Flucht ins Warme
14. März 2019

Im Februar wurden wir zuhause bereits mit frühlings­haften Tempe­ra­turen verwöhnt — dass es dann wieder üsselig kalt und feucht wird, gefällt uns gar nicht. Also werfen wir in gewohnter Manier alle bishe­rigen Pläne über den Haufen, gucken in der Wetter-App nach warmen Regionen in Europa und werden schließlich in der Provence fündig. Avignon: 20° — gebucht!

Badisch Nizza

Passend zum Südfrank­reich­thema nehmen wir es dankend hin, dass Gengenbach im Schwarzwald mit dem Slogan „Badisch Nizza“ für sich wirbt. Unser Etappenziel für den ersten Tag.

Der Ort entpuppt sich als ein schnu­cke­liges Fachwer­körtchen — wer sich aber den Namen „Badisch Nizza“ ausge­dacht hat, hat definitiv zu viel merkwür­diges Zeug geraucht! Immerhin gibt es aber echte Störche auf den Dächern zu bestaunen.

Frosch geht vor

Wir tappen, pünktlich zur Saison­er­öffnung, in die bekann­teste aller Womofallen: den Stell­platz möglichst bitte vor Sonnen­un­tergang aufsuchen. Denn als wir nach dem Abend­essen im Dunklen nur noch hundert Meter vom anvisierten Platz entfernt sind versperrt uns eine beleuchtete Schranke die Weiter­fahrt. Hä? Ein Hinweis­schild erklärt warum: Amphi­bi­en­wan­derung! Also rückwärts im Stock­dunkeln auf dem einspu­rigen Weg zurück. Aber auch unser nächster Anlauf endet wieder an einer Schranke. Frosch geht vor!

Nach einem großen Umweg landen wir schließlich am anderen Ende des Kröten­wan­derwegs. Unmit­telbar neben der Schranke finden wir dann aber einen herrlich ruhigen Schlaf­platz.

Eisregen in Belfort

Unsere Weiter­fahrt ist zunächst, abgesehen von den heftigen Winden mit Sturmböen, eher unspek­ta­kulär. Nur die franzö­si­schen Diesel­preise schocken uns dann doch ein wenig: 1,60€/l? Teurer als in Norwegen? Wow!

Als wir kurz vor Mittag Belfort erreichen, beschließen wir spontan noch mal eine Mittags­pause bei Marcel &Suzon zu machen. Und nachdem wir zunächst mit einem waage­recht über den Parkplatz fegenden Eisregen begrüsst werden, scheint plötzlich die Sonne wieder. April­wetter!

Das urige Restaurant haben wir in guter Erinnerung. Olle Möbel, Puppen­stu­ben­am­biente, liebevoll dekoriert. Ach ja, und das Essen ist auch lecker…

Die Tartines, die es dort gibt, sind warm überba­ckene Brotscheiben. Aber halt in lecker und gar nicht mit einem ordinären Butterbrot zu vergleichen! Und zusätzlich gibt es für mich noch einen Basilikum-Sirup, der gar nicht so übel schmeckt, wie es sich vielleicht anhört.

Zurück zur Brücke

Wir haben diesmal den Ehrgeiz, die Route abseits der Autobahn zu nehmen und statt­dessen noch mal die Strecke am Rande des Jura zu nehmen.

Und immer wieder fällt uns unsere Sommertour 2017ein, wenn wir an einer markanten Stelle vorbei­kommen. „Weißt du noch?“ Und plötzlich ruft Annette „Guck mal, da ist die Fromagerie!“. Und ich lege eine formi­dable Bremsung ein und manövriere uns auf den Parkplatz. Während wir noch Comté und Tomme einkaufen ist uns dann auch schon klar, dass wir den zweiten Reisetag an „unserer“ Brücke im nur ein paar Kilometer entfernten Port Lesney beenden werden.

Komisch sieht das aus, wenn der Fluss auf einmal richtig viel Wasser führt und gar nichts mehr an den Hitze­s­ommer 2017 erinnert — außer eben der maleri­schen Brücke, die unbeein­druckt vom Niesel­wetter den Fluß überspannt.

Regen, Regen, Regen

Über Nacht hat es sich so richtig einge­regnet. Annette stapft trotzdem zur Boulan­gerie, um unsere ersten Crois­sants und Pain au chocolat zu kaufen. Und dabei eifrig Konver­sation macht, da sie seit 2 Jahren fleißig franzö­sisch lernt. Und mit der Bäcke­rei­fach­ver­käu­ferin die fröhlich „Ich spreche gar kein Deutsch!“ und „Was möchten Sie trinken?“ als ihren deutschen Wortschatz anbietet, macht das sogar Spaß!

Keinen Spaß macht uns hingegen der Regen. Es ist wirklich kein schönes Reise­wetter. Das ist nur gut zum Kilome­ter­fressen!

Und genau das tun wir dann. Bis Bourg-en-Bresse halten wir tapfer auf den Landstraßen durch, entscheiden uns dann aber doch für das letzte Stück gen Provence für die Autobahn.

Pause an der Rhône

Kurz hinter Valence legen wir dann eine nette Pause direkt an der Rhône ein. Zu dieser Zeit gehört der Parkplatz uns und auch am Uferweg sind nur wenige Spazier­gänger unterwegs. Es ist jetzt zumindest schon mal trocken und auch die Tempe­ra­turen haben sich mit 12° schon mal verdoppelt. Es geht voran!

Hitch­hiker an Bord

Kurz vor der Peage-Station an der Autobahn sehen wir 2 Anhalter. Wir halten an und fragen nach ihrem Ziel (Toulon für die Fähre nach Sardinien). Aber mit unserem Ziel Avignon können die beiden auch gut leben. Es stellt sich heraus, dass Stefan und Nadja aus Freuden­stadt kommen und auf dem Weg nach Sardinien sind. Die beiden sind komplett ohne Smart­phone und Internet unterwegs und machen das ganze „old school“: „Wenn wir irgendwo sind, fragen wir, wo es eine günstige Unter­kunft gibt.“ Respekt!

Bagatelle für uns

Wir entlassen die beiden am Camping­platz Bagatelle in Avignon zur Nacht­platz­suche und sichern uns dort selber einen Stell­platz für die Nacht. Denn besser gelegen kann ein Stadt­cam­ping­platz kaum sein. Direkt an der Rhône, mit 1a-Blick auf die berühmte Brücke, den Papst­palast und Stadt­mauern!

Und da gerade Sonnen­un­tergang angesagt ist, sehe ich zu, dass ich Kamera, Stativ und Rucksack packe und genau diese Ansicht in Bilder packe. Und ich muss sagen: die Provence begrüßt uns mit einem wahren Feuerwerk an Farben und Licht. Schön hier!

E.A.T.

Nachdem das letzte Sonnen­licht verglüht ist, möchten wir dann aber doch noch etwas essen. So viel hatten wir tagsüber nämlich nicht!

Wir machen uns über die Brücke auf nach Avignon, und sind schon beim Durch­schreiten der Tormauern begeistert: Schöne Atmosphäre. Wenn auch ohne Leute. Denn es fällt auf, dass fast niemand unterwegs ist. Zumindest zu Fuß.

Wir finden in einem kleinen Gässchen ein schnu­ckelig-kleines Restaurant, das mit E.A.T. einen krypti­schen Namen hat. Steht für Estaminet, Arômes, Tenta­tions… Ein Estaminet ist eine alte Kneipe und der Rest heißt Aromen und Versu­chungen. Das erstere merkt man jetzt eher nicht so (auch wenn die Einrichtung nett ist), die letzten beiden treffen aber voll zu. Boah, war das lecker! Und dazu noch eine freund­liche Bedienung, die für uns bemühte Touristen auch extra langsam franzö­sisch spricht, so dass wir uns gut verstehen.

Kleiner Tipp für alle Gourmands: Verzichtet auf keinen Fall auf den Nachtisch. Die Haupt­speisen waren schon sehr lecker, aber bei den Desserts haben wir wirklich Halleluja gesungen. Endlich mal wieder ein Top-Tipp von TripAd­visor!

Nacht­bummel

Da wir Avignon schon in Vor-Blog-Zeiten einmal besucht haben, haben wir nicht mehr den großen Ehrgeiz, alles zu erkunden. Aber ein Weg zum Papst­palast muss dann schon noch drin sein. Aber zu dieser Jahreszeit und um die Uhrzeit ist hier auch nicht viel mehr los als in Lennep. Erstaunlich tot für so eine bekannte Stadt!

Uns soll es recht sein, denn wir sind von der langen Anreise müde — aber die Provence verspricht schon an ihrem ersten Abend viel Gutes!

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