Ein Tag für Gourmets
6. Oktober 2015

Der morgend­liche Ausblick ist nicht gerade erfreulich. Es schüttet so sehr, dass sich auch der Esel, der neben uns auf der Weide steht, in seinen Unter­stand verzogen hat. Auch als wir uns von unserer Gastge­berin verab­schieden wollen, hat sich daran nichts wesent­liches geändert. Da wir sie aber zunächst nicht antreffen, macht Annette noch die Gassirunde mit einer mäßig begeis­terten Mia. Und siehe da, als beide zurück­kehren ist auch unsere Gastge­berin aus dem Gewächshaus gegenüber aufge­taucht. So können wir uns also noch mit ein paar sehr ungewöhnlich geformten Tomaten, Schoko-Paprika und einem Aubergine-Feigen-Chutney eindecken. Toll, was man in Frank­reich alles an Lecke­reien entdecken kann!

Wir fahren bei heftigen Windböen über die Pont de Saint-Nazaire, die sich unheimlich hoch über die Loire hinweg erhebt und haben endlich breto­ni­schen Boden unter den Rädern. Hurra!

Wir haben uns vorge­nommen, zunächst den Natio­nalpark Grande Brière mit seiner Sumpf­land­schaft zu erkunden. Ähnlich wie in Schweden im Store Mosse ist das Wetter mit seinen stürmi­schen Regen­schauern aber eher nicht so aussteigen-förderlich, so dass wir in Ile-de-Fèdrun zwar kurz eine Broschüre im OT holen, aber dann auch schnell wieder ins trockene MoMo einsteigen. Der Ort hat zwar ein paar nette Reetdach­häuser, ist aber nicht so charmant wie im Reise­führer beschrieben.

Wir steuern also mit geringen Erwar­tungen das nächste angeblich hübsche Reetdachdorf Kerhinet an. Und der verpflich­tende Parkplatz mit dem rosa Reisebus vor dem Dorf lässt Schlimmstes befürchten, aber tatsächlich erwartet uns ein Highlight.

Denn der restliche Parkplatz ist so gut wie leer und als wir durch das wahrlich schnu­ckelige Dorf ziehen, gehört es uns ganz alleine. Keine Menschen­seele ist unterwegs und zu allem Überfluss ist mittler­weile auch noch die Sonne rausge­kommen. Jackpot!

Wir gucken und fotogra­fieren uns einen Wolf und schlagen in der Essens­ab­teilung des Kunst­hand­wer­ker­häus­chens zu. Im Gebiet um Guèrande, was wir als nächstes besuchen wollen, ist nämlich Salz **das** lokale Produkt. Und salziger Honig hört sich nur auf den ersten Blick komisch an, schmeckt aber ziemlich lecker! Und so wandert er zusammen mit Kaninchen-Patè und einer Kräuter-Meersalz­mi­schung in unsere Taschen.

Da der Parkplatz nicht sooo malerisch ist, versuchen wir unser Glück für eine Mittags­mahlzeit im wenige Kilometer entfernten Brèca, wo ein Hafen für die Wasser­straßen des Natio­nal­parks sein soll. Und wir finden tatsächlich einen recht netten Platz für unser Indoor-Picknick mit den heute erstan­denen Lecke­reien. Und was noch besser ist: Es schmeckt auch noch alles vorzüglich!

Solcher­maßen gestärkt geht es jetzt nach Guèrande, der Salzhaupt­stadt der Region, mit seiner mittel­al­ter­lichen Festungs­mauer, die mich spontan an den Ring um Lucca erinnert. Nur, dass hier nix los ist. Kein Wunder, bei dem immer noch eher beschei­denen Wetter!

Wir lassen uns aber die Laune nicht vermiesen und stöbern uns durch die netten Lädchen, die vor allem viele leckere Überra­schungen bereit halten. Zum Beispiel alle möglichen Varianten von Schoko-Frühstücks­auf­strichen — warum haben wir eigentlich das vergleichs­weise armselige Nutella überhaupt mitge­nommen? Unser persön­licher Favorit ist ja die Schoko­creme mit Erdnüssen!

Und auch in anderen Geschäften werden diverse Kekse, Schoko­laden, Trocken- und kandierte Früchte angeboten. Man könnte sich schier dusselig kaufen. Richtig angetan haben es uns aber die X Varianten von Fisch­suppen, ‑aufstrichen und ‑konserven, die nicht nur durch ihre tollen bunten Dosen gefallen, sondern, wenn man dem Probier­tischchen glauben darf, auch durch ihren Geschmack begeistern. Aber wer ist bitte­schön auf den dummen Gedanken gekommen, ein Fisch­kon­serven-Outlet mitten in der Altstadt zu platzieren? Da schleppt man sich ja tot!

Also lassen wir erst mal die Konserven Konserven sein und inspi­zieren erst mal die Kirche. Die hat nämlich wieder wunderbare Buntglas­fenster, die trotz des mäßigen Wetters leuchten wie verrückt.

Anschließend machen wir uns auf die Suche nach der im Reise­führer angeprie­senen Teestube Gout’Thè. Und tatsächlich gefällt es auch uns gut. Kein Wunder bei dem schwei­neleckeren Gateaux aux chocolate und den Tees, die man mit einer genialen Dreier-Eieruhr indivi­duell ziehen lassen kann.

Wir durch­stöbern noch ein paar nette Lädchen, wo man schöne Dinge für schönes Geld kaufen kann und schlagen auf dem Rückweg dann bei den Fisch­ge­schäften zu. Der ultimative Fisch­sup­pen­ver­gleich kann kommen!

Aber zuvor müssen wir noch einen guten Platz für die Nacht finden. Denn der Stell­platz von Guèrande ist zwar großzügig, aber direkt am Kreis­verkehr der Durch­gangs­straße gelegen. Nicht so doll. Wir beschließen Richtung La Turballe zu fahren und dann einen Stell­platz nach dem anderen akzuklappern. Der Stell­platz im Süden der Stadt liegt verfüh­re­risch genau zwischen Meer und Salzbecken. Und noch keine Womos da — super! Kurz darauf wissen wir auch, warum: An der Schranke steht ein Automat, der zwar freundlich erklärt, welchen Knopf man drücken soll, aber darauf leider gar nicht reagiert. So ein Pech!

Auf dem Weg zum nächsten Stell­platz weiter nördlich kommen wir an einem Camping­platz vorbei, den sich Annette schon bei der Vorbe­reitung ausge­sucht hat. Toll direkt am Meer gelegen. Aber bei einer näheren Inspektion sehen wir, dass alle Erste-Reihe-Plätze schon vergeben sind und man in der nächsten Reihe mit der Breit­seite zum heftigen Wind stünde. Also wieder nix.

Der nächste angeb­liche Stell­platz ist mit Womo-Latten verbar­ri­ka­diert. So langsam fragen wir uns, ob das so weitergeht… Aber der nächste Platz hat zwar einen Automaten, aber diesmal lässt er mit sich reden und gibt uns für freund­liche 6€ den Weg frei. Wir stellen fest, dass wir den 30-Womo-Platz für uns alleine haben und parken an einer gut windge­schützten Stelle. Nicht unwichtig, da für die Nacht Böen der Stärke 10 angekündigt sind!

Alsbald machen wir uns Richtung Sonnen­un­tergang auf, der sich hinter dem Uferwäldchen als poten­tiell lohnend ankündigt. Und kaum sind wir um die ersten paar Ecken gebogen, stehen dort 2 Womos auf unbezahlten Plätzen, die nicht wirklich schlechter als unser offizi­eller Platz sind. Wir können nur lachen und beschließen, die 6€ als gute Inves­tition in die örtliche Infra­struktur zu sehen.

Der Blick über den aufge­peitschten Atlantik Richtung Sonne lohnt sich wenig später in der Tat. Aber da wir auch ein drohendes richtig fettes Regenfeld auf uns zukommen sehen, machen wir uns strammen Schrittes auf den Rückweg zum MoMo. Denn dort beginnen wir mit dem Fisch­sup­pen­ver­gleich Part 1 und ergänzen das ganze noch um Baguette mit diversen Aufstrichen. Wer wissen will, wie sich die Redewendung “Leben wie Gott in Frank­reich” anfühlt: Genau so!

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