Showdown in Las Vegas
28. März 2018

Und wieder mal ein Kapitel aus dem Buch „Geschich­ten die keiner braucht“.

Als ich nachts aufs Klo gehe und die Spülung betätige, hört die (sehr laute) Wasser­pumpe auf einmal nicht mehr auf zu pumpen. Bröööööm! Also das nächste Ding, was kaputt geht. Wir waren gerade wieder einge­schla­fen, als auf einmal der Kühlschrank ein knacken­des Geräusch von sich gibt und regel­mä­ßig die „Check“-Leuchte blinkt.

Ach ja, und die Batte­rie ist angeb­lich auch platt, obwohl wir keine größe­ren Verbrau­cher benutzt haben. Macht nur, macht nur…!

Für uns ist damit klar, dass wir diesen rollen­den Scheiss­hau­fen tatsäch­lich nach Las Vegas bringen müssen und ein Austausch her muss. „Mietet bei Best Time“ haben sie gesagt, „die haben mit die modernste Fahrzeug­flotte“ haben sie gesagt, „Ein Premium-Vermie­ter in den USA, nicht so wie die Massen­ab­fer­ti­ger El Monte und Cruise America“ haben sie gesagt. Unsere Erfah­rung ist nur ganz leicht anders…

Geckom­aus

Aufge­wühlt versu­chen wir trotz­dem noch eine Mütze Schlaf zu kriegen. Da raschelt es auf einmal hinter mir. So als wäre ein Tier am Womo. Bären? Ratten? Nachdem ich einmal gegen die Wand gebol­lert habe, wird es wieder ruhig. Aber wenig später hört man es wieder rascheln. Diesmal von vorne und es hört sich an, als könnte es auch im Womo sein. Eine Maus? Ich suche alles gewis­sen­haft ab, finde aber nichts.

Wir legen uns wieder hin, als Sofie plötz­lich ruft „Da, ich habe es gesehen! Es ist am Fenster runter­ge­huscht. Könnte ein Gecko oder eine Maus gewesen sein. Irgend­was Kleines. Und ich glaube es ist hier drin!“

Wir beschlie­ßen darauf­hin, dass Sofie vom ohnehin knochen­har­ten Alkoven­bett zu uns ins Doppel­bett umzieht — sehr kusche­lig, aber eng! Und wieder raschelt die Geckom­aus irgendwo. Ich suche nochmal, werde aber wieder nirgendwo fündig. Und irgend­wie passt es ja zu diesem ratti­gen Womo, wenn es auch noch einen Mitbe­woh­ner gäbe.

What a sunrise

Wenigs­tens die Natur spielt mit. Da wir ohnehin nicht mehr schla­fen können stehen wir zeitig auf und erleben einen wunder­ba­ren Sonnen­auf­gang. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hingu­cken soll, so schön ist das hier. Im Osten die Morgen­röte über den entfern­ten Bergkäm­men.

Aber noch grandio­ser ist der Blick auf die schnee­be­deck­ten Berge der High Sierra, deren Spitzen zunächst noch magisch weiß glänzen, sich jetzt langsam aber sicher in ein rosarot verwan­deln. Wow! Und bloß gut, dass Annette mir für die kalten Fotogra­fen­fin­ger und den müden Kopf zwischen­durch einen heißen Kaffee bringt.

Top Gun Surprise

Wir verab­schie­den uns von den Alabama Hills mit einem ganz dringen­den Gefühl, hier noch mal hin zu wollen. Absolu­ter Lieblings­platz und jetzt schon für die Großen 12 des Jahres 2018 fest gebucht.

Es geht jetzt durchs absolute Niemands­land Richtung Death Valley. Keiner­lei Anzei­chen von Zivili­sa­tion, nur noch die Straße als Zeichen mensch­li­cher Präsenz. Hat ja auch was.

Kurz nachdem wir die Grenze des Death Valley Natio­nal Parks überquert haben, donnert über uns aus buchstäb­lich heite­rem Himmel ein Düsen­jä­ger in vielleicht 50 Meter Höhe von hinten hinweg. Was ein Schreck! Genau so schnell wie er gekom­men ist, ist er auch weg. Das Adrena­lin durch den Schreck hält aber länger vor, denn ich hätte fast vor Schreck das Steuer verris­sen. Kampf­flug­zeuge im Natio­nal­park? Seriously, USA?

Durch das falsche Tal des Todes

An einer tollen Aussichts­stelle machen wir halt und tatsäch­lich fliegt auch hier wieder ein Jet über uns hinweg. Und so verstö­rend wie es ist — es hat auch eine gewisse Faszi­na­tion.

Als wir am Father Crowley Overlook erneut anhal­ten, sehen wir einen tollen tiefen, zerklüf­te­ten Talein­schnitt und können uns vorstel­len, dass das genau die Route sein müsste, die die Tiefflie­ger nehmen. Das wäre schon ein spekta­ku­lä­res Foto! Also stelle ich meine Kamera auf Highspeed-Düsen­jet-Modus und warte gedul­dig, dass es wieder dröhnt. Aber „leider“ bleibt alles fried­lich. Nunja.

Von dort aus geht es hinab ins Tal des Todes. Weit unter sich sieht man weiße Ödnis im Tal und ich belächle ein bisschen Annet­tes Karten­le­se­kunst, als sie meint, dass das aber noch nicht das Death Valley sei. „Das sieht man doch! Was soll es denn sonst sein?“ denke ich mir. Aber in der Tat ist es das Panamint Valley. Quasi ein Tal vor dem Death Valley.

Denn wir fahren hinab, durch den trost­lo­sen Ort mit dem immer­hin schönen Namen Panamint Springs hindurch und dann wieder schnur­grade den Berg hinauf.

Ich hatte vorher schon von diesen endlo­sen Steigun­gen bei der Fahrt durchs Death Valley gelesen, aber das muss man wirklich erlebt haben, um es zu glauben. Es geht ewig bergauf und dann natür­lich genau so lange wieder bergab, ohne dass man das Gefühl hat, irgend­wie Strecke zu machen, weil sich der Ausblick einfach so minimal ändert, dass man es nicht mehr wirklich verar­bei­ten kann.

Einmal mitten­durch, bitte

Als wir jetzt wirklich im Death Valley ankom­men, liegt die erste Attrak­tion, die Mesquite Dunes, zu unserer Linken. Sanddü­nen, wie aus 1001 Nacht. Und uns blutet ein bisschen das Herz, daran einfach vorbei­zu­fah­ren, da wir sonst heute nicht mehr nach Las Vegas kommen. Danke, Best Time!

Und so durch­que­ren wir all die Punkte, die ich mir bei der Reise­vor­be­rei­tung ausge­guckt habe und müssen halt irgend­wann einmal wieder kommen. Für heute gibt es nur die kurze Variante.

Zabris­kie Point

Einen Stopp gönnen wir uns dann aber doch. Alleine schon aus Pausen­grün­den. Zabris­kie Point ist ganz anders als ich es mir vorge­stellt habe. Und besser. Was eine abgefah­rene Aussicht! Das geben auch die schöns­ten Bilder so nicht wieder.

Und wir stehen hier „nur“ in der absolu­ten Mittags­sonne, nicht bei Sonnen­auf- oder unter­gang! Und da es tatsäch­lich perfekte sommer­li­che Tempe­ra­tu­ren gibt, könne wir zumin­dest diesen Teil mal genie­ßen.

200km Nichts

Und jetzt geht es genau wie auf der ersten Etappe durch absolu­tes Niemands­land. Geile Aussich­ten in die Ferne, aber ansons­ten: Nichts. Da ist schon das spannen­deste die Vorbei­fahrt an einem Gefäng­nis, wo freund­lich verbo­ten wird, Hitch­hi­ker mitzu­neh­men. Gut zu wissen…

Showdown in Las Vegas

Nachdem wir den Großstadt­ver­kehr von Las Vegas überstan­den haben, kommt es zum Showdown bei Best Time. Mit dem freund­li­chen Schwei­zer Martin und seinem Chef Neil bespre­chen wir die Lage.

Sie entschul­di­gen sich für alles, was gesche­hen ist, wollen uns für die Horror­er­fah­rung der letzten 3 Tage aber ledig­lich das gleiche Scheiss­fahr­zeug in Neu und eine 500-Meilen-Gutschrift geben.

Wir sind aber mittler­weile so frustriert mit „Best“ Time, dass wir als Verhand­lungs­po­si­tion „Full Refund“ und Weiter­fahrt mit Mietwa­gen und Motel einneh­men. „Sorry, I can‘t do this.“ antwor­tet Neil. Immer­hin ist auf einmal dann schon ein deutlich komfor­ta­ble­rer Winne­bago im Gespräch, der aber, nachdem wir ihn als „accep­ta­ble“ befun­den haben, gar nicht zur Verfü­gung steht. Wollt ihr mich verar­schen? „I‘m sorry.“

Ob wir uns doch noch mal das bereits bereit­ge­stellte Fahrzeug angucken wollten? Darauf­hin erklärt Sofie Neil erst mal, dass sie eine solche Erfah­rung in den USA ja noch nie gemacht habe. Custo­mer Service ginge doch über alles und sie habe im Super­markt sogar schon mal eine halb benutzte Creme­tube zurück­ge­ben dürfen. Und mir fällt gerade mal ein, dass George, Sofies Gastva­ter, ja Anwalt ist. „I‘ll check with our lawyer. Refund or nothing.“

Reich­lich bedient fangen die Mädels schon mal das Koffer­pa­cken an, während ich auf Neil warte, der sich anschei­nend noch mal Gedan­ken macht. Schließ­lich kommt er zu mir, und teilt mir mit, dass man doch noch einen Winne­bago gefun­den habe. Ob es okay wäre, wenn sie ihn jetzt sofort für uns vorbe­rei­ten würden? Geht doch!

Und nachdem alles schweiß­trei­bend gepackt ist, wir auf das mit angeb­lich 4 Leuten gleich­zei­tig vorbe­rei­tete Fahrzeug gewar­tet haben und der Papier­kram erledigt ist („Nein, wir haben nicht noch mal vollge­tankt.“ „Okay, wir verzich­ten auf die Straf­zah­lung.“), fragt mich Neil, ob ich jetzt wenigs­tens „half happy“ sei. „Happy“ ist mir dann immer noch zu großzü­gig, aber ich erkenne an, dass sie sich jetzt Mühe geben. Und wir erhal­ten sogar all die Basis­austat­tung, die wir in LA nicht bekom­men haben. Denn dass wir eigent­lich die Auswahl zwischen Kaffee­ma­schine oder Teekes­sel gehabt hätten, hat uns dort auch niemand gefragt…

Mit Minnie Winnie zum Lake Mead

Nach der Einwei­sung durch den schon klischee­haft schwei­ze­risch-netten Martin rollen wir also mit unserem Minnie Winnie vom Hof. Und so solide und großzü­gig der Innen­aus­bau ist, so archa­isch ist die Führer­ka­bine. So ein Design und Fahrge­fühl versetzt einen mal locker 40 Jahre in die Vergan­gen­heit. Stick-Automa­tik-Schal­tung — irre! Wenigs­tens in einer Hinsicht war unser rollen­der Scheiss­hau­fen besser…

Gut, dass wir den großen Verkehr jetzt hinter uns lassen. So kann ich mich an die schwam­mige Lenkung, die schlechte Übersicht und die breiige Bremse des Winne­bago besser gewöh­nen.

Wir haben den Boulder Beach Campground am Lake Mead als Ziel ausge­guckt, weil es in Richtung Joshua Tree NP anschei­nend nicht viel Auswahl gibt, wir ohnehin fertig von diesem anstren­gen­den Tag sind und das Wasser des Sees mit den Red Rocks noch aus 2004 als lohnend in Erinne­rung haben.

Und tatsäch­lich sieht das leuch­tende Blau des Sees (das die Bilder nur unzurei­chend wieder­ge­ben) in dieser Landschaft wirklich fantas­tisch aus.

Und auch der Campground entpuppt sich als genau das, was wir jetzt brauchen. Full-Hookup, free showers und fried­li­che Abend­stim­mung am See. Und als wir unser Abend­essen draußen an der Picknick­bank vor dem Minnie Winnie einneh­men, sind wir mit der Welt versöhnt und können uns wieder auf den weite­ren Trip auch mit BestTime-Womo freuen. Wenn Minnie uns keinen Kummer macht!

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Kalifornien Frühling 2018
Goodbye, Califor­nia!

Goodbye, Califor­nia!

Irre, wie schnell 2 Wochen vergehen können. Waren wir nicht gerade erst in LA gelandet? Aber auf der anderen Seite: Was haben wir in der Zeit alles erlebt: die entspannte Stadtrundfahrt durch LA, Streit mit Crap Time, Alabama Hills, Wüste, Joshua Trees, Segeln,...

Beach and Barbe­cue

Beach and Barbe­cue

Eine Sache haben wir in diesem Urlaub noch viel zu wenig gemacht: Strandurlaub! Da sind wir endlich am Pazifik und waren noch nicht einmal so wirklich für längere Zeit am Strand - das muss sich an unserem letzten Tag noch dringend ändern! Mission Beach Wir fahren also...

Next level shopping

Next level shopping

Bevor wir „unseren“ Tag starten, bringen wir Maddie noch in ihren Kindergarten. Oder, wie das hier heißt: „Child Development Center“. Und mir kommen schon ein bisschen die Tränen: So könnte also Vorschule/Schule aussehen, wenn man ein bisschen Geld in die Hand nähme....

Peaks and Pies

Peaks and Pies

Unser ungeplanter Campingplatz erweist sich bei Tageslicht als sehr brauchbar und vor allem als sehr gut gelegen. Denn es starten die scheinbar spannendsten Trails des State Parks genau hier. Wir haben die Qual der Wahl und entscheiden uns für den Aufstieg auf den...

Oldtown, Balboa Park und ein Abenteuer

Oldtown, Balboa Park und ein Abenteuer

Heute geht Maddie in die Preschool, was für Sofie bedeutet, dass sie sich als Au Pair nur um Sophia kümmern muss. Und daher packen wir die Kleine ins Auto und machen uns auf Sightseeingtour. Phantasia Oldtown Die Altstadt von San Diego ist nun wirklich so ganz anders...

Blumen­traum und Seelö­wen

Blumen­traum und Seelö­wen

Jetzt fängt der entspannte Teil des Urlaubs an. Für uns. Denn Sofie muss arbeiten und wir gucken unserer Tochter dabei zu, wie sie eine tolle Nanny für die kleinen Mäuse ist. Und mir gelingt es sogar, die ersten Blogposts fertig zu machen und unters Volk zu bringen....

Easter Surprise

Easter Surprise

Es geht direkt weiter mit der Feierei. Denn heute ist Ostersonntag! Und natürlich wurden im und um das Haus Dutzende von Ostereiern versteckt, die die Kinder jetzt jauchzend suchen dürfen. Und wieder eins gefunden! Frühstück läuft hier ähnlich formlos ab wie das...

Meeting the family

Meeting the family

Heute heißt es Abschied nehmen von der Wüste. Aber einen Vormittag im Nationalpark gönnen wir uns noch, bevor wir nach San Diego aufbrechen, um endlich Sofies Gastfamilie kennen zu lernen. Birthday Girl Und als allererstes steht sowieso erst Mal unsere...

“Sie haben ihr Ziel erreicht“

“Sie haben ihr Ziel erreicht“

Annette wird pünktlich kurz vor Sonnenaufgang wach und stupst mich an: „Boah!“ Es setzt sich nahtlos fort, was uns schon gestern begeistert hat - diese ohnehin schöne Landschaft ist bei Sonnenaufgang noch einen Tacken schöner! Also bewaffne ich mich mit der Kamera und...

In die Wüste

In die Wüste

Das ist doch schon ein ganz anderes Urlaubsgefühl: Eine himmlisch durchschlafene Nacht, perfekt sommerliche Temperaturen zum Frühstück und dieser wunderbare Blick auf Palmen, Lake Mead und Red Rocks. Sichtlich entspannter starten wir in den Tag, denn bis jetzt (toi,...

Awesome Alabama Hills

Awesome Alabama Hills

Wir wachen immer noch verlässlich vor Sonnenaufgang auf, fühlen uns aber fit dabei. Gut so! Während Annette und Sofie mit einer Handvoll unserer gesammelten Quarters Duschen gehen, nutze ich die Gelegenheit für einen ersten Fotospaziergang. Nicht spektakulär, aber...

Crap Time

Crap Time

Wir werden wirklich schon besser mit der Jetlagverarbeitung. Heute klappt das mit dem Schlafen schon besser und wir sind pünktlich nach dem Frühstück in der Lobby für unseren gebuchten Early-Bird-Transfer zur Womovermietung. Wer nicht da ist? Der Shuttlebus. Nach...