Durch die wilde Garfa­gnana
1. April 2015

Fast schon etwas wehmütig brechen wir am späten Vormittag bei strah­lendem Sonnen­schein und toller Weitsicht auf. 3 Tage Sestri Levante war nun mal so gar nicht einge­plant, aber unser Plan ist ja ohnehin, da zu bleiben, wo es uns gefällt und insofern ist alles gut.

Auf der Autobahn stellen wir fest, dass ich offen­sichtlich die Abdeckung des Strom­an­schlusses nicht richtig festge­klippst habe und hören sie im Fahrtwind munter auf und ab klappern. Doch plötzlich ist kein Geräusch mehr zu hören und im Rückspiegel ist nicht zu erkennen, ob sie noch da ist. Hat der Wind die Klappe jetzt wirklich abgerissen? Ups! Bei einer kurzen Pinkel­pause hinter Lucca stellen wir dann aber erleichtert fest, dass der Wind die Klappe wohl nur wieder ordnungs­gemäß angedrückt hat. Danke!

Moment, hinter Lucca? Ich hatte doch gestern geschrieben, dass Lucca unser Tagesziel sei?! Nun, der Plan wurde etwas verfeinert: Wir wollen zuvor noch in die Grotta del Vento in den Bergen und zur Teufels­brücke, die im Reise­führer so exotisch aussieht.

Wir parken in Borgo und machen uns zu Fuß auf den Weg zur Brücke. Der erste Weg endet jedoch an der Bahnlinie, die wir sicher­heits­halber nicht einfach mal in der Hoffnung, dass kein Zug kommt, entlang laufen wollen. Also wieder zurück und als wir am Bahnübergang eine laut tutende Lokomotive auf uns zu kommen sehen, sind wir froh, dass wir nicht den Schienen gefolgt sind. Es sind dann auch nur ein paar hundert Meter bis zum besten Aussichts­punkt auf die Brücke. Einziger Haken: Man muss hier doch noch einmal auf die andere Seite der Gleise. Da wir ja gerade einen Zug haben passieren lassen, beschliesse ich, dass nicht viel passieren kann, da auch auf der anderen Seite eine kleine “Fotogra­fen­lücke” vorge­sehen ist. Und es lohnt sich, denn der Blick auf die Brücke ist wirklich toll!

Nach einem stärkenden Mittag­essen neben einem höchst skurrilen alten Mann(er scheint sich Schnaps, Erdbeeren und Wasser in einer bestimmten Reihen­folge zu gönnen), der mit seinem ungefähr gleich alt schei­nenden Auto schräg neben uns parkt, geht es weiter zur Tropf­stein­höhle, die uns der Womoführer schmackhaft gemacht hat. Unser Navi zeigt uns schon wieder Routen an, die ich eher nicht fahren möchte, also folgen wir der ausge­schil­derten Strecke, die nicht weniger abenteu­erlich ist. Eher 1‑½-spurig mit Überhängen an der felsigen Wand geht es über zahlreiche enge Kurven 10km ins Tal hinein.

Mehr als einmal fragen wir uns, was wohl passieren würde, wenn uns ein anderes Womo begegnen würde. Zumindest Reise­busse können auf dieser Strecke ja unmöglich zur Höhle fahren, sind wir uns sicher. Naja, zumindest so lange, bis wir auf dem Höhlen­park­platz einen ausge­wach­senen Bus stehen sehen… Wie man mit einem Bus die teilweise abenteu­erlich engen Kurven schaffen kann, ist uns zwar ein Rätsel, aber irgendwie muss er ja dort hinauf gekommen sein. Und der Fahrer, der auf seine Reise­gruppe wartet, sieht noch dazu recht entspannt aus. Profi!

Erwar­tungs­gemäß steppt in der Höhle jetzt nicht gerade der Bär. Also eigentlich sind wir die einzigen, die die 16-Uhr-Führung mitmachen. Später gesellt sich noch eine 4‑köpfige Familie, ebenfalls aus Deutschland, dazu. Unsere Führerin teilt die deutschen Audio­guides an uns aus und so gehen wir los und hören brav  an jeder Station, was es dort zu betrachten gibt und was sonst noch so wissenswert ist. Leider hat die Sprecherin ungefähr so viel Esprit wie eine Schlaf­ta­blette, so dass mir nur ein Bruchteil wirklich in Erinnerung bleibt. Der Job für unsere sehr freund­liche Führerin ist überschaubar und unendlich langweilig: Touris zum nachsten Punkt des Hörguides bringen, darauf hinweisen, dass es jetzt etwas Neues gibt und so lange warten, bis alles weggehört wurde. Dann “Mind your head”, Licht ausmachen und weiter gehen. Licht anmachen usw.usf.

Die Höhle an sich beein­druckt zwar mit ihren Größe und den schwin­del­erre­genden Höhen nach oben und unten, aber leider nicht so sehr durch spekta­kuläre Tropf­stein­for­ma­tionen, wie z.B. Nerja in Spanien. Insofern sind wir also auf hohem Niveau enttäuscht, denn die Höhle ist erstklassig erschlossen und wir haben ja auch nur den 1‑stündigen Gang gemacht und nicht die 3‑Stunden-Tour…

Das Highlight kommt zum Schluss, als unsere Führerin uns fragt, ob wir wohl die Höhle mal im Urzustand sehen wollten. Hä? Ach so, ohne Beleuchtung. Naja, mach mal… Aber das Erlebnis tiefschwarzer Dunkelheit ist dann wirklich extrem beein­dru­ckend, denn man sieht weniger als nichts. Dagegen kann Augen zumachen nicht anstinken!

Wieder aus der Höhle zurück am Tages­licht erfreuen wir uns noch etwas an der Aussicht ins noch immer nicht ganz frühlings­hafte Tal. Man merkt, dass hier trotz der frühlings­haften Tempe­ra­turen der Frühling immer noch nicht so sehr angekommen ist, wie weiter unten im Tal.

Die Rückfahrt ist dann fast schon pille­palle, wenn man schon vorher weiß, an welchen Stellen es kribbelig werden könnte und einfach vorher mal herzhaft hupt, damit auch alle wissen, dass da ein dickes Schlacht­schiff kommt…

Auf dem Weg nach Barga treibt mich das Navi zielsicher in den Wahnsinn. Die Vorschläge entsprechen grund­sätzlich nicht dem ausge­schil­derten Weg oder sollen durch abenteu­erlich kleine Gässchen führen. Man könnte fast meinen, ich habe keine Extra-Wohnmobil-Navigation gekauft, sondern einen Cinque­cento-Abenteu­ertrip!

Barga ist übrigens richtig. Nicht Borgo, nicht Braga: Barga. Auch wenn ich es mir bis abends nicht merken kann. Denn wir haben in Anbetracht der fortge­schrit­tenen Zeit Barga als Zielpunkt auser­koren, weil wir dort ohnehin noch hin wollten und es dort auch einen guten Stell­platz geben soll. Also warum nicht! Laut irgend­einer Liste soll es eines der schönsten Dörfer Italiens sein. Ist uns recht!

Der Stell­platz erweist sich als in der Tat perfekt für den Ortsbesuch gelegen. Aller­dings wirken die vorge­se­henen Strom- und Wasser­ver­sor­gungen schon etwas verwahrlost und auch der Automat, der 10€ Gebühr für die Nacht kassieren soll, ist defekt. Es gibt Schlim­meres… Aber schade ist es um den eigentlich schönen Platz schon, dass er so herun­ter­ge­kommen aussieht.

Der Aufstieg nach Barga-City ist dann mal wieder very steep, aber wir sind ja schon im Trainings­lager gewesen. Kann uns nicht schocken. Und mit jedem Schritt nimmt einen dieses kleine mittel­al­ter­liche Städtchen mit seinem über allem thronenden Dom für sich ein. Was zu dieser Jahreszeit für uns wie ein kleines Wunder ist: Wir haben die Stadt quasi für uns allein! Keine Touris­ten­massen, wie sie etwa in Siena oder San Gimignano gang und gäbe sind. Wir verbringen bei wunder­barem Abend­licht die Zeit vor dem Dom und genießen die Stille und die grandiose Sicht. Ein echter Geheimtipp!

Abends gönnen wir uns dann ein ausge­sprochen leckeres Abend­essen mit Antipasti, Wein und Pasta im L’Osteria. Sehr gemütlich und ohne viel Chichi. Wir fanden’s klasse!

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