Showdown in Las Vegas

Und wieder mal ein Kapitel aus dem Buch „Geschichten die keiner braucht“.

Als ich nachts aufs Klo gehe und die Spülung betätige, hört die (sehr laute) Wasserpumpe auf einmal nicht mehr auf zu pumpen. Bröööööm! Also das nächste Ding, was kaputt geht. Wir waren gerade wieder eingeschlafen, als auf einmal der Kühlschrank ein knackendes Geräusch von sich gibt und regelmäßig die „Check“-Leuchte blinkt.

Ach ja, und die Batterie ist angeblich auch platt, obwohl wir keine größeren Verbraucher benutzt haben. Macht nur, macht nur…!

Für uns ist damit klar, dass wir diesen rollenden Scheisshaufen tatsächlich nach Las Vegas bringen müssen und ein Austausch her muss. „Mietet bei Best Time“ haben sie gesagt, „die haben mit die modernste Fahrzeugflotte“ haben sie gesagt, „Ein Premium-Vermieter in den USA, nicht so wie die Massenabfertiger El Monte und Cruise America“ haben sie gesagt. Unsere Erfahrung ist nur ganz leicht anders…

Geckomaus

Aufgewühlt versuchen wir trotzdem noch eine Mütze Schlaf zu kriegen. Da raschelt es auf einmal hinter mir. So als wäre ein Tier am Womo. Bären? Ratten? Nachdem ich einmal gegen die Wand gebollert habe, wird es wieder ruhig. Aber wenig später hört man es wieder rascheln. Diesmal von vorne und es hört sich an, als könnte es auch im Womo sein. Eine Maus? Ich suche alles gewissenhaft ab, finde aber nichts.

Wir legen uns wieder hin, als Sofie plötzlich ruft „Da, ich habe es gesehen! Es ist am Fenster runtergehuscht. Könnte ein Gecko oder eine Maus gewesen sein. Irgendwas Kleines. Und ich glaube es ist hier drin!“

Wir beschließen daraufhin, dass Sofie vom ohnehin knochenharten Alkovenbett zu uns ins Doppelbett umzieht – sehr kuschelig, aber eng! Und wieder raschelt die Geckomaus irgendwo. Ich suche nochmal, werde aber wieder nirgendwo fündig. Und irgendwie passt es ja zu diesem rattigen Womo, wenn es auch noch einen Mitbewohner gäbe.

What a sunrise

Wenigstens die Natur spielt mit. Da wir ohnehin nicht mehr schlafen können stehen wir zeitig auf und erleben einen wunderbaren Sonnenaufgang. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hingucken soll, so schön ist das hier. Im Osten die Morgenröte über den entfernten Bergkämmen.

Aber noch grandioser ist der Blick auf die schneebedeckten Berge der High Sierra, deren Spitzen zunächst noch magisch weiß glänzen, sich jetzt langsam aber sicher in ein rosarot verwandeln. Wow! Und bloß gut, dass Annette mir für die kalten Fotografenfinger und den müden Kopf zwischendurch einen heißen Kaffee bringt.

Top Gun Surprise

Wir verabschieden uns von den Alabama Hills mit einem ganz dringenden Gefühl, hier noch mal hin zu wollen. Absoluter Lieblingsplatz und jetzt schon für die Großen 12 des Jahres 2018 fest gebucht.

Es geht jetzt durchs absolute Niemandsland Richtung Death Valley. Keinerlei Anzeichen von Zivilisation, nur noch die Straße als Zeichen menschlicher Präsenz. Hat ja auch was.

Kurz nachdem wir die Grenze des Death Valley National Parks überquert haben, donnert über uns aus buchstäblich heiterem Himmel ein Düsenjäger in vielleicht 50 Meter Höhe von hinten hinweg. Was ein Schreck! Genau so schnell wie er gekommen ist, ist er auch weg. Das Adrenalin durch den Schreck hält aber länger vor, denn ich hätte fast vor Schreck das Steuer verrissen. Kampfflugzeuge im Nationalpark? Seriously, USA?

Durch das falsche Tal des Todes

An einer tollen Aussichtsstelle machen wir halt und tatsächlich fliegt auch hier wieder ein Jet über uns hinweg. Und so verstörend wie es ist – es hat auch eine gewisse Faszination.

Als wir am Father Crowley Overlook erneut anhalten, sehen wir einen tollen tiefen, zerklüfteten Taleinschnitt und können uns vorstellen, dass das genau die Route sein müsste, die die Tiefflieger nehmen. Das wäre schon ein spektakuläres Foto! Also stelle ich meine Kamera auf Highspeed-Düsenjet-Modus und warte geduldig, dass es wieder dröhnt. Aber „leider“ bleibt alles friedlich. Nunja.

Von dort aus geht es hinab ins Tal des Todes. Weit unter sich sieht man weiße Ödnis im Tal und ich belächle ein bisschen Annettes Kartenlesekunst, als sie meint, dass das aber noch nicht das Death Valley sei. „Das sieht man doch! Was soll es denn sonst sein?“ denke ich mir. Aber in der Tat ist es das Panamint Valley. Quasi ein Tal vor dem Death Valley.

Denn wir fahren hinab, durch den trostlosen Ort mit dem immerhin schönen Namen Panamint Springs hindurch und dann wieder schnurgrade den Berg hinauf.

Ich hatte vorher schon von diesen endlosen Steigungen bei der Fahrt durchs Death Valley gelesen, aber das muss man wirklich erlebt haben, um es zu glauben. Es geht ewig bergauf und dann natürlich genau so lange wieder bergab, ohne dass man das Gefühl hat, irgendwie Strecke zu machen, weil sich der Ausblick einfach so minimal ändert, dass man es nicht mehr wirklich verarbeiten kann.

Einmal mittendurch, bitte

Als wir jetzt wirklich im Death Valley ankommen, liegt die erste Attraktion, die Mesquite Dunes, zu unserer Linken. Sanddünen, wie aus 1001 Nacht. Und uns blutet ein bisschen das Herz, daran einfach vorbeizufahren, da wir sonst heute nicht mehr nach Las Vegas kommen. Danke, Best Time!

Und so durchqueren wir all die Punkte, die ich mir bei der Reisevorbereitung ausgeguckt habe und müssen halt irgendwann einmal wieder kommen. Für heute gibt es nur die kurze Variante.

Zabriskie Point

Einen Stopp gönnen wir uns dann aber doch. Alleine schon aus Pausengründen. Zabriskie Point ist ganz anders als ich es mir vorgestellt habe. Und besser. Was eine abgefahrene Aussicht! Das geben auch die schönsten Bilder so nicht wieder.

Und wir stehen hier „nur“ in der absoluten Mittagssonne, nicht bei Sonnenauf- oder untergang! Und da es tatsächlich perfekte sommerliche Temperaturen gibt, könne wir zumindest diesen Teil mal genießen.

200km Nichts

Und jetzt geht es genau wie auf der ersten Etappe durch absolutes Niemandsland. Geile Aussichten in die Ferne, aber ansonsten: Nichts. Da ist schon das spannendeste die Vorbeifahrt an einem Gefängnis, wo freundlich verboten wird, Hitchhiker mitzunehmen. Gut zu wissen…

Showdown in Las Vegas

Nachdem wir den Großstadtverkehr von Las Vegas überstanden haben, kommt es zum Showdown bei Best Time. Mit dem freundlichen Schweizer Martin und seinem Chef Neil besprechen wir die Lage.

Sie entschuldigen sich für alles, was geschehen ist, wollen uns für die Horrorerfahrung der letzten 3 Tage aber lediglich das gleiche Scheissfahrzeug in Neu und eine 500-Meilen-Gutschrift geben.

Wir sind aber mittlerweile so frustriert mit „Best“ Time, dass wir als Verhandlungsposition „Full Refund“ und Weiterfahrt mit Mietwagen und Motel einnehmen. „Sorry, I can‘t do this.“ antwortet Neil. Immerhin ist auf einmal dann schon ein deutlich komfortablerer Winnebago im Gespräch, der aber, nachdem wir ihn als „acceptable“ befunden haben, gar nicht zur Verfügung steht. Wollt ihr mich verarschen? „I‘m sorry.“

Ob wir uns doch noch mal das bereits bereitgestellte Fahrzeug angucken wollten? Daraufhin erklärt Sofie Neil erst mal, dass sie eine solche Erfahrung in den USA ja noch nie gemacht habe. Customer Service ginge doch über alles und sie habe im Supermarkt sogar schon mal eine halb benutzte Cremetube zurückgeben dürfen. Und mir fällt gerade mal ein, dass George, Sofies Gastvater, ja Anwalt ist. „I‘ll check with our lawyer. Refund or nothing.“

Reichlich bedient fangen die Mädels schon mal das Kofferpacken an, während ich auf Neil warte, der sich anscheinend noch mal Gedanken macht. Schließlich kommt er zu mir, und teilt mir mit, dass man doch noch einen Winnebago gefunden habe. Ob es okay wäre, wenn sie ihn jetzt sofort für uns vorbereiten würden? Geht doch!

Und nachdem alles schweißtreibend gepackt ist, wir auf das mit angeblich 4 Leuten gleichzeitig vorbereitete Fahrzeug gewartet haben und der Papierkram erledigt ist („Nein, wir haben nicht noch mal vollgetankt.“ „Okay, wir verzichten auf die Strafzahlung.“), fragt mich Neil, ob ich jetzt wenigstens „half happy“ sei. „Happy“ ist mir dann immer noch zu großzügig, aber ich erkenne an, dass sie sich jetzt Mühe geben. Und wir erhalten sogar all die Basisaustattung, die wir in LA nicht bekommen haben. Denn dass wir eigentlich die Auswahl zwischen Kaffeemaschine oder Teekessel gehabt hätten, hat uns dort auch niemand gefragt…

Mit Minnie Winnie zum Lake Mead

Nach der Einweisung durch den schon klischeehaft schweizerisch-netten Martin rollen wir also mit unserem Minnie Winnie vom Hof. Und so solide und großzügig der Innenausbau ist, so archaisch ist die Führerkabine. So ein Design und Fahrgefühl versetzt einen mal locker 40 Jahre in die Vergangenheit. Stick-Automatik-Schaltung – irre! Wenigstens in einer Hinsicht war unser rollender Scheisshaufen besser…

Gut, dass wir den großen Verkehr jetzt hinter uns lassen. So kann ich mich an die schwammige Lenkung, die schlechte Übersicht und die breiige Bremse des Winnebago besser gewöhnen.

Wir haben den Boulder Beach Campground am Lake Mead als Ziel ausgeguckt, weil es in Richtung Joshua Tree NP anscheinend nicht viel Auswahl gibt, wir ohnehin fertig von diesem anstrengenden Tag sind und das Wasser des Sees mit den Red Rocks noch aus 2004 als lohnend in Erinnerung haben.

Und tatsächlich sieht das leuchtende Blau des Sees (das die Bilder nur unzureichend wiedergeben) in dieser Landschaft wirklich fantastisch aus.

Und auch der Campground entpuppt sich als genau das, was wir jetzt brauchen. Full-Hookup, free showers und friedliche Abendstimmung am See. Und als wir unser Abendessen draußen an der Picknickbank vor dem Minnie Winnie einnehmen, sind wir mit der Welt versöhnt und können uns wieder auf den weiteren Trip auch mit BestTime-Womo freuen. Wenn Minnie uns keinen Kummer macht!

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