Lunde auf Runde
28. Juli 2016

Für heute haben wir uns vorge­nommen, morgens nicht ganz so schlimm zu versacken und früher aufzu­stehen. Als Hilfe haben wir das Decken­fenster nur zur Hälfte abgedunkelt. Das klappt auch so gut, dass wir um 8 Uhr tatsächlich aus den Federn kommen. Wäre aber gar nicht nötig gewesen, denn um zehn nach acht schlagen hier 3 Busse voller Kreuz­fahrt­tou­risten auf. Idyllisch! Nach einer Viertel­stunde ist der Spuk aber vorbei und wir haben den Blick auf Ålesund in der Morgen­sonne wieder nahezu für uns.

Vom Berg führen zwei Wege nach unten. Zum einen über mehr als 400 Stufen, zum anderen über einen etwas weiter geschwun­genen Weg. Wir heben uns die Stufen für den Rückweg auf.

Was wieder mal auffällt, ist, wie gelassen und ruhig es in der Stadt zugeht. Rein gar nichts ist zu spüren von der Hektik, die oft bei größeren Städten in der Luft liegt. Hier hat man den Eindruck, dass selbst ein Eilbote grund­sätzlich zu Fuß geht und zwischen­durch mal einen kleinen Schwatz hält. Sympa­thisch!

Mit Ålesund tun wir uns aber trotzdem schwerer als erwartet. Nachdem wir in allen Reise­führern so viel über die tolle Jugend­stil­stadt am Nordmeer gelesen haben, waren die Erwar­tungen dann wohl doch zu groß. Denn auch wenn das Stadtbild von oben nett aussieht, ist es dann im Detail, wenn man durch die Straßen geht, eher unter­wäl­tigend. Klar, es gibt ein paar sehr schöne Fassaden. Klar, die steilen Sträßchen haben was von San Francisco. Aber irgendwie ist das ganze dann doch mehr Wuppertal als Weltstadt. Keine neue Lieblings­stadt für uns.

Und so verlassen wir die Stadt auch ohne das Bedürfnis noch länger bleiben zu wollen. Es geht noch weiter raus zum Meer: Die Vogel­insel Runde ist unser Ziel! Zwar ist der Wetter­be­richt eigentlich ziemlich verheerend und sagt nichts gutes voraus, aber die Insel mit der Möglichkeit, die putzigen Papagei­en­taucher zu sehen, steht ganz hoch auf unserer Liste der Dinge, die wir unbedingt machen wollen.

Die Fahrt dorthin verheißt auch nichts gutes. Es hat sich mittler­weile, wie an den vergan­genen Tagen, grau zugezogen und gelegentlich tröpfelt es etwas. Die Inseln sind wieder mit geschwun­genen Brücken verbunden, aber insbe­sondere die letzten Brücken sind der Kracher: Eine Einbahn­stra­ßen­brücke, die so hoch geschwungen ist, dass man den Gegen­verkehr gar nicht sehen kann. Lediglich eine Begeg­nungs­bucht auf dem Scheitel der Brücke ist vorge­sehen. Wenn das mal gut geht… Aber trotz aller Befürch­tungen: Es geht! Denn viel los ist hier halt nicht mehr. Runde ist die letzte Insel in dieser Kette. Danach nur noch das weite, weite Meer.

Wir sind etwas bange, ob wir noch einen Platz auf dem Camping­platz kriegen, da er quasi der einzige legale (und mehr oder weniger auch mögliche) Ort ist, um mit einem Womo zu stehen. Aber wir haben Glück, werden vom netten, deutsch­spra­chigen Personal darauf hinge­wiesen, dass ein Besuch bei den Papagei­en­tau­chern erst ab 21 Uhr(!) wirklich sinnvoll sei und kriegen einen First-Class-Platz direkt an der Küste. Mit Picknickbank.

Mir kommt es ganz gelegen, denn so kann ich mit den Möwen, die hier an uns vorbei­kurven schon mal ein bisschen mit der Kamera üben. Mann, sind die schnell! Mann, sind 300mm Brenn­weite wenig!

Wir sehen ein paar Wanderer auf dem sonnen­be­schie­nenen Weg zu den Vogel­klippen. Und hinter ihnen eine schwarze Wand. Au weia, wird das wirklich was werden? Und tatsächlich setzt kurz darauf ein kräftiger Schauer ein. Den möchten wir nicht unbedingt abbekommen, wenn wir später losziehen. Und was ist mit der Kamera? Eieiei…

Da es sich aber nicht weiter einregnet, sondern weiter wechselhaft bleibt, ziehen wir uns wind- und wasserfest an und machen uns auf den Weg. No risk, no fun! Und was für eine gute Entscheidung das war!

Der Weg geht steil hinauf. Also: Steil! Das erste Stück ist netter­weise asphal­tiert. Und ich dachte, dass man hiermit schon das steilste hinter sich habe. Aber tatsächlich kommt nach jeder Kuppe, die man erklimmt, noch eine weitere. Dafür sind die Aussichten grandios.

Wir fürchten zwar, dass jeden Moment eines der Regen­felder, die man übers Meer ziehen sieht, auch mal bei uns landet, aber bis auf ein bisschen Sprüh­regen werden wir bis zum Ende des Tages nicht mehr nass werden. Danke, Wetter­be­richt!

Als wir an den Felsen ankommen, wo vor allem die Basstölpel brüten, bin ich zunächst eher enttäuscht. Man kann zwar toll gucken, wie elegant sie an den Klippen entlang segeln, aber zum Fotogra­fieren ist das alles zu weit weg. Wenn das alles sein soll, dann habe ich wohl die falsche Ausrüstung dabei. Hm. Wir genießen immerhin den Anblick und hoffen darauf, dass das große Sonnenloch, was wir auf dem Nordmeer glitzern sehen, zu uns rüber schwenkt.

Wir wandern weiter entlang der Klippen und sehen Schwärme von kleinen schwarzen Vögeln übers Wasser rasen. Annette ist sich sicher: Das sind sie! Und ich mache wieder ein langes Gesicht, denn diese winzigen Kerle kriege ich unmöglich scharf vor die Linse. Aber wieder hilft mir mein Scout Annette und entdeckt die ersten Lunde (so, oder Puffins nennt man die Papagei­en­taucher auch), die in den Klippen sitzen.

Auch hier kämpfe ich mit Licht und Kamera und wünsche mir mehr Brenn­weite und mehr Licht­stärke. Hmpf. Aber schon mal ganz gut. Wenn man die anderen Fotografen sieht, die mit noch dickeren Tüten hier rumlaufen, muss ich wohl zufrieden sein.

Annette beschließt, sich einfach in eine Mulde am Klippenrand zu legen und dem Treiben zuzugucken. Ich gehe weiter und hoffe auf noch günstigere Positionen und Blick­winkel. Und an jeder Stelle entdeckt man Neues. Plötzlich ist das Licht auf dem Meer ganz famos und mit den segelnden Vögeln ergibt sich ein wunder­bares Bild. So schön!

Und was ist das für ein großer Schatten da am Himmel? Das muss doch… Tatsächlich: Ein Adler! Und wenn man dem Umriss trauen darf, ein Stein­adler. Kommt auf dem Bild nicht so ganz rüber, aber vor allem im Verhältnis zu den anderen Vögeln ist das beein­dru­ckend. Groß. Mächtig. Und wenn ich mich nicht täusche, schwebt er mit einem leckeren Abend­essen in den Klauen davon.

Kaum bin ich am nächsten Klippen­ab­schnitt angekommen und freue mich über die wieder etwas näher sitzenden Puffins und damit verbunden besseren Bildern, als ich den Blick zum Himmel richte: Oh my God, it’s a double rainbow!

Und zwar ein richtig fetter. Mit so intensiv leuch­tenden Farben, dass man es kaum glauben kann. Hat da einer im Himmel an den Farben gedreht?

Und es wird immer doller: Denn alle anderen Fotografen sind schon zu einem Küsten­ab­schnitt weiter südlich gegangen. Warum? Hier kann man doch schon wirklich gute Fotos schießen?

Als ich dann die Leiter zu den anderen hinun­ter­klettere und zum Klippenrand gehe, weiß ich warum. Die Papagei­en­taucher (oder, worauf ein kleiner Junge besteht: Pinguine) sitzen hier quasi in Strei­chelnähe. Total entspannt, angstfrei und eher neugierig. Bei meinem ersten Vogel gehe ich vor Begeis­terung sehr nahe an den Klippenrand. Nicht gefährlich, aber waghalsig genug für Annette, die das nicht mit ansehen möchte, mir nicht mit ihrer Sorge das Fotogra­fieren vergrätzen will und wieder die Leiter hinauf steigt. Lieb von ihr, aber so verpasst sie leider auch die ultimative Puffin-Fotografier-und-Beobach­tungs­stelle.

Denn hier kann man die Kleinen so nah sehen, ihre waghal­sigen Ab- und Anflüge genießen, dass es eine Freude ist. Und wenn nicht irgendwann gegen halb elf(!) die Vernunft einge­setzt hätte, die an den halbstün­digen Heimweg erinnert, wäre ich vielleicht noch ein Stündchen geblieben. Ein absolutes Highlight!

Auf dem steilen und an vielen Stellen sehr matschigen Weg beglück­wün­schen wir uns zu unserer Entscheidung, den Weg trotz der fragwür­digen Bedin­gungen gemacht zu haben. Was für ein tolles Erlebnis! Ob man das jetzt noch toppen kann…? Aber selbst wenn nicht: Dieser Abend heute wird uns für immer in Erinnerung bleiben!

Vassen­den­index

Sommer­wetter:  11

Pisswetter: 4

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