Gute und schlechte Delika­tessen
10. Oktober 2015

Man kann beim Aufstehen doch immer etwas Neues erleben. Heute hören wir eine Hunde­meute bellen und ein Mann in neono­ranger Weste schreit sich die Seele aus dem Leib. Sind wir etwa mitten in eine Treibjagd geraten? Sicher­heits­halber kriegt Mia Stuben­arrest.

Und als wir unseren Stell­platz verlassen, sehen wir tatsächlich eine Gruppe Jäger (ganz stillos ebenfalls in neono­range) mit geschul­terten Gewehren an uns vorbei­ziehen.

Unser Etappenziel Vannes ist aus zwei Gründen wichtig. Zum einen, weil die Altstadt absolut sehenswert sein soll, zum anderen weil wir wieder zu unseren Freunden von SFR müssen — Internet tanken.

Wir finden tatsächlich auf Anhieb einen Stell­platz an der Ausfall­straße vom Hafen und freuen uns über das gute Wetter und die schöne Promenade entlang des Wassers. Schon von weitem hören wir vertraute Klänge — wenn das mal keine Samba­truppe ist! Aber warum? An der Place Gambetta löst sich das Rätsel: Es ist alles für den Vannes-Marathon vorbe­reitet! Und die Truppe legt einen echt guten Auftritt hin — da möchte man gerne mitmachen!

In der Altstadt herrscht reges Treiben, denn es ist Markt. Alles scheint auf den Beinen zu sein, so voll ist es. Wir betrachten das Treiben und schlagen an einem Stand mit frischem Honig­kuchen zu — sensa­tionell lecker! Annette ersteht eine Bluse nachdem sie von den Markt­leuten optisch vermessen wurde: T3 lautet das Urteil und würde auf jeden Fall passen. Na dann.

Die Altstadt von Vannes hat wirklich allerhand olle, schräge und liebevoll instand gehaltene Fachwerk­häuser zu bieten. Und in diesen Häuschen gibt es allerhand Geschäfte mit wirklich origi­nellen Sachen und weniger mit dem klassi­schen Touris­tennepp. Und Kunst am Bau haben sie auch noch eingebaut. Es macht Spaß, durch diese Stadt zu bummeln!

Auf dem Rückweg kommen wir noch einmal über den Markt, wo mittler­weile fleißig abgebaut wird. An einem Stand mit breto­ni­schem Gebäck probieren wir ein Häppchen Käsekuchen und einen “Kouign Amann”, was man vielleicht am besten als rundes Croissant beschreiben kann, das mit mehr Butter und Zucker gebacken ist, als der Waage lieb ist. Aber lecker! Und deshalb kaufen wir uns einen dieser Rundlinge und verspeisen ihn im Garten bei den Wasch­häusern außerhalb der Stadt­mauer.

Jetzt wird es aber Zeit, sich um Besuchs­grund Nummer zwei zu kümmern. Wie ein Check bei Goolge ergeben hat, gibt es einen SFR-Laden nur außerhalb der Stadt auf der grünen Wiese. Sollte ja kein Problem sein. Aber gegen dieses Einkaufs­gebiet auf der grünen Wiese vor Vannes sind die Outlets, die wir aus den USA kennen, Kinder­gärten. Es geht über immer noch einen Kreis­verkehr, bis wir dann laut Navi an der angege­benen Adresse angekommen sind. Nur, um dann festzu­stellen, dass es immer noch ein 5‑Minuten-Weg bis zum Laden ist… Dort dann das übliche Spielchen mit Nummer ziehen und keinem der Englisch spricht. Mittler­weile habe ich mit meinem “Je ne parlais francaise” richtig Routine… Ich hoffe, die treue Leser­ge­meinde weiß unser aufop­fe­rungs­volles Suchen nach SFR-Inter­net­gut­haben zu würdigen! 😉

Nachdem wir diesen Moloch verlassen haben, wird es schnell wieder ländlicher und wir steuern unser heutiges France-Passion-Ziel an: “Au Rhythme des marées” hört sich doch schon mal gut an. Am Ende einer Halbinsel südlich von Baden stoßen wir auf die Austern- und Meeres­früch­te­zucht. Wir werden freundlich empfangen, dürfen aber nicht auf dem leeren Kunden­park­platz mit schöner Sicht auf den Golf du Morbihan parken, sondern werden auf das Werks­ge­lände hinter gesta­pelte Fisch­kisten verwiesen. Naja, schön ist anders. Wir parken zumindest so, dass man aus dem Fenster noch eine halbwegs nette Aussicht hat.

Wir machen uns erst mal auf, die Gegend zu erkunden. Über einen schmalen Schleu­sendamm gelangt man auf eine kleine Insel, die wir umrunden wollen. Am Ufer genießen wir den Blick aufs Wasser. Die Sonne ist hinter einem Wolken­schleier nur nach schemenhaft zu sehen unnd es herrscht eine merkwürdig diffuse Licht­stimmung.

Auf dem weiteren Weg sehen wir noch einen Mann aus dem Wasser kommen, der offenbar in voller Montur ins Wasser gegangen ist. Die spinnen, die Bretonen!

Oder spinnen wir? Denn die “Insel” entpuppt sich als nur ein weiterer Finger einer Halbinsel! Und auch ein Rückweg am anderen Ufer ist nicht möglich, so dass wir unver­rich­teter Dinge auf gleichem Weg wieder zurück gehen.

Am Ende des Weges wartet ja eine Belohnung auf uns: Wir wollen auf der Terrasse der Austern­zucht etwas buntes Meeres­früch­tiges essen. Zur Trauma­be­wäl­tigung meiner schlechten Austern­er­fah­rungen in Irland vor über 20 Jahren mit grenzen­loser Übelkeit bestelle ich als einen gemischten Austern- und Muschel­teller. Zumindest kann ich bei den ganzen blubbernden Becken davon ausgehen, dass ich frische Ware kriege.

Nun, was soll ich sagen… Austern und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Ich habe wirklich alles gegeben, aber warum diese schlab­be­rigen Dinger als teuer bezahlte Delika­tesse durch­gehen, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben. Und das Schlimmste: Nachher ist man so hungrig wie zuvor! Gut, dass nachher im MoMo noch leckerer Käse mit gescheitem Brot auf mich warten!

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