Very steep
30. März 2015

Die heutige Nacht war prima — wir bekommen fast schon ein bisschen Urlaub­stiming. Aber man glaubt es nicht: Die Zeit bis 9.20 Uhr, wo das Shuttletaxi vom Camping­platz zum Bahnhof fahren soll, vergeht wie immer in solchen Fällen viel zu schnell, so dass wir auf den letzten Drücker am Abfahrts­platz stehen.

Am Bahnhof ist gähnende Leere und der wissende Taxifahrer gab uns noch den Tipp “If ticket machine is kaputt, ask on the train”. Natürlich war der Automat kaputt. Der Schaffner guckt uns aber nur wenig inter­es­siert und noch weniger koope­rativ an, als wir ihm mit unserer Broschüre klar machen wollen, dass wir die “Cinque Terre Card” kaufen wollen. Hat er nicht, nur Fahrkarten. Als einfache Fahrt nach Riomag­giore bitte. 34€ mit Hund. Na toll. Wir hatten mit 36€ für Eintritt in den Park, inklusive Fahrt hin und rück gerechnet. Die zahlen wir dann noch zähne­knir­schender, als die freundlich-resolute Dame in der Tourist Info in Riomag­giore uns erklärt, dass die unteren “blauen” Küstenwege leider alle gesperrt seien, sorry. Bitte die Tourist Card nur 1x entwerten! Man könne aber hoch auf den Berg (very steep!) und dann wieder runter nach Manarola. Bitte die Tourist Card nur 1x entwerten! Oder aber mit der Bahn gleich wieder zurück und dann von Vernazza nach Monte­rosso. Da wäre ja auch noch ein “blauer” Weg. Ach ja, und bitte die Tourist Card nur 1x entwerten! Wir könnten auch noch das Cinque Terre-WLAN an den Hotspots nutzen. Na immerhin. Sie ruft mir sicher noch mal hinterher, dass ich auf jeden Fall die Tourist Card nur 1x entwerten darf, aber das höre ich schon nicht mehr.

Leicht angesäuert gucken wir als gewis­sen­hafte Deutsche erst mal nach, ob der Weg auch wirklich gesperrt ist. Ist er. Und der andere Weg ist nicht ausge­schildert. Also nehmen wir den einzig verblei­benden Weg vom Bahnhof aus steil bergauf. Irgendwann kommt dann doch ein Hinweis­schild nach Manarola, auch wenn der Weg sehr abenteu­erlich aussieht. Später werden wir gelernt haben, dass der Weg immer richtig ist, wenn er völlig absurd aussieht. Es geht also steil hoch, so wie in “da möchtest du nicht wirklich hoch, oder?”. Und was an der ersten Steigung noch cool und aufregend schmal ist, wird bald mit jedem Höhen­meter tatsächlich und wirklich anstrengend. Very steep, die Dame in der Tourist Info hat nicht gelogen. Und das gemeine: Immer wenn man denkt, gleich sei die letzte Steigung geschafft, tut sich nach einer Kurve die nächste Steigung auf.

Irgendwann ist es aber gut und wir geniessen den Ausblick hinunter. Jetzt wird es sicher einfacher. Bergab geht doch leicht. Ach nein, es geht natürlich dann auch very steep bergab! Und das ist mit Hund nur semilustig, denn Mia findet das alles ganz abenteu­erlich und kann sich gar nicht vorstellen, dass wir da etwas gemäch­licher runter müssen. Und bei einem Hund mit Jagdtrieb, der an der Leine gehen muss, wird es dann eine logis­tische Heraus­for­derung an den wirklich steilen Stellen: Annette (ganz oben), reicht die Leine an Sofie (Mitte) weiter, die wiederum an Micha weitergibt, der unten steht. Und der Hund zieht immer weiter…

Irgendwann kommen wir dann aber in Manarola an. Ein wirklich nettes, buntes Städtchen, dem man anmerkt, dass die Saison noch nicht begonnen hat. Viele Läden und Restau­rants sind noch zu, aber wir gönnen uns trotzdem ein ausge­sprochen leckeres Eis. “Scrok!” als Eissorte kannten wir auch noch nicht, schmeckt aber sehr fein! Empfehlung!

Wir beschließen, nach Vernazza weiter zu fahren, um von dort aus auf dem blauen unteren Küstenweg nach Monte­rosso zu spazieren. Zwischen­durch versuchen wir noch, unser Cinque-Terre-Wifi zu nutzen, was auch hier wieder etwas von einem Glücks­spiel hat. Zumindest so sehr, dass Annette jedes versendete Bild mit einer Becker­faust und einem Glücks­schrei kommen­tiert, was wiederum Sofie eher peinlich ist. Ich versuche, weiter am Blog zu arbeiten, da insbe­sondere das Einbauen der Bilder mit dem langsamen Wifi eher eine Qual ist. Aber ohne Bilder geht auch nicht!

Nach einer ausgie­bigen Pause starten wir zur letzten Spazier­etappe. Denken wir. Aber der Weg führt erst mal steep nach oben, bietet dafür aber auch einen herrlichen Blick auf die Bucht von Vernazza. Das ist ja schön, denkt man, aber jetzt ist auch gut. Ist es aber nicht. Es geht ähnlich steil bergauf wie zuvor und es dauert, bis man die ebene Gehhöhe erreicht hat. Belohnt wird man mit einem schönen Ausblick auf Meer und Steil­küste. Spekta­kulär, wenn man so ca. 200m über dem Meer wandert!

Das dumme ist nur, dass man die 200m dann auch wieder hinunter muss, denn der Bahnhof von Monte­rosso liegt natürlich unten am Meer. Ächz! Und so kommen wir doch ziemlich kaputt an unserem Zielpunkt an und wanken in den Bahnhof, denn für einen Ortsrundgang durch das größte der 5 Cinque-Terre-Dörfer fehlt uns jetzt die Zeit. Den Shuttlebus hinauf zum Camping­platz möchten wir nicht verpassen.

Also steigen wir in Sestri Levante aus und suchen den Bus mit dem Montemari-Schriftzug. Aber wieso sieht hier alles so viel größer aus? Wieso gibt es in der Bahnhofs­halle plötzlich einen Schalter? Das ist doch gar nicht unser Ausgangs­bahnhof, oder…? Micha holt sein Handy raus und guckt auf das Foto, was er vor der Abfahrt gemacht hat. Nein, das sieht anders aus. Annette erkennt den Schaffner aus dem Zug, der plötzlich neben uns am Bahnsteig steht und spricht ihn an. Nein, das sei der Bahnhof von Riva Trigoso. Eine Station vorher. Argh! Aber er schaut kurz auf dem Fahrplan für uns nach und glück­li­cher­weise fährt sofort ein Zug in Richtung Heimat. Wir eilen also zum Zug und kommen 5 Minuten später am Bahnhof an. Und siehe da: Unser freund­licher Camping­platz­be­treiber wartet schon auf uns, stellt fest, dass wir aber aus der falschen Richtung kommen und bringt uns den steilen Berg zum Camping­platz hoch. Geschafft!

Abends vergeht die Zeit im Fluge mit Blog schreiben, Essen kochen und Geburts­tags­kuchen für Sofie backen. Nach diesem anstren­genden, aber schönen Tag sind wir alle hundemüde!

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