Über Stock und Stein

Im Gegensatz zu den gestrigen Morgenden hat sich Petrus was Neues einfallen lassen. Der Himmel ist gleichmäßig grau und rings um uns ist es trist. Ob das der Grund ist, dass im Laufe des Morgens fast alle unsere Womo-Nachbarn ebenfalls abfahren? Uns zumindest wird der Abschied von unserer Campingplatz-Entdeckung des Jahres dadurch sehr erleichtert. Nachdem das MoMo wieder von allen Abwässern befreit ist und wir (mit dem falschen Schlauch) neues Trinkwasser nachgefüllt haben, geht es endlich wieder auf Tour. Unsere mittlerweile routinierten Handgriffe sitzen zwar nach wie vor, aber es fühlt sich nach so einer langen Standzeit trotzdem komisch an, wieder Asphalt unter den Reifen zu haben.

Und weil die schwedischen Verkehrsexperten das auch so sehen, führt uns (entgegen des Rats unseres Navis) ein Schild Richtung Glaskogen auf eine unbefestige Holperstrecke. Das Navi protestiert zwar auf den nächsten 10km immer wieder und möchte uns liebend gerne wieder auf die gut ausgebaute Asphaltstraße führen, aber wir bleiben hart. Warum ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, dem Navi eine künstliche Intelligenz zu verpassen, dass nach der dritten missachteten Anweisung sich der Tonfall langsam aber sicher ins ungemütliche bewegt? Wäre im echten Leben doch auch so!

Tatsächlich kommen wir auf der offiziellen Route, wenngleich auch mit dem einen oder anderen Schlagloch schneller ans Ziel als vorgesehen. Wir erreichen Lenungshammar, den zentralen “Ort” des Naturreservats und sind überrascht, dass sich an dieser Stelle dann doch so einige Autos knubbeln. Da am Infopunkt zunächst kein Parkplatz frei zu sein scheint, wenden wir und fahren brav zum 100m weiteren Extraparkplatz.  Wir finden dort auch einen Platz fürs MoMo, aber als wir das Hinweisschild lesen, dass dort in der letzten Zeit vermehrt Aufbrüche passiert seien, sind wir mit dem Platz auf einmal doch nicht mehr so einverstanden. Dann doch lieber da, wo die Leute sind! Und tatsächlich finde ich einen Platz direkt vor der Park-Info. Da wird wohl nix passieren.

In der Info erkundige ich mich nach eher kurzen 2-3-Stunden-Wanderungen, da für den frühen Naachmittag ergiebiger Regen angekündigt ist. Das freundliche Mädchen an der Info zeigt mir Möglichkeiten auf einer DIN-A5-großen Karte, die ich auch gerne für 30 Kronen kaufen könne. “Ist ja kein Geld” denke ich und zahle willig, bis mir dann im MoMo aufgeht, dass ich gerade ein (nicht mal besonders hilfreiches) Blatt Papier für 3€ gekauft habe. Meine schnelle Kopfumrechnung hatte 30ct ergeben…

Wir suchen uns auf der Karte den mittellangen Weg aus, der mit einem Teil am See entlang und einem Aussichtspunkt auf dem Rückweg sehr viel versprechend aussieht. Frohgemut machen wir uns mit der neuen Karte als einziger Referenz auf den Weg – Comviq zeigt mal wieder “Kein Netz” an. Dumm nur, dass der Weg auf dem ersten Teil so ungefähr gar nicht markiert ist. Da gehen wir dann eher nach Intuition und folgen der Forststraße, die von der Hauptstraße abgeht.

Und die Strecke hält von dem, was sie auf der Karte verspricht, leider gar nichts. Der Forstweg ist todlangweilig, aber wenigstens macht man ordentlich Strecke – er ist ja breit und zu sehen gibt es gar nichts, weil der Blick auf den See entweder völlig oder größtenteils von Bäumen verdeckt wird.

Und gegen Ende des Forstweges tauchen dann doch orange markierte Holzstecken auf, die wir mal als Wegweiser interpretieren. Womit wir auch Recht haben. Denn es geht endlich in die Natur neben der Straße. Aber entweder sind wir verwöhnt von dem, was wir bisher erlebt haben oder übersättigt: Der Funke will einfach nicht überspringen.

Bäume, Bäume, Bäume um uns herum. Neben uns Blåbären, Blåbären, Blåbären. Und auf dem Weg Wurzeln. Oder Steine. Oder Wurzeln. Oder moorige Stellen, die mit Planken überquert werden. Oder Steine. Bergauf. Bergab. Bergauf. Dann wieder Blåbären, Flechten, Blåbären, Flechten. Steine. Wurzeln. Und bei alldem: Keine Aussicht. Und da man nicht stolpern oder ausrutschen will, gilt: Blick nach unten. Was ist da? Richtig: Wurzeln. Oder Steine.

Das war sicherlich nicht die tollste Wanderung, die wir in diesem Urlaub gemacht haben. Und wir haben sogar noch Glück gehabt: Der angekündigte Regen setzt erst ein, als Annette im MoMo die Blåbären-Dickmilch angerührt hat. Also gucken wir uns den Tröpfelregen von drinnen an… Schade, vom Glaskogen hatten wir uns dann doch deutlich mehr versprochen.

Anschließend machen wir uns (verglichen mit den letzten Wochen) auf eine richtig lange Etappe: Es soll jetzt doch schon mehr in Richtung Süden gehen. Aber volle Pulle dann doch nicht, weil wir noch den Tiveden-Nationalpark besuchen wollen, der mit seiner Lage zwischen den großen Seen Vänern und Vättern eine gute Zwischenstation abgibt. Der angekündigte Regen hat eingesetzt und so fahren wir durch schier unendliche Waldstrecken, die aber bei dem Wetter eher trist wirken. Bitte jetzt nicht auch noch ein Elch, der auf die Straße läuft! Man rechnet in dieser einsamen Wildnis unwillkürlich damit, dass es demnächst doch passiert.

Aber wir kommen elchfrei an unserem Ziel an: Einem freien Stellplatz aus dem Schulz-Womo-Führer. Und obwohl auf den ganzen letzten Kilometern kein Auto unterwegs zu sein schien: Am kleinen Stellplatz für 2 Wohnmobile stehen schon 3 – natürlich alles Deutsche. Unverzagt fahren wir weiter, denn auf der Strecke (wieder mal unbefestigt) gibt es so viele kurz aufeinander folgende Ausweichstellen, dass wir nur mit geringfügig schlechten Gewissen eine davon zum MoMo-Stellplatz umfunktionieren. Und da in den folgenden Stunden kein einziges Auto an uns vorbeikommt, scheint das auch die richtige Entscheidung gewesen zu sein…

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Kommentar verfassen