Home of crazy roads
4. August 2016

Nach einem Frühstück mit herrlichem Blick auf Fjord und Haussteg geht es los Richtung Aurlandfjord. Und dafür muss man erst durch einen langen Tunnel und noch im Ende des Tunnels finden sich die Warte­spuren für die Fähre nach Fodnes. Wahrscheinlich, weil sonst einfach kein Platz wäre…Was ein irres Land!

Auf der anderen Seite angekommen, geht es nach wenigen Metern erneut in einen 8km langen Tunnel. Und wenn wir gewollt hätten, hätten wir mit dem fast 25km langen Laerd­als­tunnel noch einen drauf setzen können. Wollen wir aber nicht. Für uns geht es jetzt hinauf aufs Aurlandsfjellet. Oder, wie Annette es inter­pre­tiert, ins Auenland. Naja…

Denn lieblich ist diese gewaltige Landschaft nun nicht gerade. Dafür aber mit den Blicken auf den Fjord immer wieder beein­dru­ckend.

Die Passstraße, die auch Schnee­straße genannt wird, windet sich in schmalen Sträßchen immer weiter hinauf. Wir freuen uns, dass es so wenig Gegen­verkehr gibt — Ausweichen wäre hier an sehr vielen Stellen eine aufre­gende Geschichte. Für ein Radrennen finden sich bei den übelsten Hubbeln und Löchdern in der Fahrbahn Warnungen auf der Fahrbahn: “Careful” — “Danger” — “Finish”…

Am ersten “echten” Aussichts­punkt ist es dann aber gleich gerappelt voll. Mehrere Womos und PKWs sorgen dafür, dass ich erst mal provi­so­risch halb auf der Fahrbahn parken muss. Keine 5 Minuten später ist der Platz dann fast leer…

Besonders gefällt uns hier mal wieder die archi­tek­to­nische Gestaltung des Aussichts­platzes mit einem fast 180° reichenden, großen kreis­för­migen Weg und einer ähnlich langen Sitzbank. Und als Tüpfelchen noch die “Bären­höhle” mit Kunst­in­stal­lation.

Auch hier geben sich die tollen Aussichten die Klinke in die Hand. Eine nach der anderen hat sich schick gemacht und möchte zu Recht bewundert werden. Da kann man fast schon Schön­heits­stress kriegen!

Auch der nächste größere Parkplatz ist knubb­belvoll — bis auf den Platz fürs MoMo: Glück gehabt! Denn auch hier ist die Szenerie ausge­sprochen pittoresk. Steine mit Flechten, fluffiges Moos, ein See mit Wasserfall umrandet von Schnee­feldern. Mann, Mann, Mann!

So fahren wir weiter bis zur kargen Passhöhe, gucken anderen Touristen bei einer Schnee­ball­schlacht zu und sehen im Hinter­grund schon die Fjord­täler auftauchen.

Und was hinauf fährt, muss auch wieder hinunter. Annette betet ihr Mantra von der Motor­bremse und das MoMo und ich versuchen alles, um ihr die Abfahrt so angstfrei wie möglich zu machen. Die norwe­gi­schen Straßen eher weniger. Denn 8–10% Gefälle gehören hier zum guten Ton und Leitplanken werden bei weitem überschätzt. Und wenn man einem Womokol­legen begegnet, müssen beide trotz Ausweich­stelle gerne auch mal über die Randbe­grenzung fahren. Nichts für schwache Nerven!

Als wir den Stegastein, diesen großar­tigen Steg über dem Aurlandfjord, erreichen, ist Annette schon bedient und riecht stinkende Bremsen. Gut, dass wir jetzt ein Päuschen einlegen!

Es ist picke­pa­ckevoll hier. Nix is’ mit der Handvoll Leute, die den Ausblick bewundern, wie es in den Prospekten immer aussieht. Das sind hier schon ein paar mehr! Aber die Aussicht hinunter in den Fjord ist auch wirklich zu schön und die gewagte Archi­tektur der absolute Knaller. Gut gemacht, Norwegen!

Unter uns sehen wir schon Aurland. Sieht alles putzig aus von hier oben — da wollen wir runter!

Also wieder rein ins MoMo und mal eben den Rest fahren. Dass dieser Teil dann wirklich der hunds­ge­meinste von allen wird, steht ja nirgends… Wir haben aber das Glück, dass vor uns ein hollän­di­sches Womo fährt, was uns quasi den Gegen­verkehr wegräumt. Und das ist von Fahrrad Über Motorrad bis Womo so ziemlich alles. An dieser Stelle Hut ab vor der norwe­gi­schen Omi, die völlig cool mehrere 100 Meter bergab zurück­setzte, damit wir 2 Womos an ihr vorbei kommen.

Es fühlt sich fast schon dekadent an, nach dieser Strecke einfach auf einer normalen Straße weiter­zu­fahren. Deswegen machen wir das auch nur kurz und parken erst mal für einen kleinen Bummel durch Aurland. Ein wirklich nettes kleines Örtchen.

Und wenn man von unten hinauf zum Stegastein guckt, denkt man sich “Och, so hoch ist das doch gar nicht!”…

Nach kleinem Einkauf (wo ich auf einer Postkarte das heute so passende Tages­motto “Home of crazy roads” finde) und Stärkung in der örtlichen Bäckerei (wieder sehr lecker!) steuern wir unser Tagesziel Flåm an. Der dortige Camping­platz soll gut sein und von dort könnten wir morgen entweder Bötchen fahren oder mit der berühmten Flåmbahn fahren. Mal gucken.

Aber erst mal kriegen wir einen Kultur­schock. Denn am Camping­platz ist richtig was los. Anscheinend ist gerade allge­meine Ankunftszeit. Der winzige Parkplatz an der Rezeption ist voll. Auf der Straße kann man auch nicht wirklich stehen. Also beschließe ich, es norwe­gisch zu machen. So wie bei den bishe­rigen Camping­plätzen auch. Erst mal Platz suchen und dann ganz entspannt anmelden. Da habe ich aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Gesti­ku­lierend pfeift uns Mama Platzwart zurück. So ginge das aber nicht! Erst ordnungs­gemäß anmelden! Und scheiße da stehen würde ich jetzt ja wohl auch mal. Und einfach reinfahren ginge gar nicht. Man würde gleich an seinen Platz geleitet und einge­wiesen.

Hm. Okay. Alles klar. Ich reihe mich also in die Schlange ein, die sich an der Rezeption gebildet hat. Und noch während ich gerade bezahle, kommt Sohn Platzwart und fordert mich auf, dass ich jetzt aber sofort das MoMo wegfahren solle. Wie sind die denn hier drauf? Brav folge ich ihm, der auf seinem Fahrrad flott voran fährt. Wir fahren an der Entsor­gungs­stelle vorbei, die wir eigentlich dringend nutzen wollten. Wir wollen ihn ja schließlich nicht verlieren und noch weiter in Ungnade fallen…

Am Stell­platz werde ich einge­wiesen und darauf hinge­wiesen, dass ich einen halben Meter nach links korri­gieren müsse — er brauche den Platz schließlich noch. Auf meine Nachfrage wegen der Entsorgung kriege ich nur die Antwort, dass wir das ja schließlich vorher hätten fragen können. Er hätte sich ja lange mit Annette unter­halten. Diese “Unter­haltung” drehte sich aber nur um das Thema, warum Annette daas MoMo nicht wegfahren könne… Und überhaupt: Entsorgen ginge jetzt gerade mal gar nicht, weil ja so viel Verkehr wäre. Also: Gastfreundlich kennen wir von den Norwegern echt anders!

Wir beschließen, uns lieber über das erstaunlich sonnige Wetter zu freuen. Denn tatsächlich ist es mit 20° endlich mal sommerlich und wir freuen uns, dass wir mit kurzen Sachen draußen sitzen können. Und abends Grillen: Super!

Das mit dem Grillen verschieben wir aber ganz spontan, da es hier in Flåm eine Brauerei mit Gaststätte geben soll, die bei Trip Advisor auch gelobt wird: Ægir BrewPub. Die Fotos sehen gut aus und die Bewer­tungen sind gut bis sehr gut. Machen wir!

Als wir die paar Meter zum Schiffs­an­leger rüber gehen, schwindet unsere Begeis­terung aber recht schnell. Alles ist hier ausgelegt auf den schneller Touris­tennepp. Die Gebäude zwar durchaus geschmackvoll, aber irgendwie riecht es nach Abzocke. Wir gehen aber trotzdem mal zur Brauerei, finden das Gebäude und das Interieur anspre­chend und sind hin- und herge­rissen: Bauch­gefühl oder Schwar­min­tel­ligenz folgen? Die norwe­gi­schen Preise für eine Mahlzeit muss man beim Speise­karte-Studieren sowieso ausblenden. Mit etwas mulmigen Gefühl lassen wir uns einen Tisch im Restaurant zuweisen.

Todes­mutig bestelle ich mir die “Viking Plank”, ein 5‑Gang-Menü, bei dem jeder Gang von einer anderen Biersorte begleitet wird. Und nein, den Preis wollt ihr nicht wissen…

Als das Brett mit dem Esssen zusammen mit einem Brett voller Biergläser aufge­tischt wird, stelle ich mit einer gewissen Erleich­terung fest, dass das alles schon mal sehr gut aussieht. Und mit Befrie­digung stelle ich wenig später fest, dass es auch noch schmeckt und mit Begeis­terung, dass tatsächlich jede Biersorte einen deutlich anderen Geschmack hat und hervor­ragend zum jewei­ligen Gang passt. Sogar zum Nachtisch. Dolle Sache!

Als wir satt und zufrieden das Restaurant verlassen stellen wir fest, dass es sich einge­regnet hat. Zwar nur ein leichter Landregen, aber trotzdem freuen wir uns dann über unser mucke­liges MoMo.

Vassen­den­index

Sommer­wetter: 14,5

Pisswetter: 7,5

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