Schöne Aussichten

Boah, was eine eisige Nacht! Da ich an der Frontseite des Alkovens liege, die ja auch etwas windschnittig geschwungen ist, spüre ich regelrecht, wie die Kälte durch die Isolierungsschicht hindurch drängt. Nachttemperaturen nahe des Gefrierpunkts sind nicht so schön – gut, dass wir zusätzliche Fleecedecken dabei haben!

Recht spät brechen wir nach einem gemütlichen Frühstück auf. Die Fußball spielenden Jungs hinter unserem Wohnmobil kriegen nach einem Volltreffer aufs MoMo den bösen Blick und sind dann auch sofort ganz einsichtig. Arrividerci, Montalcino!

Einem Tipp aus dem Womo-Forum folgend (Danke, Manfred!) fahren wir in Richtung San Quirico d’Orcia. Da wir eine Übersichtskarte über die „Terre di Siena“ haben, in der auch „grüne“ (landschaftlich reizvolle) Strecken eingezeichnet sind, fahren wir aber nicht über die SR2, sondern machen einen Schlenker über Torrenieri, um auf eine solche grüne Straße zu gelangen. Und tatsächlich macht es Spaß, auf dieser Straße zu fahren, denn sie bietet zum einen reizvolle Ausblicke und wir fahren mutterseelensolo in dem Tempo, das uns gerade genehm ist. Und aussteigen an schönen Stellen ist dann auch kein Problem. Nice!

In San Quirico visieren wir den offiziellen Stellplatz an und traditionell belegen wir den letzten Platz, der noch frei ist. Auch hier alles wie gehabt: Der Platz ist fest in italienischer Hand. Wir brechen in den Stadtkern auf und umrunden auf der Suche nach dem Stadttor erst mal die halbe Stadt, um dann bei den Horti Leonini endlich hineinzukommen. Die Gartenanlage sieht aus, als hätte sie ein Gärtner aus Versailles angelegt, dann aber entschieden, dass es doch viel uriger wäre, alles verlottern zu lassen. Schräg!

Der Wind weht eisig durch die Gassen, so dass wir gerne shoppen gehen. Sofie wird mit einem Paar Schuhe fündig und wir können unser Geburtstagsgeschenk für Hannah unter Dach und Fach bringen. Sehr gut!

Zurück auf dem Stellplatz spielen sich imposante Szenen ab: Da offensichtlich alle Italiener vor der österlichen Heimfahrt noch einmal entsorgen müssen, fährt Womo auf Womo neben uns (wir haben nämlich den Buäh-Platz neben der Entsorgungsstelle), bzw. reiht sich in die Schlange der kreuz und quer Wartenden ein. Es geht aber alles sehr gelassen und freundlich zu und wir müssen zugeben, dass so cool wie der Glatzkopf mit dem Stiernacken und der schwarzen Sonnenbrille in seinem roten Muscle-Shirt und Dolce&Gabanna-Sneakern sicher noch kein Deutscher seine Chemietoilette entleert hat.

Unsere Fahrt geht weiter Richtung Bagni San Filippo, von wo ich ein Bild mit Kalksinterterrassen gesehen hatte, was Yellowstone-Gefühle hochkommen ließ. Außerdem wollte Sofie unebdingt im Bikini in den heißen Pools baden. Aufgrund der guten Erfahrung mit den grünen Straßen wollten wir wieder nicht den ganz direkten Weg nehmen, sondern über Castiglione d’Orcia und Campiglia d’Orcia fahren. Eine nicht ganz so gute Idee. Denn in Castiglione endete der Weg auf einmal, weil eine Straße gesperrt war, so dass wir nach einer abenteuerlichen Abfahrt das ganze Stück wieder hinauf ächzen durften. Und auch in Campiglia war die Verbindungsstraße gesperrt. Anscheinend für irgendeine Osterfeierlichkeit, aber vom Luftballonschmuck sah es eher wie ein Kindergeburtstag aus. Also auf Umwegen, aber immer mit tollen Aussichten ins Val d’Orcia nach Bagni San Filippo. Besonders beeindruckt uns der Monte Amiata, der mit einer zarten Puderzuckerschicht überzogen ist. Da die Straße zu den Quellen eine Einbahnstraße ist, die noch dazu für Busse gesperrt ist, warte ich zunächst mal und schicke Annette vor, ob es überhaupt am üppig gefüllten Straßenrand ein Plätzchen für das MoMo gebe. Sofie schicke ich derweil in die Siedlung gegenüber der Einfahrt zu den Bagni, weil wir ein paar Womodächer in der Ferne sehen. Und tatsächlich findet sie einen perfekten Stellplatz und wir ziehen los, nachdem sich Sofie trotz des immer noch kalten Windes tatsächlich in den Bikini geschmissen hat. Der Weg von der Straße hinab zu den heißen Quellen ist steil und auch etwas matschig. Vorsicht!

Unten geht es zu wie in einem Schwimmbad. Alle „Whirlpools“ sind mit jungen Leuten überfüllt, so dass sich zunächst kein Platz für Sofies Heißbadeaktion findet. Und der über allem liegende schwefelige Faule-Eier-Geruch macht das Bad auch nicht gerade attraktiver. Aber weiter den Fluß hinunter ist so gut wie kein Betrieb mehr, da es schon später Nachmittag ist und so stehen wir nahezu alleine vor der massiven weißen Kalksinterwand und suchen einen Minipool für Sofie. Zwar nicht so cool wie diejenigen weiter oben, aber immer noch beeindruckend: Wir stehen dick vermummelt neben dem Kind im Bikini, dass sogar noch Zeit zum Strahlen findet. Respekt! Und auch der anschließende Rückweg zum MoMo wird klaglos absolviert. Meins wäre es ja nicht…

Wir machen uns auf nach Radicòfani, unserem Ziel für die Nacht. Im Tal sieht man schon den Burgturm und es ist ein ganz schöner Trampel nach oben. Wir peilen erst mal den offiziellen Stellplatz an, der auch einen ganz passablen Ausblick Richtung Süden hat, aber da Grèus im Womoführer so vom Platz bei der Fortezza schwärmt und das Bild wirklich verlockend aussieht, wollen wir wenigstens mal gucken. Und tatsächlich ist die Aussicht gen Norden wirklich toll! Annette und ich gehen noch hoch zur Fortezza, werden dort aber freundlich an das zu zahlende Eintrittsgeld erinnert, das wir uns dann doch schenken, weil der Ausblick so schon schön genug ist. Und wieder hören wir auf Grèus, der den Platz vor dem Friedhof empfiehlt: Ein Luxusstellplatz XXL! Wir genießen die Abendstimmung und den bevorstehenden Sonenuntergang aus dem warmen MoMo bei Ravioli alla panna und leckerem Chianti – viel besser geht es nicht!

Pünktlich zum Sonnenuntergang schwinge ich mich zum Fotografieren noch einmal nach draußen und habe nach 20 Minuten im kalten Wind kein Gefühl mehr in den Fingern, denn die Fotografenhandschuhe habe ich bei dem Wetterbericht, den wir Zuhause sahen, für komplett unnöttig gehalten. Grober Fehler!

Wir freuen uns schon auf das Frühstück mit dieser sensationellen Aussicht!

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