Schöne Aussichten
6. April 2015

Boah, was eine eisige Nacht! Da ich an der Front­seite des Alkovens liege, die ja auch etwas windschnittig geschwungen ist, spüre ich regel­recht, wie die Kälte durch die Isolie­rungs­schicht hindurch drängt. Nacht­tem­pe­ra­turen nahe des Gefrier­punkts sind nicht so schön — gut, dass wir zusätz­liche Fleece­decken dabei haben!

Recht spät brechen wir nach einem gemüt­lichen Frühstück auf. Die Fußball spielenden Jungs hinter unserem Wohnmobil kriegen nach einem Volltreffer aufs MoMo den bösen Blick und sind dann auch sofort ganz einsichtig. Arrivi­derci, Montalcino!

Einem Tipp aus dem Womo-Forum folgend (Danke, Manfred!) fahren wir in Richtung San Quirico d’Orcia. Da wir eine Übersichts­karte über die “Terre di Siena” haben, in der auch “grüne” (landschaftlich reizvolle) Strecken einge­zeichnet sind, fahren wir aber nicht über die SR2, sondern machen einen Schlenker über Torre­nieri, um auf eine solche grüne Straße zu gelangen. Und tatsächlich macht es Spaß, auf dieser Straße zu fahren, denn sie bietet zum einen reizvolle Ausblicke und wir fahren mutter­see­lensolo in dem Tempo, das uns gerade genehm ist. Und aussteigen an schönen Stellen ist dann auch kein Problem. Nice!

In San Quirico visieren wir den offizi­ellen Stell­platz an und tradi­tionell belegen wir den letzten Platz, der noch frei ist. Auch hier alles wie gehabt: Der Platz ist fest in italie­ni­scher Hand. Wir brechen in den Stadtkern auf und umrunden auf der Suche nach dem Stadttor erst mal die halbe Stadt, um dann bei den Horti Leonini endlich hinein­zu­kommen. Die Garten­anlage sieht aus, als hätte sie ein Gärtner aus Versailles angelegt, dann aber entschieden, dass es doch viel uriger wäre, alles verlottern zu lassen. Schräg!

Der Wind weht eisig durch die Gassen, so dass wir gerne shoppen gehen. Sofie wird mit einem Paar Schuhe fündig und wir können unser Geburts­tags­ge­schenk für Hannah unter Dach und Fach bringen. Sehr gut!

Zurück auf dem Stell­platz spielen sich imposante Szenen ab: Da offen­sichtlich alle Italiener vor der öster­lichen Heimfahrt noch einmal entsorgen müssen, fährt Womo auf Womo neben uns (wir haben nämlich den Buäh-Platz neben der Entsor­gungs­stelle), bzw. reiht sich in die Schlange der kreuz und quer Wartenden ein. Es geht aber alles sehr gelassen und freundlich zu und wir müssen zugeben, dass so cool wie der Glatzkopf mit dem Stier­nacken und der schwarzen Sonnen­brille in seinem roten Muscle-Shirt und Dolce&Gabanna-Sneakern sicher noch kein Deutscher seine Chemietoi­lette entleert hat.

Unsere Fahrt geht weiter Richtung Bagni San Filippo, von wo ich ein Bild mit Kalksin­ter­ter­rassen gesehen hatte, was Yellow­stone-Gefühle hochkommen ließ. Außerdem wollte Sofie unebdingt im Bikini in den heißen Pools baden. Aufgrund der guten Erfahrung mit den grünen Straßen wollten wir wieder nicht den ganz direkten Weg nehmen, sondern über Castiglione d’Orcia und Campiglia d’Orcia fahren. Eine nicht ganz so gute Idee. Denn in Castiglione endete der Weg auf einmal, weil eine Straße gesperrt war, so dass wir nach einer abenteu­er­lichen Abfahrt das ganze Stück wieder hinauf ächzen durften. Und auch in Campiglia war die Verbin­dungs­straße gesperrt. Anscheinend für irgendeine Oster­fei­er­lichkeit, aber vom Luftbal­lon­schmuck sah es eher wie ein Kinder­ge­burtstag aus. Also auf Umwegen, aber immer mit tollen Aussichten ins Val d’Orcia nach Bagni San Filippo. Besonders beein­druckt uns der Monte Amiata, der mit einer zarten Puder­zu­cker­schicht überzogen ist. Da die Straße zu den Quellen eine Einbahn­straße ist, die noch dazu für Busse gesperrt ist, warte ich zunächst mal und schicke Annette vor, ob es überhaupt am üppig gefüllten Straßenrand ein Plätzchen für das MoMo gebe. Sofie schicke ich derweil in die Siedlung gegenüber der Einfahrt zu den Bagni, weil wir ein paar Womodächer in der Ferne sehen. Und tatsächlich findet sie einen perfekten Stell­platz und wir ziehen los, nachdem sich Sofie trotz des immer noch kalten Windes tatsächlich in den Bikini geschmissen hat. Der Weg von der Straße hinab zu den heißen Quellen ist steil und auch etwas matschig. Vorsicht!

Unten geht es zu wie in einem Schwimmbad. Alle “Whirl­pools” sind mit jungen Leuten überfüllt, so dass sich zunächst kein Platz für Sofies Heißba­de­aktion findet. Und der über allem liegende schwe­felige Faule-Eier-Geruch macht das Bad auch nicht gerade attrak­tiver. Aber weiter den Fluß hinunter ist so gut wie kein Betrieb mehr, da es schon später Nachmittag ist und so stehen wir nahezu alleine vor der massiven weißen Kalksin­terwand und suchen einen Minipool für Sofie. Zwar nicht so cool wie dieje­nigen weiter oben, aber immer noch beein­dru­ckend: Wir stehen dick vermummelt neben dem Kind im Bikini, dass sogar noch Zeit zum Strahlen findet. Respekt! Und auch der anschlie­ßende Rückweg zum MoMo wird klaglos absol­viert. Meins wäre es ja nicht…

Wir machen uns auf nach Radicòfani, unserem Ziel für die Nacht. Im Tal sieht man schon den Burgturm und es ist ein ganz schöner Trampel nach oben. Wir peilen erst mal den offizi­ellen Stell­platz an, der auch einen ganz passablen Ausblick Richtung Süden hat, aber da Grèus im Womoführer so vom Platz bei der Fortezza schwärmt und das Bild wirklich verlo­ckend aussieht, wollen wir wenigstens mal gucken. Und tatsächlich ist die Aussicht gen Norden wirklich toll! Annette und ich gehen noch hoch zur Fortezza, werden dort aber freundlich an das zu zahlende Eintrittsgeld erinnert, das wir uns dann doch schenken, weil der Ausblick so schon schön genug ist. Und wieder hören wir auf Grèus, der den Platz vor dem Friedhof empfiehlt: Ein Luxus­stell­platz XXL! Wir genießen die Abend­stimmung und den bevor­ste­henden Sonen­un­tergang aus dem warmen MoMo bei Ravioli alla panna und leckerem Chianti — viel besser geht es nicht!

Pünktlich zum Sonnen­un­tergang schwinge ich mich zum Fotogra­fieren noch einmal nach draußen und habe nach 20 Minuten im kalten Wind kein Gefühl mehr in den Fingern, denn die Fotogra­fen­hand­schuhe habe ich bei dem Wetter­be­richt, den wir Zuhause sahen, für komplett unnöttig gehalten. Grober Fehler!

Wir freuen uns schon auf das Frühstück mit dieser sensa­tio­nellen Aussicht!

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Toskana Frühling 2015
Und es geht los…!

Und es geht los…!

Letzter Schultag = Erster Ferientag! So war der Plan. Und eigentlich klappt auch alles wie am Schnürchen, wenn da nicht eine Kleinigkeit wäre: Aus unerfindlichen Gründen hat sich die Starterbatterie verabschiedet und beim Anlassen kommt nur noch ein schwaches Röcheln....

Durch die Alpen

Durch die Alpen

Was ein perfekter Reisetag! Wir werden von strahlend blauem Himmel (und eisigen Temperaturen) begrüsst - ideales Fahrwetter. Also machen wir uns nach dem Morgenkaffee auf in die Schweiz, um mit Annettes Schwester samt Familie zu frühstücken. Das Kaufen der Vignette am...

Ganz schön knapp!

Ganz schön knapp!

Weder Zug noch Autos waren in der Nacht am lautesten: Die ganze Nacht hindurch hörten wir ein mehr oder weniger gleichförmiges Brummen, so als würde weit entfernt ein LKW unermüdlich seine Runden ziehen. Tatsächlich war es wohl ein Generator oder so etwas in dem...

Very steep

Very steep

Die heutige Nacht war prima - wir bekommen fast schon ein bisschen Urlaubstiming. Aber man glaubt es nicht: Die Zeit bis 9.20 Uhr, wo das Shuttletaxi vom Campingplatz zum Bahnhof fahren soll, vergeht wie immer in solchen Fällen viel zu schnell, so dass wir auf den...

Geburts­tagstag

Geburts­tagstag

Für Sofies heutigen Geburtstag haben wir extravagant Brötchen bei unseren netten Nachbarn aus Ostfriesland auf dem Campingplatz bestellt, da das Platzlädchen noch im Winterschlaf ist. "Kein Problem, machen wir gerne!" War die fruendliche Antwort gestern abend. Und da...

Durch die wilde Garfa­gnana

Durch die wilde Garfa­gnana

Fast schon etwas wehmütig brechen wir am späten Vormittag bei strahlendem Sonnenschein und toller Weitsicht auf. 3 Tage Sestri Levante war nun mal so gar nicht eingeplant, aber unser Plan ist ja ohnehin, da zu bleiben, wo es uns gefällt und insofern ist alles gut. Auf...

Wunder­volles Lucca

Wunder­volles Lucca

Ich glaube, ich habe eine neue Lieblingsstadt... Nachdem wir morgens pünktlich durch laut hantierende Fahrzeuge am Stellplatz geweckt wurden, wurde uns auch klar, warum. Anscheinend hat die Stadt Barga diesen Platz für den lokalen Fuhrpark auserkoren. Also fahren alle...

Tag der Türme

Tag der Türme

Als wir gestern abend zurück zum Wohnmobil kamen, wunderten wir uns schon, wie voll der städtische Parkplatz geworden war. Heute morgen ist er noch voller, so dass auch der Platz neben uns belegt ist. Das hatte uns gestern abend aber schon unser Wachhund mitgeteilt,...

Siesta statt Siena

Siesta statt Siena

Jetzt hat uns das Schicksal doch ereilt: Der Wetterbericht hat nicht gelogen und es ist tatsächlich der erste Tag, der uns nicht mit strahlendem Sonnenschein begrüßt, sondern wolkenverhangen ist. Es soll aber im Tagesverlauf dann auch richtig schütten. Wir schaffen es...

Irgendwas mit Mont

Irgendwas mit Mont

Wir hatten noch hin- und herüberlegt, ob wir noch einen Tag länger auf dem Platz bleiben und heute mit dem Bus nach Siena fahren. Wir entschliessen uns aber dagegen. Stattdessen brauchen wir nach dem Faulenzertag wieder etwas Bewegung. Annette hat in einem Reiseführer...

Urlaubs­splitter

Urlaubs­splitter

Heute werde ich wieder durch die frostigen Temperaturen früh wach. Angeblich waren es in der Nacht sogar deutliche Minusgrade. Für einen gemütlichen Start in den Tag drehe ich schon mal die Heizung etwas höher. Hm, springt nicht an. Gas alle? Kurzer Test mit dem Herd:...