv zu sein! Sie erweisen sich auch als große USA-Freunde und setzen mir gleich noch einen neuen Floh ins Ohr — wie wäre es eigentlich mit einer 4‑wöchigen nahezu „geschenkten“ Überfüh­rungs­fahrt von der Ost- an die Westküste im Frühjahr? Sounds like a plan…

Fahrübung, die zweite

Erst am späten Mittag, nachdem wir fast die Letzten auf dem Platz sind, verab­schieden wir uns von diesem prima Stell­platz am heime­ligen Hafen. Annette steigt wieder auf der Fahrer­seite ein und diesmal habe ich sogar so etwas wie ein Lächeln auf ihren Lippen gesehen. Es wird!

Nachdem wir das Navi nach einem kurzen Ausflug auf die Autobahn davon überzeugt haben, dass wir nicht so ganz seinem Routen­vor­schlag folgen werden, landen wir auf der Marge­ri­ten­route. Die haben wir letztes Jahr schon an der Westküste befahren und sie führt gerne mal über kleinere Neben­straßen, die aber immer landschaftlich schnu­ckelig sind.

Rüpel­fahrer

Auch diesmal werden wir nicht enttäuscht. Die Neben­strecken erweisen sich als ideale Gelegenheit für Annette, sich mit den Abmes­sungen des MoMos vertraut zu machen. Und wenn mal jemand entgegen kommt, gibt es auf den schmalen Straßen immer eine Gelegenheit schon frühzeitig auszuweichen.

Bis auf das eine Mal, als wir in einem Waldstück kurz vor dem Meer einem sonnen­be­brillten coolen Jungdänen begegnen. Der hält es für eine gute Idee, uns die 50 Meter hinter einer Kreuzung noch entge­gen­zu­fahren und bedeutet uns ungeduldig, doch in den Graben zu fahren, damit er durch­kommen möge. Annette weicht noch 2cm nach rechts aus und wir beschließen, dass das reichen muss, weil der Waldboden nicht vertrau­en­er­we­ckend aussieht und leicht abschüssig ist. Was unser Gegenüber jetzt gar nicht mehr lustig findet. Er gesti­ku­liert wild und wilder. Macht anschließend machohaft deutlich, dass er nicht zurück­weichen wird und zündet sich demons­trativ eine Zigarette an. Wen er damit wohl beein­drucken will? Wir machen den Motor aus und überlegen, ob wir ein Käffchen kochen sollen. Er hat es dann irgendwann einge­sehen und sportlich zurückgesetzt…

Wir wissen ja, dass es Idioten überall gibt, fragen uns aber trotzdem, ob uns das gleiche in Schottland auch passiert wäre. Nach unseren durchweg super­po­si­tiven Erfah­rungen dort kaum denkbar. Und ich ärgere mich am Ende, dass ich nicht für den Blog noch ein Beweis­fotos gemacht habe…

Steil­küste für Anfänger

Unmit­telbar hinter unserer Begeg­nungs­stelle mit dem Rüpel sehen wir schon das Meer. Und einen Parkplatz direkt am Meer. Ideal für eine Kaffee­pause! Wir machen es uns auf einer Bank gemütlich und lassen den Blick schweifen. Obwohl wir uns an der Ostküste von Lolland befinden ist hier kein Sandstrand, so wie wir es uns eigentlich vorge­stellt hatten. Statt­dessen eine vielleicht 1m hohe Steil­küste. Naja, kann auch spekta­kulär sein…

  

Und jede Menge Baumrit­zungen von Liebes­pärchen. Eines der Herzen wurde anscheinend schon vor langer zeit geritzt und hat großflächig die Rinde abgesprengt. Ob die Liebe noch hält…?

Kasse des Vertrauens

Nachdem wir ein paar weitere eindrucksvoll große und schöne Gutshäuser abgefahren haben, landen wir schließlich beim Biobau­ernhof Lammhave in Horbelev. Den haben wir im Lolland-Prospekt entdeckt, der an unserem letzten Stell­platz auslag. Ist dann in der Realität etwas anders als gedacht. Denn uns begegnet kein Mensch. Was bei der abgele­genen Lage auch kein Wunder ist. Da gibt es definitiv keinen Durch­gangs­verkehr. Statt­dessen gibt es einen kleinen Raum, wo verschie­denste Gemüse und Obste, Kräuter und Körner ausliegen und ein paar Kühlkästen stehen. In denen kann man sich dann selbst bedienen und das Geld in eine offene Geldkas­sette legen. Kasse des Vertrauens in Reinkultur!

Lost place Hesnæs

Wir landen schließlich im Hafen von Hesnæs, ziemlich am nordöst­lichen Zipfel von Lolland. Ein total verschla­fener Hafen, auch schon ein bisschen runter­ge­rockt. Es gibt dort aber 5 Stell­plätze für Womos und nebenan sogar einen kleinen Sandstrand. Und wir nehmen befriedigt zur Kenntnis, dass auch hier reichlich Platz für uns ist. Der Fehmarn-Schock sitzt immer noch tief. Und wir verstehen um so weniger, dass die Leute sich an der deutschen Ostsee­küste tottrampeln, wenn eine Fährfahrt weiter eine ähnlich schöne Landschaft auf einen wartet, die viel mehr Entspannung verspricht.

Denn die finden wir hier. Wir verbringen den Abend mit einem Glas Rotwein vor dem MoMo, schauen der Sonne beim Unter­gehen zu und freuen uns über den rot erleuch­teten Himmel über dem Hafen­becken. Wir freuen uns ja immer über die kleinen Dinge!

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