Ganz schön knapp!
29. März 2015

Weder Zug noch Autos waren in der Nacht am lautesten: Die ganze Nacht hindurch hörten wir ein mehr oder weniger gleich­för­miges Brummen, so als würde weit entfernt ein LKW unermüdlich seine Runden ziehen. Tatsächlich war es wohl ein Generator oder so etwas in dem Kaliber in einem wenige Hundert Meter entfernten E‑Werk. Eine nur mittelgute Nacht.

Wir genießen aber trotzdem die herrliche Aussicht auf den sonnigen Lago Maggiore. Einziger Nachteil: Wir stehen auf der Schat­ten­seite!

Heute soll uns der Weg ein gutes Stück weiter Richtung Toskana bringen. Zielpunkt sind die Cinque Terre mit den tollen bunten Städtchen am Meer. Aber erst mal müssen wir durch die Berge vorbei am Luganer See Richtung Mailand. Zur Abwechslung ist Sofie jetzt mal meine Beifah­rerin und hilft mir, indem sie ihr geballtes Fahrschul-Theorie-Wissen an den Mann bringt: “Warum hast du denn bei der Einfahrt in den Kreis­verkehr geblinkt?”, “An der Stop-Linie muss man aber immer anhalten!” Es ist gut, wenn man so kennt­nis­reich begleitet wird!

Auf der Autobahn in Italien gleiten wir zunächst völlig stressfrei auf schnur­ge­raden dreispu­rigen Autobahn dahin — ohne LKWs ein geradezu fürst­liches Reisen: Rechte Spur, Tempomat, schöne Musik, aus die Maus. Was nur sehr gewöh­nungs­be­dürftig ist: Die Bezahl­sta­tionen sind für Womos irgendwie viel zu niedrig (Autohöhe) oder zu hoch (LKW-Höhe). Entweder man macht es so wie ich und steigt einfach aus (was für den hinter uns fahrenden, etwas beleib­teren Womo-Fahrer aber schon eine gymnas­tische Höchst­leistung wird) oder man reckt sich todes­mutig nach oben oder unten in der Hoffnung, Kredit­karte oder Kleingeld beim Einführen nicht fallen zu lassen.

Unterwegs versuchen Sofie und ich einen Reisebus zu hijacken. Naja, nicht den ganzen Bus, sondern nur sein angepreistes WLAN, was wir als unver­schlüsselt angezeigt bekommen. Leider klappt unser krimi­neller Akt aber nicht, so dass wir nicht mal eben Mails und Nachrichten checken können, bzw. den Blog aktua­li­sieren. Denn das mit dem mobilen Internet ist anscheinend so eine Sache. Aus irgend­einem Grunde habe ich gestern in 20 Minuten 100MB Daten durch­gejagt, ohne genau zu wissen wofür. Und ich wollte eigentlich nicht jeden Tag eine neue “Websession” bezahlen… Da warte ich lieber auf ein WLAN am nächsten Camping­platz, wenn uns schon der Bus nicht reinlässt…

Die Strecke kurz vor Genua wird dann immer abenteu­er­licher: Eine Autobahn mit so vielen engen Kurven und Steigungen und Gefällen auf so kurzer Strecke habe ich wahrlich noch nicht gesehen! Auch die durchaus reizvolle, aber irgendwie auch herun­ter­ge­kommene Landschaft mit Städten und Industrie ist sehr ungewöhnlich. Als wir dann an der Küste nach einer Vielzahl an Tunneln zu unserem Zwischenziel Portofino abbiegen, denke ich, dass das anspruchs­vollste hinter uns liegt. Nicht wirklich…

Schon die Strecke nach Portofino ist eher ein enges Gewirr von Sträßchen, auf die schon eher das Wort Gasse zutrifft. Und an der Unter­führung, die mit 3,20m gekenn­zeichnet ist, kommt es zur Gretchen­frage: Weiter­fahren oder was? Denn laut Prospekt sind wir 3,15m hoch. Wenn da jetzt das Dachfenster nicht mitge­rechnet wurde, fahren wir gleich oben ohne! Sofie steigt also erst mal aus, um die Lage zu sondieren, ist sich auch nicht ganz sicher, aber die sich hinter uns bildende Schlange lässt schon gar keinen anderen Entschluss mehr zu: Augen auf und gaaaanz langsam durch! Puh, anscheinend stimmt die Katalog­angabe. Oder das Straßen­schild. Oder beides.

Auf engen Sträßchen fahren wir nach Portofino, wo an der Promenade reges Treiben herrscht. Aber wo parken? Wir fahren bis zu einem Bus/PKW-Parkplatz am Ende des Ortes. Auch dort ist zunächst kein Platz, aber wir warten erst mal ein bisschen ab und tatsächlich entdeckt Annette, dass ein Bus abfährt. Das wird unser Parkplatz!

Wir machen alles dicht, nehmen die wichtigsten Wertsachen mit und machen uns auf den Weg zurück in die Stadt. Etwas mulmig ist uns schon. Zum einen, weil der Bus-Parkplatz ja streng genommen nicht wirklich für Wohnmobile gedacht ist, aber vor allem, weil es ein DejaVu zu unserem Besuch in St. Tropez gibt. Bei unserem letzten Besuch eines schicken Seebades wurde unser Womo aufge­brochen und alle Wertsachen waren futsch. Wir beschliessen aber, dass es keine bessere Trauma­be­wäl­tigung gibt, als sich der Situation noch einmal auszu­setzen. Also verdrängen wir die bösen Gedanken an damals und machen uns auf den Weg.

Portofino ist an einem Sonntag­nach­mittag natürlich gut gefüllt. Während ich aber eupho­risch von den Tempe­ra­turen über 16° kurzär­melig unterwegs bin, hat der Durch­schnitt­sita­liener mindestens etwas langär­me­liges an oder zieht gar direkt die dicke Winter­kleidung vor. Hä?

Am Haupt­ab­schnitt der Promenade ist Festa della Primavera. Männer in blau-weißen Ringels­hirts mit Kochmütze und Schürze frittieren, was das Zeug hält Muzen ähnliche Teigmasse die als Dolci serviert wird, also gezuckert. Es gibt aber auch eine Variante, die Salati betitelt ist und, wie uns nach einer Kostprobe dämmert, nichts mit Salat, dafür aber um so mehr mit gesalzen zu tun hat. Und in der Teigmasse sind noch etwas grünes (Spinat?) und Fisch zu sehen und zu schmecken. Mjam! Das beste von allem: Es wird wie bei der Volks­speisung an alle ausge­geben, die sich in die langen Schlangen einreihen. Bezahlt wird nicht!

Begleitet wird diese köstliche Speisung von einer italie­ni­schen Stimmungsband, die das italie­nische Gegen­stück zu deutschem Schlager mit Inbrunst schmettert. Nun ja…

Als wir zum MoMo zurück­kehren, finden wir alles so vor, wie wir es verlassen hatten. Und das, obwohl uns alle ein sehr mulmiges Gefühl beschlichen hatte, je näher wir dem Parkplatz kamen. Gut so!

Auf der Rückfahrt zur Autobahn müssen wir wieder durch diese engen Straßen, auf denen sich jetzt auch noch eine Menge Roller tummeln, was das Fahren nicht einfacher macht! Aber den Vogel schießt ein PKW ab, der mich innerorts an einer ein bisschen breiteren Stelle überholt und einen Milli­meter vor meinem Kotflügel wieder einschert. Ich weiß jetzt zumindest, dass unsere Hupe funktio­niert… Als wir wieder auf die Autobahn auffahren, bin ich froh, diese wohnmo­bil­un­freund­liche Ecke hinter mir zu lassen.

In Sestri Levante steuern wir dann den Camping­platz Mare Monti an. Der freund­liche Platzwart meint, dass wir uns ja erst mal in Ruhe einen Stell­platz aussuchen könnten. Also steuern wir das MoMo erst mal auf einen Platz, um die Lage zu sondieren. Wir finden auch bald einen netten Platz unter Oliven­bäumen, aber als wir das MoMo schon dort geparkt haben, entdecken wir einen Platz mit noch einmal viel schönerer Sicht in die Bucht. Nach einigem Rangieren haben wir schließlich einen wunder­baren Platz für die Nacht. Das einzige, was nervt, ist das komplett unzuver­lässige WLAN des Camping­platzes. Mal klappt es, mal nicht. Sicher ist nur, dass die Verbindung immer dann abbricht, wenn man es am wenigsten brauchen kann. Nicht so förderlich fürs Bloggen…

Morgen geht’s in die Cinque Terre!

2 Kommentare

  1. Hallo schöne Beschreibung eurer Reise, ihr seit uns einige Tage voraus.
    Wir fahren am Donnerstag ähnliche Tour zumindest bis Lago Maggiore.

    Viel Spass noch, Michael

    Antworten
    • Dann kannst du dich vorfreuen! Es ist herrlich hier: T‑Shirt-Wetter, Sonnen­schein und leichter Wind…

      Antworten

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